Jura-Student im Nazi-Kostüm: Der Möchtegern-SS-Offizier

Jura-Student Frank S. wollte an der Kirchenallee in seiner Fake-Nazi-Uniform provozieren. Das gelang ihm auch ...
Jura-Student Frank S. wollte an der Kirchenallee in seiner Fake-Nazi-Uniform provozieren. Das gelang ihm auch ...

Schwarze Uniformjacke, passende Reithose, Koppel, Schaftstiefel – der junge Mann, der da vor meiner Kamera am Hauptbahnhof posierte, sah aus wie ein SS-Offizier. Und genau diesen Eindruck wollte der damals 21-jährige Frank S. 1978 auch vermitteln, besser gesagt, er wollte in dieser Kostümierung provozieren. Beim Betrachten des Bildes kommt heute Unbehagen auf. Habe ich mich von diesem Neonazi benutzen lassen?

Damals sorgte in Hamburg eine Gruppe Neonazis um den ehemaligen Bundeswehrleutnant Michael Kühnen (1955-1991) für Aufsehen. Seine „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ (ANS) veranstaltete Aufmärsche in der City, Kundgebungen am Hauptbahnhof und die sogenannte „Eselskopf-Aktion“ am St. Georgs Kirchhof.

Darüber und über Michael Kühnen habe ich hier an dieser Stelle schon einmal 2024 berichtet: Mit Eselsmasken verkleidet, hielten damals vier Neonazis Schilder hoch. Auf denen stand: „Ich Esel glaube noch, dass Juden vergast worden sind.“ Die Kneipe, vor der die Aktion stattfand, hieß übrigens „Endstation“ und gehörte einem ebenfalls rechtsradikalen Alkoholiker. Die Bilder gingen um die Welt. Einer dieser (Nazi-)„Esel“ war Frank S.

Neonazi mit Wissenslücken in deutscher Geschichte

Der Jura-Student war noch eines der klügeren Mitglieder dieser rechtsradikalen Hamburger Splittergruppe. Ich kam mit ihm ins Gespräch, und künftig rief er mich vor diesen nicht angemeldeten Aufzügen immer an. Warum er ausgerechnet mich und nicht auch die Konkurrenz von „Abendblatt“ und „Bild“ anrief, weiß ich nicht.

Vielleicht hatten die Nazis etwas gegen Springer, dessen Verlag sich ja intensiv für die Aussöhnung von Deutschland und Israel einsetzte. Vielleicht wurde der Kontakt auch gesucht, weil ich damals mit 21 im Alter der Neonazis war und mich mit deutscher Geschichte gut auskannte. Bei Gesprächen mit den ANS-Leuten zeigten diese nämlich große Wissenslücken, vor allem auch was den Verlauf des Zweiten Weltkriegs anging.

Neonazi posierte auf der Kirchenallee

Ich erkannte nun an diesem Abend auf der Kirchenallee, als ich das Foto auf dieser Seite schoss, auch sofort, dass Frank S. unter einem schwarzen Trenchcoat diese schwarze Uniform trug. Vermutlich handelte es sich um eine umgefärbte Uniformjacke der Polizei aus den 1960er Jahren. An dieser hatte Frank S. die SS-Rangabzeichen eines „Sturmführers“ (entsprach in der Nazi-Truppe etwa einem Leutnant beim Heer) angebracht. Fertig war die täuschend echt aussehende SS-Offiziersuniform.

Von entsetzten Passanten alarmierte Polizisten erschienen, nahmen die Personalien von Frank S. auf und forderten ihn auf, seinen Trenchcoat zu schließen, damit der SS-Aufzug nicht mehr sichtbar war. Was diese Maskerade sollte?

Als Polizeireporter war MOPO-Urgestein Thomas Hirschbiegel ein harter Hund. Doch der Tod von André Zand-Vakili geht ihm nahe.
Als Polizeireporter war MOPO-Urgestein Thomas Hirschbiegel ein harter Hund. Doch diese Fälle gingen ihm nah.

Ich weiß nicht mehr, welchem Zweck das damals diente. Parolen gerufen oder Flugblätter verteilt hatte S. nicht. Einen Zweck hatte der Mummenschanz für die Neonazis natürlich erfüllt: mediale Aufmerksamkeit. Das Internet war ja noch unbekannt, die rechtsradikale Splittergruppe brauchte also die Medien, um ihre kranken Parolen in die Öffentlichkeit zu bringen.

„Stern“, „Spiegel“ und TV-Sender voll mit Berichten über ANS

„Stern“, „Spiegel“ und alle TV-Sender waren voll mit Berichten über ANS und Co. und ich war damals stolz, als die großen Magazine meine Exklusivfotos brachten und fürstlich bezahlten. Heute bin alles andere als stolz darauf. Frank S. und seine Truppe haben mich und die MOPO benutzt, und wir haben uns benutzen lassen. Die Truppe war tatsächlich völlig unbedeutend, bei den Aufmärschen machten selten mehr als 30 bis 40 Leute mit.

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In den 1980er Jahren glitten dann nicht wenige dieser Leute in den Rechtsterrorismus ab und wurden nach Mordanschlägen und Sprengstoff-Attacken verhaftet. Was allerdings aus Frank S. wurde, weiß ich nicht. In Hamburg jedenfalls ist er nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetaucht.