Otto feiert Jubiläum: Der Purzelbaum, mit dem der Komiker Musikgeschichte schrieb

Otto Waalkes
5000 Exemplare bloß und alle handsigniert: Otto mit der soeben erschienenen Chronik seines Lebens.

In der Villa Kunterbunt am Rondeelteich in Winterhude sitzt Otto Waalkes mit seinen Freunden zusammen. Hamburg, Anfang der 70er Jahre. Eine Wohngemeinschaft, junge Leute, wenig Geld, große Pläne. Gerade hat eine Plattenfirma abgewinkt. Das Tonband „Otto – Live im Audimax“ stößt auf kein Interesse. Andere hätten sich geärgert, wären niedergeschlagen gewesen. Otto nicht. Er hat stattdessen einen Geistesblitz, macht einen Purzelbaum und ruft: „Wozu brauchen wir eine Plattenfirma? Wir gründen einfach unser eigenes Label: Rüssl Räckords!“ Wenig später wurde daraus der eigene Musikverlag – dessen Gründung liegt jetzt 50 Jahre zurück.

Aus Anlass des Jubiläums ist nun ein Buch erschienen, das Ottos Weg zum Star detailliert nachzeichnet. Alles beginnt am 22. Juli 1948 im Stadtkrankenhaus von Emden, als Adele Waalkes um 17.45 Uhr ihren zweiten Sohn zur Welt bringt: Otto Gerhard. Viel später fasst der diesen ersten Auftritt seines Lebens so zusammen: „Ein sauberer Kaiserschnitt und da war ich: Holladahiti!“

Otto Waalkes
Otto als Jugendlicher zusammen mit Vater Karl Bernhard Waalkes, einem Malermeister, und Mutter Adele.

Otto wächst in Transvaal auf, einem Emder Arbeiterviertel. Sein Vater Karl Bernhard Waalkes ist Malermeister, seine Mutter Adele, geborene Lüpkes, hält die Familie zusammen. Vater Karl pfeift bei der Arbeit, malt, spielt Geige, Akkordeon, Querflöte und später Klavier. Adele ist strenggläubig, aber weichherzig. Als der kleine Otto beim heimlichen Rauchen erwischt wird, fordert sie zwar Strafe, ruft aber sofort: „Aber Vorsicht – tu ihm nicht weh!“

Vater Karl hämmert an die Klotür und ruft: „He pupt nach Noten“

Der Junge hat früh mehr Energie, als in die kleine Wohnung passt. Er baut Schneemänner mit Brüsten, mischt Brausepulver in Kakao, bastelt, malt, liest, spielt Theater im Hinterhof und bringt seine Umgebung zum Lachen.

Otto ist von klein auf musikalisch. Er wünscht sich zunächst ein Klavier, aber das ist zu teuer. Also bekommt er erst eine Gitalele, eine kleine Kreuzung aus Gitarre und Ukulele, später eine „Peter-Kraus-Gitarre“, ein viersaitiges Rock-’n’-Roll-Modell aus den 50er Jahren. Er übt im Badezimmer, weil dort die Akustik gut ist. Er sitzt auf dem Toilettendeckel und spielt, bis Vater Karl an die Tür hämmert und feststellt: „He pupt nach Noten!“

Auch das Zeichnen gehört von Anfang an dazu. Schon als kleines Kind kritzelt Otto Segelschiffe auf die Rückseiten der Tapetenbücher seines Vaters. In der Schule fällt sein Talent auf. Beim Zeichenwettbewerb im Kaufhaus Hertie reicht der etwa neunjährige Otto ein Porträt von Albert Schweitzer und eine Zeichnung der „Gorch Fock“ ein. Er gewinnt nicht. Er wird disqualifiziert, denn die Jury glaubt, die Bilder seien viel zu gut für ein Kind. Der Vater müsse sie gemalt haben.

Otto Waalkes tritt 1962 beim ersten Musikwettbewerb an

Mit einer Gitarre, das lernt Otto früh, bekommt er Aufmerksamkeit. Erst die der Passanten. Dann die der Mitschüler. Dann die der Mädchen. Schließlich die eines ganzen Kaufhauses. 1962 tritt er mit seinem Kumpel Albert Snitjer beim Kinder-Musik-Wettstreit im Emder Hertie an. Die beiden proben wochenlang, singen in einen Kaktus, der als Mikrofon dienen soll, und spielen „Apache“ von den Shadows, den „Peppermint Twist“ und den „Babysitter-Boogie“, bei dem Otto Babysprache nachahmt. Sie belegen am Ende den zweiten Platz. Die Siegerin gewinnt mit Jodeln. Für Otto ist das keine Niederlage, sondern Unterricht. Jodeln funktioniert. Auch in Norddeutschland.

Kurz darauf erreicht die Beatlemania Ostfriesland. In Ottos Zimmer hängen die Fotos von John, Paul, George und Ringo. Er entscheidet: Eine Band muss her. Sie heißt The Rustlers. Otto spielt Leadgitarre, Karl-Friedrich „Zecki“ Zürn Rhythmusgitarre, Gerd Stanke Bass, Jörn Holm Schlagzeug. Die Jungs üben in Schulen, Kneipen, Nebenräumen. Otto hört Radiosendungen und Platten so lange ab, bis er die Akkorde hat. Er gibt keine Ruhe, bevor das Stück nicht sitzt.

In der Schule läuft es wechselhaft. Otto träumt, zeichnet, parodiert Lehrer und bringt Klassenkameraden zum Lachen. Im ersten Zeugnis steht: „Otto ist oft unaufmerksam.“ Später macht er daraus einen Gag: „Die schlimmsten drei Jahre meiner Schulzeit flogen an mir vorbei. Die erste Klasse!“ 1968 schafft er trotzdem das Abitur. Besonders gut ist er in Kunst und Sport.

Otto Waalkes studiert am Lerchenfeld Malerei, Kunstpädagogik, Siebdruck und Fotografie

Otto will Kunsterzieher werden. 1970 wird er an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg aufgenommen. In seiner Mappe liegen Porträts seiner Eltern und ein Stillleben. Bei der Aufnahmeprüfung sucht er sich kein großes eindrucksvolles Motiv aus. Er zeichnet den Türschließer einer Toilettentür – ein kleines unscheinbares Ding. Die Kommission ist zufrieden. Otto studiert am Lerchenfeld: Malerei, Kunstpädagogik, Schrift, Siebdruck, Fotografie. Nebenbei tritt er auf.

Hamburg ist Anfang der 70er Jahre genau der richtige Ort für Otto. In Kneipen und Clubs treffen Musiker, Liedermacher, Komiker und Leute mit großen Plänen aufeinander. Otto spielt in „Danny’s Pan“, später im „Onkel Pö“. Er singt, parodiert, erzählt, jodelt und macht aus Sprache Spielmaterial. Noch ist er kein Fernsehstar, sondern ein schmaler Ostfriese mit heller Stimme, großer Nase und Gitarre.

Zu Ottos Welt gehört auch ein Haus, das bald selbst Legende wird: die Villa am Rondeel 29 in Winterhude, später „Villa Kunterbunt“ genannt. Die weiße Patriziervilla stammt aus dem Jahr 1890, hat mehr als ein Dutzend Zimmer, vier Stockwerke, Blick auf den Teich und eine Miete, die allein kaum zu bezahlen ist. Also wird daraus eine Wohngemeinschaft.

Lindenberg in seiner alten WG
Lindenberg lebt in den 70er Jahren in einer Wohngemeinschaft zusammen mit Marius Müller-Westernhagen (l.) und Otto Waalkes (M.). Adresse: Rondeel 29 in Winterhude – die „Villa Kunterbunt“.

Dort wohnen zeitweise Otto, Udo Lindenberg, der Pianist Gottfried Böttger und Willem, der eigentlich Wilken F. Dincklage heißt: Sänger, Banjo-Spieler, Produzent und Mitgründer des Kraut Musikverlags. Mit von der Partie sind außerdem Journalisten vom „Stern“, vom „Spiegel“ und von der „Hörzu“, Leute aus der Musikszene und aus der Baubranche.

Villa Kunterbunt: In der Küche wird mehr Tischtennis gespielt als gekocht

Otto hat sein Zimmer im Erdgeschoss. Dahinter liegt eine kleine, unaufgeräumte Küche mit Delfter Fliesen, in der mehr Tischtennis gespielt als gekocht wird. Gefrühstückt wird gegen 13 Uhr. Die Villa ist Wohnung, Proberaum, Treffpunkt und Nachtlager zugleich.

Im ersten Stock wohnt Udo Lindenberg. Er schläft in einem Wasserbett – bis er eines Tages mit der Zigarette in der Hand einschläft und es durch Ottos Zimmerdecke tropft.

1973 kommt Marius Müller-Westernhagen aus Düsseldorf nach Hamburg und taucht in diese Szene ein. Mal schläft er unter dem Dach auf einer alten Matratze, mal dort, wo gerade ein Bett frei ist. Auf der Hollywoodschaukel spielt er eigene Lieder vor. Otto zieht mit ihm um die Häuser und sagt: „Komm, wir spielen einen Blues!“

In dieser Villa Kunterbunt kommt Otto auf die Idee, sein eigenes Label zu gründen. Alles beginnt damit, dass ein Auftritt von ihm im Audimax der Universität Hamburg mitgeschnitten wird. Das Band wird Hamburger Plattenfirmen angeboten. Die winken ab. Eine Sprechplatte mit einem jodelnden Ostfriesen? Das klingt ihnen offenbar zu riskant.

Otto Waalkes
Seit Urzeiten dicke Freunde: Udo Lindenberg und Otto Waalkes 1975 im „Onkel Pö“.

Einer, der trotzdem an Otto glaubt, ist Hans-Otto Mertens. Er studiert Pharmazie, spielt Kontrabass, veranstaltet Konzerte – und wird für Otto bald Freund, Organisator und erster Manager. Mertens hat ihn bei einem kleinen Auftritt entdeckt und ihm größere Auftritte verschafft. Jetzt zieht er mit ihm los, um die abgelehnte Platte doch noch herauszubringen. Sie lassen „Otto – Live im Audimax“ auf eigene Rechnung pressen und tragen die Kartons eigenhändig in Hamburger Plattenläden – die Scheibe wird zum Erfolg. Im November 1975 wird aus der Rüssl-Räckords-Idee offiziell der Rüssl Musikverlag. Eine Firma, geboren aus Trotz, Humor und einem Purzelbaum.

1975 wird aus Rüssl Räckords ganz offiziell der Rüssl Musikverlag

Da ist Otto längst auf dem Weg nach oben. 1973 läuft die erste „Otto-Show“ im Fernsehen. Das Fernsehen entdeckt den Mann, der die Säle in Hamburg schon voll bekommt. Otto ist kein Kabarettist alter Schule. Er doziert nicht, er spielt. Er macht Musik, springt in Rollen, zerlegt Wörter, parodiert Schlager und verwandelt Englischunterricht in Unsinn. „Peter, Paul and Mary are sitting in the kitchen! Peter, Paul und Maria sitzen im Kittchen!“ Aus „I am hungry“ wird „ich bin Ungar“, aus „I am thirsty“ wird „ich bin Donnerstag“.

Der Jodler wird sein Markenzeichen, die Gitarre sein Taktgeber, der Kalauer sein Werkzeug. Otto-Witze funktionieren wie Schlagerzeilen: Sie setzen sich fest. Kinder lieben die Stimme, die Grimassen, die Ottifanten. Erwachsene lachen über Parodien, Fernsehspott und Sprachspiele. „Ich möchte Sie nicht mit einer langen Rede langweilen“, sagt Otto. „Das schaffe ich auch mit einer kurzen.“

In den 70er Jahren folgen Platten, Tourneen, Shows, Auszeichnungen. Der Ottifant wird in dieser Zeit immer wichtiger. Aus einer Zeichnung wird eine Figur, aus der Figur ein Markenzeichen, aus dem Markenzeichen ein eigener Kosmos. Otto denkt früh über Mediengrenzen hinweg. Platte, Bühne, Buch, Fernsehen, Kino, Zeitung, Merchandising – bei ihm gehört alles zusammen. Heute hieße das crossmedial.

„Dass ich meinen Film gemacht habe, hatte rein mineralogische Gründe – ich brauchte Kies“

1985 kommt „Otto – Der Film“ in die Kinos. Der Titel ist so schlicht, dass er schon wieder frech ist. Die Handlung ist weniger wichtig als das Tempo. Sketche, Musiknummern, Parodien, Running Gags. Das Publikum steht Schlange. Otto sagt später: „Dass ich meinen Film gemacht habe, hatte rein mineralogische Gründe – ich brauchte Kies.“

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Otto bleibt nicht bei Platten und Bühne stehen. Er wird Schauspieler, Autor, Zeichner, Unternehmer, Synchronsprecher. 1998 leiht er in Disneys „Mulan“ dem Drachen Mushu seine Stimme. 2002 wird er in „Ice Age“ zum Faultier Sid. Später spricht er den Grinch. Für viele Kinder ist Otto nicht zuerst der Mann mit der Gitarre, sondern diese Stimme: warm, schräg, schnell, sofort erkennbar.

Zum Jubiläum von Ottos Musikverlag ist nun ein Buch erschienen, das die Karriere des Komikers noch einmal nachzeichnet: „Otto – Die Chronik“, erarbeitet von Justus Spörel. 352 Seiten mit vielen bislang unveröffentlichten Fotos und Dokumenten. Das Buch ist auf 5000 Exemplare limitiert, jedes ist handschriftlich nummeriert und von Otto signiert. Erhältlich ist es unter www.ottifant.de.

Otto Waalkes selbst sagt über das Werk: „Diese Chronik ist vollständig und lückenlos. Dass an alles gedacht wurde, zeigt schon ihr Gewicht: Erst nach tagelangem Bizepstraining ist es mir gelungen, das Buch hochzuheben.“

In der Villa Kunterbunt am Rondeelteich in Winterhude sitzt Otto Waalkes mit seinen Freunden zusammen. Hamburg, Anfang der 70er Jahre. Eine Wohngemeinschaft, junge Leute, wenig Geld, große Pläne. Gerade hat eine Plattenfirma abgewinkt. Das Tonband „Otto – Live im Audimax“ stößt auf kein Interesse. Andere hätten sich geärgert, wären niedergeschlagen gewesen. Otto nicht. Er hat stattdessen einen Geistesblitz, macht einen Purzelbaum und ruft: „Wozu brauchen wir eine Plattenfirma? Wir gründen einfach unser eigenes Label: Rüssl Räckords!“ Wenig später wurde daraus der eigene Musikverlag – dessen Gründung liegt jetzt 50 Jahre zurück.

Aus Anlass des Jubiläums ist nun ein Buch erschienen, das Ottos Weg zum Star detailliert nachzeichnet. Alles beginnt am 22. Juli 1948 im Stadtkrankenhaus von Emden, als Adele Waalkes um 17.45 Uhr ihren zweiten Sohn zur Welt bringt: Otto Gerhard. Viel später fasst der diesen ersten Auftritt seines Lebens so zusammen: „Ein sauberer Kaiserschnitt und da war ich: Holladahiti!“