Kriegsende vor 80 Jahren: Um ein Haar wäre Hamburg dem Erdboden gleichgemacht worden

Kriegsende Hamburg
5. Mai 1945, zwei Tage nach der kampflosen Übergabe der Stadt an die Briten. Ein Cromwell- (vorne) und ein Challenger-Panzer vorm Dammtorbahnhof. Rundherum neugierige Hamburger Bürger.

Ende April 1945, vor 80 Jahren, steht das Schicksal Hamburgs auf Messers Schneide. Adolf Hitler hat die Hansestadt zur Festung erklärt und den sogenannten „Nero-Befehl“ ausgegeben: Kämpfen bis zum letzten Mann und nur verbrannte Erde hinterlassen! Wenn sich die Verantwortlichen daran halten, wird die Stadt, die unter 190 Bombenangriffen bereits schwer gelitten hat, restlos dem Erdboden gleichgemacht, das steht fest. Für diese letzte große Schlacht ziehen die Briten bereits in großem Umfang Streitkräfte in der Lüneburger Heide zusammen.

Dass dann am 3. Mai 1945, also fünf Tage vor der endgültigen Kapitulation Deutschlands, britische Panzer über die Elbbrücken rollen, ohne dass auch nur ein einziger Schuss fällt, ist ein riesiges Glück. Daran, dass die Apokalypse im letzten Moment abgewendet wird, haben die drei Männer einen großen Anteil, die vier Tage zuvor mit weißer Fahne auf der Bremer Chaussee bei Appelbüttel (Marmstorf) den Briten entgegengehen: Albert Schäfer, Generaldirektor der Phoenix-Werke in Harburg, Stabsarzt Dr. Hermann Burchard, Leiter eines Lazaretts, und Leutnant Otto von Laun, der als Dolmetscher mit von der Partie ist.

Die drei Männer, die mit weißer Fahne zu den Briten gingen: Als Helden taugen sie nicht

Heute werden die drei bisweilen als Retter der Stadt gefeiert. Dabei wird ausgeblendet, dass Fabrikdirektor Schäfer den massenhaften Einsatz von Zwangsarbeitern verantwortete und Mediziner Burchard die Euthanasie, den Mord an geistig und körperlich Behinderten, befürwortete. Sie waren beide so sehr in NS-Verbrechen verstrickt, dass sie als Helden wirklich nicht taugen.

Mut allerdings beweisen sie, als sie sich am 29. April 1945 zu ihrer gefährlichen Mission entschließen. Sie wollen die Engländer, die mit ihrer Artillerie den Stadtteil Harburg unter Feuer nehmen, darum bitten, die Phoenix-Werke zu verschonen – um der Verwundeten willen, die in einem Lazarett im Keller der Gummi-Fabrik versorgt werden. Dass die Gespräche, die Schäfer, Burchard und von Laun mit einem britischen Offizier führen, am Ende die kampflose Übergabe der Stadt einleiten, das können sie nicht mal ahnen …

Hamburgs mächtigster Nazi ist Karl Kaufmann (1900-1969). Der Gauleiter und Reichsstatthalter ist ein ergebener Vasall seines „Führers“, ein Nazi durch und durch. 1942 hat er bei Adolf Hitler darauf gedrungen, endlich mit den Deportationen beginnen zu dürfen. Tausende Juden ließ Kaufmann in den Tod schicken, auch um in den frei werdenden Wohnungen ausgebombte „arische“ Hamburger unterbringen zu können.

Nach dem Krieg wird Kaufmann sagen, dass er seit der „Operation Gomorrha“, den vernichtenden Bombenangriffen auf Hamburg im Sommer 1943, nicht mehr an den Endsieg geglaubt habe. Tatsache ist, dass er sich frühzeitig auf die Zeit nach Hitler vorbereitet. Im Duvenstedter Brook, den er auf Staatskosten zu einem Privatdomizil ausbauen lässt, hortet er große Mengen an Genussmitteln, darunter 1000 Flaschen Wein und Spirituosen – auf dem Schwarzmarkt so wertvoll wie Gold.

Die Nazis verübten in den letzten Kriegswochen noch furchtbarste Verbrechen

Kaufmann ist entschlossen, Hitlers Befehl zu ignorieren. Er will als Retter Hamburgs dastehen, als „guter Nazi“. Deshalb sollen Beweise, die auf NS-Verbrechen hindeuten, aus der Stadt verschwinden, bevor die Briten einmarschieren. Bereits im März 1945 erteilen er und der Höhere SS- und Polizeiführer Georg-Henning Graf von Bassewitz-Behr den Befehl, das KZ Neuengamme am Rande der Stadt und seine 58 Außenlager zu räumen. Kein Insasse darf lebend in die Hände der Alliierten fallen, so der Befehl. Jeder Einzelne ist schließlich ein Zeuge.

Kriegsende Hamburg
Das KZ Neuengamme, das größte KZ in Norddeutschland. Es hatte 58 Außenlager. Von rund 100.000 Häftlingen sind mindestens 50.000 ums Leben gekommen. Ab April 1945 wurde das Lager geräumt, so dass die Briten es besenrein vorfanden, als sie es am 4. Mai 1945 erreichten. Neuengamme war das einzige Nazi-KZ, das bei Ankunft der Alliierten vollständig geräumt war.

Während sich die SS-Wachleute von Neuengamme um das Überleben der Tiere aus der lagereigenen Kaninchenzucht sorgen und sie in einer Gastwirtschaft in Dammfleth (Kreis Steinburg) in Sicherheit bringen, schicken sie Menschen auf Todesmärsche. Wer nicht Schritt hält, wird an Ort und Stelle erschossen. Wer die Qualen übersteht, landet entweder im Kriegsgefangenenlager Sandbostel bei Bremervörde, im KZ Bergen-Belsen – oder auf einem der KZ-Schiffe, die in der Neustädter Bucht vor Anker liegen: Ende April 1945 sind auf dem Passagierschiff „Cap Arcona“ und den Frachtern „Thielbek“ und „Athen“ rund 9000 Menschen unter furchtbaren Umständen zusammengepfercht.

Mit anderen Häftlingen macht die SS noch vor der Lagerräumung kurzen Prozess: So werden beispielsweise zehn Jungen und zehn Mädchen in der Nacht auf den 21. April 1945 im Keller eines Schulgebäudes am Bullenhuser Damm (Rothenburgsort) erhängt – zusammen mit zwei französischen, zwei niederländischen und 24 sowjetischen KZ-Insassen. Durch den Mord will die NS-Führung die medizinischen Versuche vertuschen, die mit den Kindern gemacht wurden.

Das nächste Massaker kündigt sich an, als die SS am selben Tag die letzten 71 politischen Gefangenen aus dem Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel – 58 Männer und 13 Frauen – nach Neuengamme verlegt. Darunter Mitglieder kommunistischer Widerstandsgruppen und die Theaterschauspielerin Hanne Mertens, deren einziges „Vergehen“ darin besteht, auf einer privaten Feier dieses Spottlied gesungen zu haben: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, zuerst Adolf Hitler und dann die Partei.“

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Die 13 Frauen werden am 21. April erhängt – im Gang des Arrestbunkers an einem Balken unter der Decke. Als tags darauf die Liquidation der Männer ansteht, leisten Gefangene Widerstand. Sie überwältigen einen SS-Mann, erbeuten dessen Pistole. Die SS setzt Handgranaten und Maschinenpistolen ein, mäht die Gefangenen nieder. Nicht nur die Leichen werden eingeäschert, auch die Namensliste wird vernichtet, sodass die Identität von vielen der 71 Ermordeten bis heute ungeklärt ist.

Zurück zu den drei Männern, die auf der Bremer Chaussee bei Appelbüttel mit weißer Fahne in der Hand den britischen Truppen entgegengehen: Burchard, Schäfer und von Laun treffen bei Lürade auf britische Posten, werden beschossen, festgenommen und anschließend mit verbundenen Augen zum Lokal „Hoheluft“ nach Buchholz gebracht, damals ein britisches Offizierskasino. Captain Tom Lindsay, im Privatleben Musikprofessor in Oxford, empfängt sie freundlich.

Lindsay sagt zu, das Lazarett zu verschonen. Danach führt er mit den drei Unterhändlern Einzelgespräche. Er will ergründen, ob einer von ihnen damit einverstanden wäre, Briefe des britischen Befehlshabers Lewis O. Lyne durch die Frontlinie zu schmuggeln und an Verantwortliche in Hamburg zu überbringen. Nur Schäfer erklärt sich dazu bereit, muss den Rückweg deshalb am 30. April allein antreten. Die Briefe versteckt er unter der Einlegesohle seines rechten Schuhs. Würde die SS sie bei ihm finden, wäre er ein toter Mann.

Das Versteck bleibt unentdeckt und Schäfer schlägt sich bis zum Befehlsbunker an der Rothenbaumchaussee durch, Sitz von Generalmajor Alwin Wolz (1897-1978), dem Kampfkommandanten Hamburgs. Ihm überreicht Schäfer die Schreiben. Darin drohen die Briten damit, dass Tausende von Bombern bereitstünden, um die Stadt restlos auszuradieren. Allerdings müsse es nicht so weit kommen, heißt es da. „Im Namen der Menschlichkeit verlangen wir die Übergabe von Hamburg.“

Schäfer erinnert sich später, dass Wolz die Briefe mit einem Lächeln quittiert und zufrieden gesagt habe: „Das können die Herren Engländer bald haben.“

Aufruf
Am 2. Mai 1945 hing diese Sonderausgabe im Schaukasten der „Hamburger Zeitung“ am Gänsemarkt aus: Ein Aufruf, in dem Reichsstatthalter Kaufmann die kampflose Übergabe der Stadt ankündigt. „Wem soldatische Ehre gebietet, weiterzukämpfen, hat hierzu Gelegenheit außerhalb der Stadt“, so Kaufmann. „Das Urteil über meinen Entschluss überlasse ich getrost der Geschichte und Euch!“

Wolz ist genau wie Gauleiter Kaufmann der Meinung, dass weiterzukämpfen Wahnsinn wäre. Am darauffolgenden Tag, dem 1. Mai, schickt Wolz zwei Offiziere aus seinem Stab mit Briefen zu den Briten und erklärt sich zur Kapitulation bereit. Nachdem ebenfalls am 1. Mai bekannt wird, dass Adolf Hitler tot ist, überschlagen sich die Ereignisse: Am Mittag des 2. Mai hängt im Schaukasten der „Hamburger Zeitung“ am Gänsemarkt eine Sonderausgabe mit einem Aufruf, in dem Reichsstatthalter Kaufmann die kampflose Übergabe der Stadt ankündigt. „Wem soldatische Ehre gebietet, weiterzukämpfen, hat hierzu Gelegenheit außerhalb der Stadt“, so Kaufmann. „Das Urteil über meinen Entschluss überlasse ich getrost der Geschichte und Euch!“

Kommandeur der Waffen-SS in Langenhorn will Karl Kaufmann verhaften oder erschießen

Eigentlich sollte der Text erst am folgenden Tag ausgehängt werden. Warum es früher geschieht, ist unklar. Die vorzeitige Bekanntgabe sorgt jedenfalls für Unruhe – nicht nur in der völlig überraschten Bevölkerung, sondern auch in zahlreichen Dienststellen. Beispielsweise erscheint der Kommandeur der Waffen-SS-Verbände in Langenhorn bei Kampfkommandant Wolz – will Kaufmann entweder verhaften oder erschießen. Aber Wolz gelingt es, ihn zu beruhigen.

Zu seinem Nachfolger hat Hitler testamentarisch Großadmiral Karl Dönitz bestimmt. Die Hoffnung Kaufmanns, dass Dönitz einer Kapitulation Hamburgs seinen Segen geben würde, erfüllt sich zunächst nicht. Es kommt am 2. Mai zu einem lautstarken Telefonat zwischen beiden. Erst als sich Rüstungsminister Albert Speer einschaltet und droht, seine Mitarbeit in der Regierung niederzulegen, gibt Dönitz nach. Aus dem Fernschreiber tickert um 21.20 Uhr die Nachricht: „Hamburg ist ab sofort eine offene Stadt.“

Noch am Abend kommt es in einem Landhaus in Klecken zu Kapitulationsverhandlungen, die bis tief in die Nacht dauern. Als am Morgen danach eine Delegation des Oberkommandos der Wehrmacht im Hauptquartier der britischen 2. Armee, der Villa Möllering in Häcklingen bei Lüneburg, die Kapitulationsurkunde unterschreibt, steht der Übergabe der Stadt nichts mehr im Wege.

Die Hamburger erfahren am Vormittag des 3. Mai durch Plakate und Rundfunkdurchsagen, wie sie sich beim Eintreffen der britischen Truppen zu verhalten haben. Ab 13 Uhr herrscht Ausgangssperre. Jeder soll zu Hause bleiben. Um kurz nach 16 Uhr beginnt dann mit dem Codewort „Baltic“ der Einmarsch. In drei Marschsäulen aus Buxtehude, Tötensen und Hittfeld rollen britische Panzer auf die Hamburger City zu. Um 18.25 Uhr übergibt Wolz vor dem Rathaus die Kontrolle über die Stadt an Brigadegeneral John Michael Spurling.

Briten versenken KZ-Schiffe in der Neustädter Bucht: 6600 Häftlinge sterben

Für Hamburg ist der Krieg endlich vorbei, aber außerhalb geht das Töten noch fünf Tage weiter. In der Neustädter Bucht kommt es am 3. Mai 1945 zu einem besonders tragischen Ereignis, als 200 britische Kampfpiloten über der Ostsee ihren letzten Großangriff fliegen: Sie machen Jagd auf Schiffe, mit denen sich deutsche Truppen abzusetzen versuchen. Dabei nehmen die Kampfflugzeuge auch die „Cap Arcona“ und die „Thielbek“ unter Feuer.

Den Piloten der Fliegerstaffel ist nicht bekannt, dass sich KZ-Häftlinge an Bord befinden. Die „Thielbek“ sinkt innerhalb von 20 Minuten, die „Cap Arcona“ steht vom Bug bis zum Heck in Flammen. Wer es von den Gefangenen bis nach draußen schafft, springt ins acht Grad kalte Wasser. Wer es bis zum Strand schafft, wird von SS und Marinesoldaten erschossen. 6600 KZ-Häftlinge sterben.

Am 4. Mai 1945 stehen die Briten vor dem Tor des KZ Neuengamme. Grauenhafte Szenen wie in Bergen-Belsen, wo sich bei der Befreiung drei Wochen zuvor Leichen stapelten und bis auf die Knochen abgemagerte Halbtote apathisch in den Ecken kauerten, bleiben den britischen Soldaten diesmal erspart. Das Lager ist besenrein und menschenleer. Die letzten Häftlinge und SS-Leute haben es zwei Tage vorher verlassen, nachdem sie die Baracken von Stroh und Unrat gereinigt, sie teilweise sogar frisch gekalkt und verräterische Gegenstände wie Prügelbock und Galgen beseitigt hatten. Neuengamme ist das einzige KZ in Nazi-Deutschland, das bei Eintreffen alliierter Truppen vollständig geräumt ist.

KZ-Kommandant Max Pauly wird hingerichtet, Hamburgs Gauleiter Karl Kaufmann kommt frei

Neuengamme
Max Pauly, der letzte Kommandant des KZ Neuengamme, wurde 1946 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die Briten reaktivieren das Lager. Bis 1948 dient es zur Internierung von NS-Tätern, die von den Nazijägern der britischen War Crimes Investigation Unit überall im Land aufgespürt werden. Max Pauly, Ex-Kommandant des KZ Neuengamme, wird beispielsweise in seinem Heimatort Wesselburen (Dithmarschen) ausfindig gemacht, wohin er sich bei Kriegsende abgesetzt hat. Die Briten verurteilen ihn in den Curiohaus-Prozessen 1946 zum Tode und richten ihn hin.

Auch Ex-Reichsstatthalter Karl Kaufmann, den die Briten am 5. Mai 1945 festnehmen, ist für einige Jahre unter anderem in Neuengamme interniert. 1950 wird er aus der Haft entlassen, das Verfahren gegen ihn eingestellt. Ausgerechnet der mächtigste Nazi der Stadt wird nicht vor Gericht gestellt, muss sich für seine Verbrechen nie verantworten. Bis zu seinem Tod 1969 lebt er wohlsituiert in Hamburg.