Lady Gaga, Johnny Cash, Bob Dylan – liegt Hamburgs legendärste Bühne im Grünen?
„The Godfather of Soul“ James Brown, Country-Megastar Johnny Cash, der unnahbare Bob Dylan, der legendäre Neil Young. Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen, denn kaum ein Weltstar hat die Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark ausgelassen. Seit genau 100 Jahren wird hier Musikgeschichte geschrieben – und seit 50 Jahren gibt es das Stadtpark Open Air. Ein doppeltes Jubiläum also, das gleich doppelt Grund zum Feiern liefert.
Als es 1925 auf der Freilichtbühne losging, war von Weltstars noch keine Rede. Es gab auch noch keine richtige Bühne. Unter dem Blätterdach einer Ulme traten Kinderchöre auf einem Holzpodest auf, es gab Volkstanzvorführungen, Mozart- und Wagner-Abende. Mal wurde „Figaros Hochzeit“ oder die „Zauberflöte“ gespielt, mal präsentierte Richard Ohnsorgs Niederdeutsche Bühne plattdeutsche Lustspiele. Schon damals, so berichten die Chroniken, machte das wechselhafte Hamburger Wetter den Aufführungen häufig zu schaffen.
Die Lebensbedingungen in Hamburg waren schlecht, daher wurde 1914 der Stadtpark geschaffen
Doch warum gibt es die Freilichtbühne überhaupt? Um das zu verstehen, müssen wir in der Geschichte Hamburgs ein Stück zurückgehen. Zwischen 1870 und 1910 wuchs die Hansestadt explosionsartig: Die Bevölkerung verdreifachte sich auf über eine Million. In den Arbeitervierteln herrschten unbeschreiblich schlechte Bedingungen, sechsköpfige Familien lebten in engen, dunklen und feuchten Wohnungen. Eine Folge war die Choleraepidemie von 1892.
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Für Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher (1869–1947) stand fest: Ein Park muss her. Kein „begehbares Landschaftsgemälde“ mehr wie früher, sondern ein Ort fürs Volk – einer, in dem das Betreten der Rasenflächen ausdrücklich erwünscht ist, in dem gefeiert, gespielt, flaniert und Sport getrieben wird, wo die Menschen aber auch Kultur, Theater, Musik und Tanz erleben können, möglichst gratis.
Der Stadtpark wurde 1914 eröffnet. Wegen des Ersten Weltkriegs dauerte seine Vollendung bis in die 1920er Jahre. Auch die von Gartenbaudirektor Otto Linne im Stil klassischer Amphitheater entworfene Freilichtbühne war erst 1924 fertig und wurde im Jahr darauf erstmals bespielt, bevor sie ab 1933 von der Hitler-Jugend und anderen NS-Organisationen für Propagandaveranstaltungen mit Beschlag belegt wurde.
Nach dem Krieg ging’s wieder kulturell weiter: „Jazz im Stadtpark“, so hieß eine Konzertreihe, die die SPD in den 1960er Jahren auf der Freilichtbühne veranstaltete. Ein gewisser Karsten Jahnke – damals noch ziemlich unbekannt, heute ein namhafter Konzertveranstalter – betreute das Projekt. Allerdings nur kurz: Die Reihe wurde wieder eingestellt, erzählt Jahnke, weil ständig Rocker kamen und die Jazzer wegen ihres Musikgeschmacks verprügelten.
Doch der Ort hatte es ihm angetan: 1975 kehrte er zurück, gründete Stadtpark Open Air und leitete damit eine ganz neue Ära ein. Sie dauert jetzt schon ein halbes Jahrhundert an.
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Jahnke weiß noch ganz genau, wie es damals losging: Zur Premiere gab’s einen Folk-Abend mit Ougenweide, Planxty und Steeleye Span. Allerdings nieselte es. Und weil auf dem Plakat stand: „Bei Regen findet das Konzert in der Musikhalle statt“, wurde es dorthin verlegt. „Ein großer Fehler“, so Jahnke heute. „Ich habe mir geschworen: Nie wieder kommt ein solcher Hinweis auf dem Plakat!“ Und daran hat er sich auch gehalten. Seitdem gilt: Ob „rain or shine“ – egal, es wird draußen gespielt.
Manchmal wird der Regen dann sogar zum Hauptdarsteller. Wenn sich Musiker und Publikum gegen das Wetter verbünden, entsteht diese rohe, ungeschminkte Magie, die nur Open Air kann. 1989 gab’s einen solchen Moment. The Cure im strömenden Regen, Robert Smith mit verlaufener Schminke – und das Publikum? Patschnass. Aber ekstatisch. Ein unvergesslicher Abend.
Karsten Jahnke hat aus dem kleinen Spielort eine große Adresse für internationale Stars gemacht. Bob Dylan kam in den frühen 90ern – wortkarg, aber präsent. Neil Young spielte 2001 mit Crazy Horse in der Dämmerung. Wer dabei war, redet heute noch davon. Lady Gaga gastierte 2009 mit einer improvisierten Show – der Pop-Wahnsinn hinter einer Buchenhecke.
1975 gründete Karsten Jahnke „Stadtpark Open Air“ und holte internationale Stars nach Hamburg
Zu den Künstlern, die der Freilichtbühne im Stadtpark ganz besonders treu sind, gehört Johannes Oerding. Er hat schon 27 Mal dort gespielt. Nur Lotto King Karl war mit 55 Konzerten noch öfter da. Oerding erinnert sich an sein Debüt 2013: „Damals hieß es: Wir probieren das mal – mal sehen, ob überhaupt Leute kommen. Ich war nervös. Als es dann klappte, war ich nicht mehr zu bremsen: Ich bin durch die Leute gerannt, über die Hecke gesprungen, in die Hecke gesprungen – das waren einfach gute Momente, immer!“
Längst ist die Konzertdirektion Jahnke ein Familienbetrieb. Ben Mitha, der Enkel des Gründers, erinnert sich: „Die Freilichtbühne war mein Abenteuerspielplatz.“ Heute ist er der Chef – und sorgt dafür, dass der Laden läuft.
„Karsten hat mal gesagt, er möchte, dass jeder Hamburger im Sommer wenigstens einmal den Weg in den Stadtpark findet“, so Mitha. „Damit das gelingt, setzen wir auf eine möglichst breite Mischung – von internationalen Superstars bis zu vielversprechenden Newcomern.“ Großvater Karsten ist stolz: „Ich bin beeindruckt, wie Ben unsere Firma an die neuen Marktbedingungen angepasst hat.“
Heute ist Ben Mitha der Chef. Der Opa ist stolz: „Bin beeindruckt, wie Ben das macht“
Leicht war es wirklich nicht immer. Besonders die Pandemie erwies sich als Härtetest: Maskenpflicht, Abstandsregeln, zahlreiche Absagen – vieles stand infrage. Doch das Stadtpark Open Air blieb bestehen. Johannes Oerding trat mit seinen „Lagerfeuer Acoustics“ auf – bestuhlt, stark begrenzt, aber immerhin vor Publikum. „Finanziell ein Minusgeschäft“, sagt Mitha rückblickend. „In dieser Zeit ging es jedoch nicht ums Geld, sondern auch um Hoffnung und Haltung.“
Stadtpark Open Air – das sind 30 bis 35 Konzerte im Jahr mit rund 100.000 Besuchern. Im grünen Halbrund, eingefasst von einer vier Meter hohen Buchenhecke und mit Platz für 4000 Menschen, läuft alles auf einem professionellen Niveau. Moderne High-End-Tontechnik sorgt für besten Klang. Dazu kommen ein nachhaltiges Konzept, neue Gastronomie mit einer Food Lane und ein Lärmschutzsystem, das auf exakter digitaler Vermessung basiert. So bleibt der Sound im Areal – die Emotionen, und nur sie, gehen weit darüber hinaus.
Einer der großen Fans von Stadtpark Open Air ist Olli Dittrich, der die Bühne nicht nur als Künstler kennt, sondern seit Teenagertagen auch als Zuschauer. Für ihn ist es „ein magischer Ort“. „Ich habe hier viele Weltstars gesehen. Und auch Newcomer, die keiner kannte – und die beim nächsten Mal plötzlich Stars waren.“
Olli Dittrich: „Habe hier Weltstars gesehen und Newcomer, die dann Stars wurden“
Max Giesinger nennt die Bühne eine seiner „Lieblingslocations“. „Die Leute stehen mitten in der Natur, riesige Bäume ragen im Hintergrund auf. Es ist wie ein kleiner Kessel, der sich richtig aufheizen kann, wenn die Stimmung passt.“
100 Jahre Freilichtbühne. 50 Jahre Stadtpark Open Air. Über 1000 Konzerte. Und kein Ende in Sicht. Der Sound von Hamburg hat hier ein Zuhause.