In einem Puff ging’s los: Hamburgs ältestes italienisches Restaurant wird 120
Die Schauspieler Romy Schneider (1938-1982) und Ulrich Tukur (67), die Tennisstars Boris Becker (57) und Michael Stich (56), der Boxer Dariusz Michalczewski (56) und sogar Hollywood-Star Robert De Niro (81): Sie alle verbrachten im „Cuneo“ unvergessliche Abende. Jetzt feiert das berühmte Restaurant Geburtstag. Und was für einen! Am 2. Mai vor 120 Jahren wurde das älteste italienische Lokal Hamburgs gegründet – und es ist seit dem ersten Tag in Familienhand.
Mehr als ein halbes Jahrhundert stand Franco Cuneo hinterm Tresen, vor ein paar Jahren hat er die Führung in die Hände seiner Tochter Franca (44) gegeben, aber er schaut immer noch gerne vorbei. Der 82-Jährige ist nicht nur Gastwirt, ein bisschen ist er auch Philosoph. Er sei der Überzeugung, dass alles, was ein Mensch tut, irgendwann auf ihn zurückfällt, deshalb gelte: „Wenn ein Gast mal kein Geld hat, was soll’s? Dann isst er eben gratis mit. Auf ein Glas Wein und einen Teller Spaghetti ist es uns noch nie angekommen.“
Eine andere Weisheit des Kiez-Gastronomen: „Jeder Mensch ist gleich viel wert.“ Deshalb mag Franco Cuneo sie auch gar nicht: die Frage, welche Prominenten im Laufe der Jahre zu seinen Gästen zählten. „Nur weil einer einen Film gedreht hat, ist er doch noch lange nicht mehr wert als eine Frau, die in der Herbertstraße anschafft, oder?“
Franco Cuneo: „Weil einer einen Film gedreht hat, ist er doch nicht mehr wert als eine Hure“
Wie bitte, Sie kennen das „Cuneo“ noch gar nicht? Na dann kommen Sie mal mit! Wir zeigen es Ihnen. Wir gehen die Reeperbahn hinab, bis zur Davidwache, biegen dort links um die Ecke, lassen uns von den leichten Mädchen, die da in Reih und Glied stehen, möglichst nicht betören, gehen weiter den Berg hinauf, bis sich auf der rechten Straßenseite ein ziemlich unscheinbares Haus zwischen die anderen genauso unscheinbaren Häuser quetscht.
Treten Sie durch die Tür, dann haben Sie sogleich das Gefühl, in eine urige römische Trattoria eingekehrt zu sein: Stimmengewirr. Italienische Wortfetzen. Dichtes Gedränge. Es wird gescherzt und gelacht. Die Luft flirrt vor Pizzaduft und Komplimenten.
Das „Cuneo“ ist nicht am Reißbrett entstanden, ist kein Kunstprodukt, sondern im Laufe der Jahrzehnte gewachsen. Genug Zeit dazu war ja. Der Alte Elbtunnel war noch nicht gebaut und der Hauptbahnhof auch nicht, da kochte Maria Cuneo, Francos Oma, schon in der kleinen Küche Spaghetti für die Gäste, und Opa Francesco stand am Zapfhahn, schenkte Bill-Bräu-Bier aus oder einen guten Roten.
Um 1900 herum hatten Francos Großeltern ihre Heimatstadt Genua verlassen, um mit einer Wanderkapelle quer durch Europa zu ziehen. Auf St. Pauli blieben sie hängen, nahmen ihre ganzen Ersparnisse zusammen und pachteten 1905 das Gebäude Davidstraße 11, das damals noch weiß war und stuckverziert und zuvor ein Freudenhaus beherbergt hatte: das Bordell „Zu den vier Löwen“. Die uralte Schankkonzession, ausgestellt von der „Behörde für das Schankkonzessionswesen“, existiert noch. Das vergilbte Stück Papier trägt das Datum: 2. Mai 1905.
Franco Cuneos Großeltern gehörten um 1900 zu einer italienischen Wanderkapelle
Wie anfangs der Alltag im Restaurant „Cuneo“ aussah? Ein bisschen anders als heute. Oben, im Geschoss über dem Lokal, spielte sich das Familienleben ab. Dort kamen nach und nach die Kinder Vittoria, Giovanni, Luigi, Emilio und Rosa zur Welt. Unten im Restaurant ging’s noch ziemlich derbe zu. Italienische Bauarbeiter, die ab 1907 beim Bau des Elbtunnels halfen, zählten zu den Gästen. Außerdem südamerikanische Seeleute und Prostituierte.
Was auf den Tisch kam? Keine Scampi alla griglia, keine Calamari alla livornese, keine Scaloppine al limone. Nein, von solchen Leckereien träumten die Besucher. Es gab ja nicht einmal eine Karte! „Im Grunde“, erzählt Franco, „ging’s bei uns wie in einer großen Familie zu. Meine Großmutter kochte mal Spaghetti al Pesto, mal Spaghetti Pomodori – nur dass sie statt sieben gleich 30, 40 Portionen zubereitete.“ Die Gäste aßen, was auf den Tisch kam.
Giovanni Cuneo wanderte in den 20er Jahren in die USA aus, um Geld hinzuzuverdienen
Nach dem Tod von Francesco Cuneo 1927 sollte Giovanni, Francos Vater, der älteste Sohn, das Restaurant übernehmen. Doch die 20er Jahre waren geprägt von Weltwirtschaftskrise und Inflation. Kaum einer hatte Geld, essen zu gehen. Die Pleite drohte. Da fasste Giovanni den Entschluss auszuwandern: Während seine Mutter und seine Geschwister versuchten, den Laden über Wasser zu halten, heuerte der Sohn als Seemann an, ging in New York unerlaubt von Bord, suchte sich Jobs als Kellner und schickte so viel Geld nach Hause, wie es nur ging.
Drei Jahre blieb Giovanni im „Big Apple“, fand eine gut bezahlte Anstellung in einem Golfclub, bis ihn irgendjemand verpfiff und er, der illegale Einwanderer, nach Hause zurückgeschickt wurde.
Wieder in Hamburg, besuchte Giovanni eines Tages einen kleinen Zirkus, der mit Bären und Affen auf dem Heiligengeistfeld gastierte. Er schloss Freundschaft mit der italienischen Betreiber-Familie Chiesa, was nicht ohne Folgen blieb. „Immer am Wochenende zog er sich fein an und reiste nach Kiel, wo die Familie wohnte, und ließ sich bewirten“, erzählt Franco. „Zwei Töchter gab es, und als er mal gefragt wurde, welches der beiden Mädchen er denn nun heiraten wolle, da hat er geantwortet: ,Nun, am liebsten die Mutter. Die kocht am besten.‘“
Am Ende entschied er sich für Maria Chiesa, die jüngere Tochter. 1938, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, gaben sich die beiden das Jawort. Schließlich kam 1943 Franco zur Welt, wurde mitten hineingeboren in das große Morden. Eine furchtbare Zeit war das. In Nazi-Deutschland hatten Italiener damals nicht viel zu lachen. Italien, der ehemalige Bündnispartner, war auf die Seite der Alliierten übergelaufen, und Tausende von Landsleuten wurden in Konzentrationslager gesperrt. Die Cuneos aber hatten Glück, sie blieben unbehelligt.
Nach dem Tod des Vaters nahm Franco Cuneo 1963 das Ruder in die Hand
Als 1960 Giovanni Cuneo krank wurde, übernahm Francos Schwester Mafalda das Ruder. Drei Jahre später, nach dem Tod des Vaters, war Franco bereit zur Übernahme. Zusammen mit seiner Mutter Maria, den beiden Onkeln Luigi und Emilio und seiner Tante Rosa führte er das Geschäft weiter. Aber die Zeiten waren schlecht. Nichts deutete darauf hin, dass das Lokal einmal erfolgreich sein würde.
Im Gegenteil. Die Schiffe aus Südamerika liefen plötzlich nicht mehr Hamburg an, sondern Genua und Rotterdam. Das bedeutete: „Unsere Gäste, die Seeleute, blieben aus. Und mit ihnen auch die Prostituierten, die auf den Schiffen ihre ‚Verlobten‘ gehabt hatten.“ Nur italienische Gastarbeiter kamen, spielten Karten und tranken dazu einen Espresso.
Es gab viele Tage, an denen Cuneo keinen einzigen Gast hatte. Um sich die Zeit zu vertreiben, habe er in der MOPO geblättert und mehr als einmal darüber nachgedacht, das Geschäft zu schließen, erzählt er. Aber bevor es dazu kam, wendete sich das Blatt. Alles änderte sich dadurch, dass sich Ende der 60er Jahre ein gewisser Oscar Stammler zu Cuneo verirrte. Der Redakteur der „St. Pauli-Nachrichten“ sorgte dafür, dass das „Cuneo“ unter seinen Berufskollegen bekannt wurde. Anfang der 70er Jahre stieß dann auch noch der italienische Bildhauer, Maler und Lithograf Bruno Bruni (89) hinzu. Das Lokal wurde zum Journalisten- und Künstler-Treff. Noch heute sind häufig Prominente zu Gast, aber wenn sie kommen, gibt’s kein großes Hallo. Sie mischen sich einfach unauffällig unter die vielen anderen Leute. Im „Cuneo“ ist jeder einfach nur Gast, ob Boris Becker oder Günther von nebenan.
Der Journalist Oscar Stammler machte das „Cuneo“ Ende der 60er Jahre berühmt
Eng und bunt geht’s zu bei „Cuneo“. Oftmals sitzen Menschen an ein und demselben Tisch zusammen, die einander nicht kennen. „Von meinem Vater habe ich das Kunststück gelernt, Gäste richtig zu platzieren“, sagt Franca und fügt lachend hinzu: Das „Geheimnis der perfekten Platzierung habe schon für manche Freundschaften und Ehen gesorgt und geholfen, manches Geschäft anzubahnen.
Es gibt einen Tisch im „Cuneo“, an den darf sich nicht jeder setzen: der große runde direkt schräg gegenüber von der Theke. Er ist reserviert für „la famiglia“. Schon mehr als 100 Jahre ist das Möbelstück alt. „Früher, als das Restaurant noch ein reiner Familienbetrieb war, haben wir Cuneos hier zusammen gegessen“, sagt Franco. Heute ist der Tisch gegen Ende jeden Abends für die Angestellten reserviert. Manchmal dürfen auch Gäste dort Platz nehmen, aber es müssen schon sehr gute Gäste sein.
Was kaum einer weiß: An diesem Tisch hat sich mal ein Mord ereignet! Überliefert ist, dass das Opfer ein Seemann aus Chile war. Der Täter muss einen Schalldämpfer auf seine Pistole geschraubt und dann unterm Tisch abgedrückt haben. Spät am Abend, als die letzten Gäste gegangen waren, bemerkte ein Onkel Francos den leblosen Körper. „Hallo! Aufwachen!“ Aber es regte sich nichts mehr.
Kellner Enrico: „Na, die Frau war nackt, da konnte ich nicht widerstehen“
Noch viele solcher Anekdoten hat Franco parat. Er erzählt vom Kellner Enrico, den er mal losschickte, um bei einer Prostituierten im Haus 3 an der Herbertstraße eine Portion Spaghetti Bolognese und eine Pizza abzuliefern. Erst mehr als eine Stunde später kam Enrico zurück. „Chef, zieh mir den Preis für das Essen am Monatsende vom Lohn ab“, forderte Enrico seinen Boss kleinlaut auf. Wieso? „Na ja, die Frau war fast nackt, und sie sagte, wenn du das Essen hierlässt und mir noch fünf Mark gibst … Da konnte ich eben nicht widerstehen.“
Gerne erinnert sich Franco Cuneo an die skurrilen Typen, die es früher zahlreich in seinem Lokal gab. Einen nannten alle nur „Caruso“, nicht weil er so gut, sondern weil er so gerne sang: „Auf jeder Seite fehlten ihm zwei Zähne“, erinnert sich Franco, „was ihn aber nicht daran hinderte, jeder Frau mit charmantem Lächeln einen Handkuss zu geben. Mit Rasierschaum, Messer und Kamm bewaffnet barbierte ,Caruso‘ die Gäste und sang dazu Rossinis Arie, oft lustig, oft übertrieben, manchmal aufdringlich: „Figaro qua, Figaro la. Tralalalero, tralalala.“
Dann war da noch „Klein Karstadt“. Abends gegen 22 Uhr ging die Tür auf und der kleine ängstlich und verstört wirkende Mann mit Hut, Stock und Mantel kam herein. Er ging von Tisch zu Tisch und öffnete seinen Lederkoffer. „Der Inhalt war dürftig“, erzählt Franco. Schnürsenkel, Seife, Rasierklingen, Sicherheitsnadeln. Seine Renner waren Wunderkerzen, die die Gäste noch an Ort und Stelle anzündeten, ganz gleich zu welcher Jahreszeit. Franco erinnert sich: „Hatte er sein Geschäft gemacht, setzte sich ,Klein Karstadt’ hin, aß Spaghetti, trank Rotwein und Kaffee-Brandy und schlief ein. Jeden Abend war es die gleiche Prozedur.“
Die MOPO wünscht: „Salute!“ und „Buon anniversario!“
Kellner Enrico gehört längst der Vergangenheit an, „Caruso“ und „Klein Karstadt“ leben schon lange nicht mehr. Das „Cuneo“ aber, das gibt es immer noch. Längst hat eine neue Generation von Gästen und Stammgästen Einzug gehalten. Franca Cuneo sagt: „Es gehört zur Magie des Restaurants, dass sich hier Altes und Neues, Tradition und Zukunft so wunderbar vermischen.“
120 Jahre Cuneo – für uns von der MOPO Anlass, das Glas zu heben und mit einem guten Roten auf Franca und Franco anzustoßen. „Salute!“ und „Buon anniversario!“