Hamburgs Straßen: Einst waren sie ein Kampfgebiet
„VU. 2 EX. An der Alster.“ So habe ich es vor 39 Jahren auf einem braunen Papierumschlag notiert, den ich nun im Archiv entdeckte. Die Abkürzungen stehen für „Verkehrsunfall. Zwei Menschen verstorben“. Zwei von 102 Verkehrstoten des Jahres 1987. Zum Vergleich: 2025 starben 21 Menschen im Hamburger Straßenverkehr.
Ja, damals starb alle 3,6 Tage ein Mensch auf Hamburgs Straßen. Man nahm das achselzuckend hin und auch für mich war es Routine, Leichen auf dem Asphalt zu fotografieren, die heute brutal wirkenden Fotos in braune Umschläge zu stecken und nüchtern zu beschriften. „Zweimal Exitus“ – das ist Beamtendeutsch und ich habe das damals einfach so übernommen.
Meist blieb es auch nach schweren Unfällen bei einer kurzen Notiz mit kleinem Foto in der MOPO. Doch bei dem Unfall, der sich am 21. März 1987 gegen 3 Uhr nachts auf der „Nebenfahrbahn“ der Straße An der Alster ereignete, war es anders. Ich recherchierte die Hintergründe, meine geschätzte Kollegin Susan Junghans sprach mit Angehörigen und Freunden der beiden Toten.
Zwei Verkehrstote: Unfallfahrer flüchtete
Was war geschehen? Michael N. (24) und Saskia B. (23) hatten im „Hamburger Segelclub“ an der Alster zusammen mit 30 anderen jungen Leuten ihren Abschluss an der Hamburger Fremdsprachenschule gefeiert. Als die beiden mitten in der Nacht die Party verließen und unweit des Hotels „Atlantic“ die Fahrbahn überquerten, kam ein Mercedes 190 herangerast. Das Auto erfasste die Fußgänger, sie waren sofort tot. Der Fahrer flüchtete. Zurück blieb der demolierte Wagen und die beiden Toten.
Neben Saskias Leiche lag ihre schwarze Handtasche, darin befand sich ein Schulheft mit einem „Snoopy“-Aufkleber und ihr Zeugnis der Fremdsprachenschule. Die 23-Jährige hatte einen Notendurchschnitt von 1,8 und ihren Abschluss als „Europa-Sekretärin“ mit „Sehr gut“ bestanden. Eine Mitschülerin: „Sie war so happy und plante einen Urlaub in England.“
Saskias Vater, Ingenieur in der Hamburger Baubehörde, erfuhr an seinem 50. Geburtstag vom Tod der Tochter. Er hatte in den Niederlanden gefeiert, seine Frau war Holländerin.
Todesfahrer fuhr mehr als 70 Kilometer pro Stunde
Die Polizei fahndete am Wochenende darauf nach dem Todesfahrer. Anhand der Bremsspur ermittelten die Beamten das ungefähre Tempo des Mannes. Bei erlaubten 50 war er mit mehr als 70 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen. Hätte er sich an das Tempolimit gehalten, könnten die beiden jungen Menschen noch leben, erklärte ein Polizeisprecher.
Halter des Autos war ein 52-Jähriger. Laut Nachbarn war der Handwerker erst wenige Wochen vor dem Unfall an der Alster mit seinem Auto gegen einen Lastwagen gerast. Die Nachbarn berichteten noch von weiteren Unfällen. Einer sagte uns: „Wir hatten ihm schon scherzhaft geraten, sich doch besser einen Panzer anzuschaffen.“
Mercedes-Fahrer soll in Ausnahmesituation gewesen sein
Der Mercedes-Fahrer soll sich damals in einer Ausnahmesituation befunden haben: Seine Frau hatte ihn verlassen, mit seinem Bruder war er verfeindet, stritt sich mit ihm um das väterliche Erbe.
Aber zurück zur dramatischen Situation mit zwei Verkehrstoten im Jahr 1987. Aufkleber auf Autos wie „Born to run“ oder „Tempo 200 sind genug“ waren oft zu sehen. „Bild am Sonntag“ erkannte einen „Kampf bis auf die Stoßstange“ auf deutschen Straßen.
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Bundesweit gab es bei nahezu zwei Millionen Verkehrsunfällen fast 9000 Verkehrstote. „Der Spiegel“ titelte: „Ein Volk fährt Amok.“ Das Sportmodell BMW M3 wurde von den bayerischen Autobauern so angepriesen: „Ein Rennfahrzeug mit Straßentauglichkeit für Männer, die ihren Willen zu siegen offen zeigen.“