Kletteraktion für ein Tatort-Foto – und dann die Überraschung
Drei Bestatter in grauen Anzügen tragen einen Sarg aus einem Gebäude. So ein Foto hab‘ ich in den schlimmen 1980er Jahren in Hamburg alle paar Tage gemacht. Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung. Doch das Foto auf dieser Seite ist speziell. Steht doch in fetten Lettern „Eros-Center“ an dem Haus …
Willi Bartels (1914-2007), der einzige und echte „König von St. Pauli“, hatte das Großbordell an der Reeperbahn 1967 fertiggestellt. Der Fleischer, der es durch Immobilien-Deals vor allem auf dem Kiez zum Milliardär gebracht hatte, wollte mit dem Neubau die Prostitution ein wenig aus der Schmuddelecke holen.
Doch in den 1980er Jahren war das angeblich „größte Freudenhaus der Welt“ fest in der Hand der Zuhältervereinigung GMBH. Die vier leitenden Herren dieser Bande regierten mit harter Hand und beuteten auf St. Pauli Hunderte Prostituierte brutal aus.
1982 kam es zu einer legendären Schießerei
In der Nacht zum 22. Oktober 1982 kam es hier zu der legendären Schießerei, über die ich in der MOPO mehrfach berichtet habe. Trotzdem nochmals kurz die Fakten: Zwei Prostituierte waren sich auf dem Kiez in die Haare geraten. Monika B. war dabei verletzt worden und konnte deswegen einige Zeit nicht „anschaffen“.
Ihr Mann und Zuhälter „Angie“ B. forderte nun vom Zuhälter der „Schlägerin“ einen Verdienstausfall. Doch der Mann zahlte nicht und „Angie“ holte sich Verstärkung: Einen „SS-Klaus“ genannten Zuhälter – und den gefürchteten Kampfsport-Profi Thomas Born, besser bekannt als „Karate-Tommy“.
Zwei Tote im Bordell-Salon
Als dieses Trio nun an der Tür des Salons „Bel Ami“ im Eros-Center läutete, wurde es von der Gegenseite schon erwartet. Drei „Luden“ lauerten dort, sie waren keine gefürchteten Kampfsportler, dafür aber hatten sie scharfe Pistolen im Anschlag.
Angeblich nur „aus Angst“ vor „Karate-Tommy“ eröffneten sie sofort das Feuer. „SS-Klaus“ und „Angie“ B. waren sofort tot. „Tommy“ durchbrach mit schierer Muskelkraft eine Tür und entkam, als ein Schütze gerade das Magazin wechselte.
Wie gesagt, tausendmal erzählt, diese Geschichte, die Thomas Born, der 2015 starb, auf St. Pauli endgültig zur Kiez-Legende machte.
MOPO-Reporter stand vorm Eros-Center und war frustriert
Noch nie erzählt aber habe ich die Geschichte, welche schrägen Anstalten ich damals unternahm, um die Leichen der beiden erschossenen Zuhälter zu fotografieren. Ich stand natürlich schon kurz nach den Schüssen vorm Eros-Center und war frustriert – es gab nichts zu fotografieren. Nur „Haus von außen“, wie wir Fotoreporter das nannten.
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Doch ich war immer heiß auf Tatortfotos, je näher dran, umso besser. Nun kam ich vor Ort ins Gespräch mit ein paar „Streetboys“, einer Gruppe junger Schläger, die damals Zuhälter-„Größen“ wie den „Schönen Mischa“ oder „Beatle“ Vogler bewunderten und als große Vorbilder sahen.
Ich schoss, die Kamera über dem Kopf, ein einziges Foto
Ich kannte die Jungs, hatte sie schon ein paarmal fotografiert. Sie boten mir nun an, doch eine „Räuberleiter“ zu bauen, damit ich durch ein halb geöffnetes Fenster direkt in den Salon „Bel Ami“ fotografieren konnte. Gesagt, getan. Mühsam kletterte ich hoch und schoss, die Kamera über meinen Kopf haltend, ein einziges Foto. Dann klappte ein Polizist drinnen am Tatort eilig das Fenster zu.
Neugierig eilte ich in die Redaktion zum Fotolabor, dann kam die Enttäuschung: Keine ermordeten Zuhälter auf dem Foto, nur ein Tatort-Fotograf der Kripo, der erschrocken in mein Objektiv schaut …