In Auschwitz rettete ihr ein Akkordeon das Leben – die Geschichte von Esther Bejarano
Von ihren Freunden wurde sie liebevoll „Krümel“ genannt – eine Anspielung auf ihre 1,47 Meter Körpergröße. Was für eine große Frau, was für eine überragende Persönlichkeit Esther Bejarano war, weiß jeder, der sie persönlich kannte. Sie hatte unglaubliche Kraft, war unbeugsam und aufmüpfig. Sie, die die Hölle von Auschwitz dank eines Akkordeons überlebt hatte, stand noch bis ins hohe Alter mit ihrer Rap-Band auf der Bühne, machte Musik gegen rechts, hielt Vorträge in Schulen, fehlte auf keiner Demo, schonte sich nie, kämpfte ihr ganzes Leben gegen Faschismus und Rassismus und dafür, dass sich die Verbrechen der NS-Zeit nicht wiederholen. Ihr Tod im Sommer 2021 war ein herber Verlust.
Vor 100 Jahren, am 15. Dezember 1924, wird Esther Bejarano als Esther Loewy geboren. Ihr Vater Rudolf Loewy ist Oberkantor der Jüdischen Gemeinde im damals vom Deutschen Reich abgetrennten Saargebiet. Als das Saarland 1935 ins Deutsche Reich eingegliedert wird, ist Esther elf. „Ich kann mich erinnern, wie Hitler im offenen Wagen durch Saarbrücken fuhr“, erzählte sie später. „Alle haben gejubelt und den Hitler-Gruß gezeigt. Ich aber habe in der Menge gestanden und gedacht: Oh Gott, was soll jetzt werden? Wir hatten ja gehört, was im Rest des Landes mit den Juden geschah.“
Ihr Vater dachte, Hitler würde nach drei, vier Monaten in der Bedeutungslosigkeit verschwinden
Ihren Vater nennt Esther einen deutschen Patrioten. „Das mit den Nazis hat er nicht so ernst genommen. Er war sicher, Hitler werde nach drei, vier Monaten wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Er war sicher: Das deutsche Volk werde es nicht zulassen, dass Hitler den Juden was tut. Meine Mutter war da viel realistischer: Sie hat immer wieder darauf gedrungen, dass wir das Land verlassen.“
Rudolf Loewy wird während der Pogrome des 9. November 1938 verhaftet und schwer misshandelt. Als er seine Peiniger von SA und SS empört darauf hinweist, dass er im Ersten Weltkrieg vier Jahre fürs Vaterland gekämpft hat und sie so mit ihm nicht umgehen dürfen, bekommt er zur Antwort, er solle das Maul halten. „Spätestens da wurde ihm klar“, so Esther Bejarano in einem MOPO-Interview vor ein paar Jahren, „was für ein großer Fehler es war, nicht längst emigriert zu sein.“
„Auch Juden können Rassisten sein“
Schon 1937 sind Esthers ältere Geschwister aus Deutschland ausgewandert. Der Bruder in die USA, die Schwester nach Palästina. Nach seiner Entlassung aus der Nazi-Haft versucht der Vater alles, auch den Rest der Familie außer Landes zu bringen. „Viel Geld hatten wir nicht, eine Ausreise nach Übersee war daher unmöglich.“ Der Vater bewirbt sich bei einer jüdischen Gemeinde in der Schweiz – wird aber wegen seiner nicht jüdischen Mutter abgelehnt. Nur „Volljuden“ kämen für diese Anstellung infrage, so die Begründung. „Auch Juden können Rassisten sein“, so Esther Bejarano kopfschüttelnd.
1941 werden Rudolf Loewy und seine Frau nach Kowno in Litauen deportiert. Dass die Nazis sie dort sofort nach Ankunft ermorden, erfährt Esther erst nach dem Krieg. „Wenn ich daran denke, dass sie sich in einem Wald nackt ausziehen, sich mit anderen Opfern in einer Reihe aufstellen mussten und dann einfach abgeknallt wurden, dann wird mir heute noch schlecht.“
Mit nur 18 Jahren im Todeszug nach Auschwitz
Esther selbst befindet sich zu diesem Zeitpunkt in der Nähe von Berlin in einem zionistischen Vorbereitungslager für die Auswanderung nach Palästina. Das Lager wird 1941 von den Nazis geschlossen. Esther Bejarano muss Zwangsarbeit leisten, bevor sie am 20. April 1943 – sie ist 18 Jahre alt – zusammen mit 1000 weiteren Juden aus Berlin deportiert wird.
Der Elendszug kriecht drei Tage Richtung Osten. Als sich die Türen des Viehwaggons endlich öffnen, befinden sich Esther Bejarano und ihre Leidensgenossen in Auschwitz. SS-Männer mit Maschinenpistolen nehmen die Neuankömmlinge in Empfang. 299 Männer und 158 Frauen werden als arbeitsfähig registriert und dürfen vorerst weiterleben, die übrigen werden sofort vergast.
Ein Leben, eine Nummer: Schwerstarbeit und die Zahl 41.948 tief unter der Haut
Esther und die anderen müssen sich nackt ausziehen, ihre Köpfe werden kahl geschoren. Ein Wachmann tätowiert ihr mit Nadel und blauer Tusche die Nummer 41.948 unter die Haut, dann wird sie zu Schwerstarbeit eingeteilt: Steine schleppen. Zu essen gibt es wässrige Suppe, in der fauliges Gemüse und Kartoffelschalen schwimmen. Die Rationen sind so bemessen, dass Häftlinge nach drei bis maximal sechs Monaten fast verhungert sind. Dann kommen sie ins Gas.
Es ist die Musik, die Esther Bejarano das Leben rettet: Die SS beauftragt eine ehemalige polnische Musiklehrerin damit, ein Lagerorchester aufzubauen, und Esther wird von der Orchesterleiterin gefragt, ob sie Akkordeon spielen kann. Das kann sie nicht, aber sie sagt ja – und bringt sich das unbekannte Instrument in Windeseile selbst bei.
Das Lagerorchester von Auschwitz: „Die Leute haben uns zugewinkt, haben wohl gedacht: Wo Musik gespielt wird, kann es so schlimm nicht sein.“
Morgens, wenn die Arbeitskolonnen rausmarschieren, und am Abend, wenn sie zurückkommen, steht das Orchester am Tor und macht Musik. „Besonders schlimm war, dass wir auch spielen mussten, wenn die Züge mit den neuen Häftlingen eintrafen“, so Esther. „Die Leute haben uns zugewinkt, haben wohl gedacht: Wo Musik gespielt wird, kann es so schlimm nicht sein. Es war furchtbar, denn wir wussten genau: Die gehen jetzt ins Gas, und wir können nichts machen.“
Esther Bejarano erkrankt an Typhus und wird ins jüdische Krankenlager gebracht. Weil Juden keine Medikamente erhalten, sind die Überlebenschancen gleich null. Doch dann ist es ausgerechnet einer der schlimmsten Schlächter, der sie rettet: der SS-Mann Otto Moll, der „Henker von Auschwitz“, Herr über Gaskammern und Krematorien, bekannt dafür, dass er mit vier Schäferhunden an der Leine durchs Lager geht und die Tiere immer mal wieder auf Gefangene hetzt, die dann einfach tot liegen bleiben.
Menschenschänder und Musikliebhaber – SS-Mann schenkt Esther das Leben
Moll ist ein Menschenschinder und zugleich Musikfreund. Er hört oft dem Orchester zu. Eines Tages bemerkt er die Abwesenheit des Akkordeons, erfährt, dass Esther Bejarano krank ist, und befiehlt der Pflegerin, die Patientin auf die christliche Krankenstation zu verlegen und ihr Medizin zu geben. Sollte die Akkordeonspielerin sterben, so Molls Drohung, werde er auch die Pflegerin töten. So überlebt Esther – wieso Moll das für sie getan hat, hat sie nie verstanden.
Noch einmal hat Esther Bejarano riesiges Glück: Und zwar im Herbst 1943, als auf Initiative des Internationalen Roten Kreuzes wenigstens solche Insassen Auschwitz verlassen dürfen, die in den Augen der Nazis „Mischlinge“ sind, also teilweise „arische“ Vorfahren haben. „So hat mir meine christliche Großmutter am Ende das Leben gerettet.“
Zwangsarbeit für Siemens: „Wann immer ich konnte, habe ich die Dinger falsch zusammengesetzt.“
Esther Bejarano wird mit 70 anderen Frauen ins KZ Ravensbrück verlegt, wo sie schwer arbeiten muss. „Erst schob ich Kohlenloren, später habe ich für die Firma Siemens in der Rüstungsproduktion gearbeitet. Wir haben Schalter für Unterseeboote montiert – und wann immer ich konnte, habe ich die Dinger falsch zusammengesetzt.“
Ende April 1945 nähert sich die Rote Armee dem KZ, und die SS schickt die Gefangenen auf Todesmärsche. „Es war unbeschreiblich. Wer hinfiel, wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen und blieb liegen. Es ist ein Wunder, dass ich das überlebt habe.“
Die Todesmärsche kurz vor Kriegsende – Esther ergreift die Flucht vor der SS
In einem Waldgebiet zwischen Karow und Plau am See gelingt Esther und sieben anderen Frauen die Flucht. „Wir sind gelaufen und gelaufen, bis wir keine Kraft mehr hatten. Wir haben dann einen Bauern gefragt, ob wir bei ihm übernachten können und ob er was zu essen für uns hat.“
Am nächsten Tag, es ist der 3. Mai 1945, erlebt Esther Bejarano mit, wie in Lübz US-amerikanische und sowjetische Soldaten aufeinandertreffen, sich einander vor Freude in die Arme fallen. Bejarano: „Was war das für ein Fest! Ich habe auf dem Akkordeon amerikanische Songs gespielt, und die Russen, die Amerikaner und die Frauen aus dem KZ haben rund um ein brennendes Hitler-Bild getanzt und gelacht. Das war meine zweite Geburt.“
Neuanfang in Palästina
Was soll Esther Bejarano jetzt tun? Ihre Eltern sind tot, auch ihre Schwester Ruth haben die Nazis ermordet. Lebende Angehörige findet sie in Deutschland nicht mehr vor. Daher fasst sie den Entschluss, in Palästina, wo ihre Schwester Tosca mit ihrem Mann lebt, ganz neu anzufangen. Mit dem Dampfer „Mataroa“ erreicht sie am 15. September 1945 Haifa.
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Esther lebt zunächst in einem Kibbuz, arbeitet später in einer Zigarettenfabrik und als Kinderpflegerin, bevor sie in Tel Aviv ein Gesangsstudium beginnt und sich zur Koloratur-Sopranistin ausbilden lässt. 1950 – inzwischen ist der Staat Israel gegründet – heiratet sie Nissim Bejarano, einen jungen Kommunisten, dessen Familie aus Bulgarien stammt und der als Lkw-Fahrer arbeitet. Tochter Edna kommt 1951, Sohn Joram 1952 zur Welt.
Hamburg ohne Nazis? Esthers Rückkehr nach Deutschland
Das Ehepaar Bejarano steht in Opposition zur Palästinenser-Politik Israels. 1956 wird Ehemann Nissim wegen des Sinaikrieges zur Armee eingezogen. Danach trifft er die Entscheidung, nie wieder eine Uniform anzuziehen. Esther Bejarano sagt: „Ich bin von den Nazis diskriminiert worden – und jetzt soll ich mitansehen, wie mein Volk ein anderes diskriminiert? Auf keinen Fall. Uns war klar: Wir mussten weg aus Israel.“
Und so kehrt Esther mitsamt Familie 1960 nach Deutschland zurück. „Freunde hatten uns erzählt, wie schön es in Hamburg ist und dass es da auch gar keine Nazis mehr gäbe. Für mich war nur wichtig, dass es eine Stadt ist, die ich noch nicht kenne. An einem Ort zu sein, an dem ich schon mit meinen Eltern gelebt hatte, das hätte ich nicht verkraftet.“
Kehrtwende im Sommer ’78: NPD verteilt Flugblätter in Eimsbüttel
Eigentlich hatte sich Esther Bejarano vorgenommen, nie wieder zu reden über Hitler, Nazis und Konzentrationslager. Sie wollte das Grauen verdrängen, vergessen. „Mein Mann wusste natürlich, dass ich in Auschwitz gewesen war – aber er stellte nie Fragen, und das war gut so.“ Mit ihren Kindern sprach sie nicht darüber. „Ich dachte, das zu wissen, würde sie nur belasten. Ich wollte, dass wir alle nach vorne blicken.“
Das war Esther Bejaranos Einstellung, bis sie im Sommer 1978 von der Vergangenheit eingeholt wurde: Sie stand gerade in ihrer Modeboutique „Sheherazade“ am Hellkamp in Eimsbüttel, als sie von draußen Lärm hörte, rausging und einen Infostand der NPD sah. „Die verteilten ausländerfeindliche Flugblätter. Entsetzliche Propaganda.“
„Ich konnte es nicht fassen. Die Polizei schützte Nazis!“
Esther Bejarano sieht fassungslos mit an, wie Polizisten mit Gummiknüppeln gegen linke Gegendemonstranten vorgehen. „Ich konnte es nicht fassen. Die Polizei schützte Nazis! Einen der Polizeibeamten habe ich mir dann geschnappt, ihn am Revers gepackt und ihn gefragt, wieso er das tut. Ich habe auf die NPD-Leute gezeigt und gesagt: ,Das sind doch diejenigen, die Deutschland schon mal ins Unglück gestürzt haben.‘ Der Beamte forderte mich auf, ihn loszulassen, sonst werde er mich festnehmen. Da habe ich geantwortet: ,Machen Sie doch! Ich habe Schlimmeres erlebt. Ich war in Auschwitz!‘“
Als sich dann auch noch ein NPD-Mann einmischt und den Polizisten auffordert, Bejarano einzusperren, weil ja bekannt sei, dass „alle Auschwitz-Gefangenen Verbrecher gewesen“ seien, da wird ihr klar: „Es reicht! Ich habe noch am selben Abend angefangen, ein Buch über mein Leben im Holocaust zu schreiben.“
Ihr letztes Lebensziel: Der 8. Mai als Feiertag
Esther Bejarano wird Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes, gründet das Auschwitz-Komitee, erzählt vor Schulklassen aus ihrem Leben, kritisiert den rigiden Umgang mit Flüchtlingen, tourt mit der Kölner Rap-Band „Microphone Mafia“ durchs Land und macht Musik gegen Intoleranz.
Ihr letztes großes Projekt startet sie 2020, als sie dem Bundestag eine Petition überreicht, in der sie fordert, den 8. Mai zum Feiertag zu erklären. Es sei längst überfällig, dass die Politik ein Zeichen setzt: „Der Tag, an dem Hitler-Deutschland unterging, ist kein Tag der Niederlage gewesen, sondern ein Tag der Befreiung.“
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Obwohl 100.000 Menschen sie unterschreiben, läuft die Petition ins Leere. Zwar haben inzwischen einige Bundesländer – darunter Hamburg – den 8. Mai zu einem Gedenktag gemacht, aber der Mut, ihn bundesweit zu einem gesetzlichen Feiertag zu erheben, fehlt der Politik immer noch. Und so stirbt Esther Bejarano am 10. Juli 2021, ohne dass ihr letzter großer Wunsch in Erfüllung ging. Sie wurde 96 Jahre alt.