Hamburg, Israel und der Streit um Akten: Sie retteten Hamburgs jüdisches Vermächtnis

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Sorgten dafür, dass das Archiv der jüdischen Gemeinden vor der Zerstörung gerettet wurde: der Jurist Leo Lippmann und seine Frau Anna. Sie nahmen sich 1943 das Leben.

Es ist der 4. Mai 1966. An diesem Tag wird in Hamburg eine Forschungseinrichtung eröffnet, die es nach Ansicht vieler gar nicht geben dürfte. Zu groß das Misstrauen, zu frisch die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen. Dass ausgerechnet Wissenschaftler aus dem Land der Täter die Geschichte der deutschen Juden erforschen und erzählen sollen, ist damals für viele in Israel und in deutsch-jüdischen Emigrantenkreisen eine unerträgliche Vorstellung. Und so geht der Gründung des „Instituts für die Geschichte der deutschen Juden“ (IGdJ) vor 60 Jahren ein langer, erbittert geführter Streit voraus.

Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen Akten: Unterlagen der jüdischen Gemeinden in Hamburg, Altona, Wandsbek und Harburg. Verwaltungsdokumente, Briefe, Protokolle – Zeugnisse des jüdischen Lebens, das die Nationalsozialisten eigentlich auslöschen wollten. Dass anders als in vielen anderen deutschen Städten diese Unterlagen nicht vernichtet worden sind, ist vor allem das Verdienst zweier Männer: Leo Lippmann und Hans W. Hertz.

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Im ehemaligen Finanzamt Schlump ist das „Institut für die Geschichte der deutschen Juden“ ansässig.

Leo Lippmann und Hans W. Hertz retten die jüdischen Akten vor der Vernichtung

Lippmann hat bis zu seiner Entlassung durch die Nazis als Staatsrat in der Finanzbehörde gearbeitet. Der Jurist Hertz war im Staatsarchiv tätig, bevor er wegen seiner jüdischen Vorfahren entlassen wurde. Ab Dezember 1938 sorgen die beiden dafür, dass die Archive der jüdischen Gemeinden Kiste für Kiste ins Staatsarchiv gelangen. Insgesamt finden zwölf Transporte statt.

Hertz überlebt die NS-Zeit, Lippmann nicht: Um der Deportation ins Ghetto Theresienstadt zu entgehen, nimmt er sich am 11. Juni 1943 gemeinsam mit seiner Frau Anna das Leben.

Nach dem Krieg ist zunächst unklar, ob die Akten noch existieren. Erst eine Sichtung der Bestände bringt Gewissheit. 1953 schließlich macht Hans W. Hertz in einem Memorandum mit dem Titel „Betr. die Geschichte der Juden in Hamburg“ öffentlich darauf aufmerksam, welch außergewöhnlicher Quellenbestand den Holocaust überdauert hat.

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Glückwunsch-Telegramm des Leo-Baeck-Instituts zur Eröffnung des IGdJ 1966.

Kaum ist Hertz’ Text erschienen, entbrennt eine heftige Debatte. Für viele jüdische Intellektuelle, besonders in Israel, ist klar: Das Erbe der vernichteten Gemeinden darf nicht im Land der Täter bleiben. Und so erhebt das Jewish Historical General Archive in Jerusalem Anspruch darauf.

1954 fordern ehemalige Talmud-Tora-Schüler die Herausgabe der Akten

Der Konflikt wird emotional geführt. Höhepunkt ist eine Petition, die 1954 von rund 300 ehemaligen Schülern der Talmud-Tora-Schule unterzeichnet wird. Darin fordern sie von Bürgermeister Kurt Sieveking (CDU) die Herausgabe der Akten und ihre Überführung nach Israel.

Der Streit landet schließlich vor Gericht, wo 1957 die Jewish Trust Corporation und die Stadt Hamburg vor der Wiedergutmachungskammer einen Vergleich schließen: Ein Teil der Akten geht im Original nach Jerusalem, ein anderer Teil bleibt im Original in Hamburg. Was am jeweils anderen Ort fehlt, wird auf Mikrofilm kopiert. So entstehen zwei vollständige Archive – an beiden Standorten zugänglich und wissenschaftlich nutzbar.

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Anders als in vielen deutschen Städten überstanden die Akten der jüdischen Gemeinden Hamburgs die NS-Zeit.

Der juristische Streit ist damit beendet. Aber der politische noch lange nicht. Denn nun stellt sich die nächste Frage: Wenn Hamburg die Akten behält – bedarf es dann nicht auch einer Institution, die sie auswertet? Hans W. Hertz, der Bankier Eric M. Warburg und der Hamburger Slawistikprofessor Dietrich Gerhardt treten öffentlich für die Gründung eines „Instituts für die Geschichte der deutschen Juden“ ein. Warburg, 1938 wegen der Nazis in die USA emigriert, nennt das Projekt eine Form „geistiger Wiedergutmachung“, die für ihn fast ebenso bedeutsam ist wie die materielle.

Es gibt starke Proteste, als ein Ex-NSDAP-Mitglied Leiter des Instituts werden soll

Doch in Hamburg formiert sich Widerstand. Finanzsenator Herbert Weichmann (SPD), selbst 1933 emigriert und 1948 zurückgekehrt, verweist auf die Finanzlage. Hamburg sei nicht in besonderer Weise prädestiniert für eine solche Forschungseinrichtung, erklärt er. Doch am Ende setzen sich die Befürworter durch: 1963 bewilligt die Hamburgische Bürgerschaft 50.000 D-Mark.

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Karl Heinrich Rengstorf (1903–1992): Die Berufung des evangelischen Theologen aus Münster als Leiter des Instituts löst heftige Proteste aus. Nicht nur, dass er Mitglied der SA, des NS-Lehrerbundes und der NSDAP war. Vor allem steht er an der Spitze des „Evangelisch-lutherischen Zentralvereins für Mission unter Israel“ – einer Organisation, die in der Tradition der christlichen Judenmission steht.

Damit ist der Weg endlich frei – und doch kommt es sofort zum nächsten Konflikt: Denn die Berufung von Karl Heinrich Rengstorf (1903–1992) aus Münster als Leiter des Instituts löst heftige Proteste aus. Nicht nur dass der evangelische Theologe Mitglied der SA, des NS-Lehrerbundes und der NSDAP war. Vor allem steht er an der Spitze des „Evangelisch-lutherischen Zentralvereins für Mission unter Israel“ – einer Organisation, die in der Tradition der christlichen Judenmission steht.

Der Religionswissenschaftler Ernst Ludwig Ehrlich nennt die Wahl Rengstorfs eine „Instinktlosigkeit“ und einen „Skandal“. In der jüdischen Öffentlichkeit kursiert die Sorge, die Dokumente könnten von einem „militanten Missionar“ verwaltet werden. Unterstützer springen ab, Förderer verlieren das Vertrauen. Selbst die Stiftung Volkswagenwerk hält Rengstorf für „untragbar“. Daraufhin tritt der Kandidat zurück. Erneut steht das Projekt vor dem Aus.

Das IGdJ ist heute eine feste Größe der deutsch-jüdischen Geschichtsforschung

Heinz Moshe Graupe: Der in Berlin geborene Historiker wird 1966 erster Leiter des „Instituts für die Geschichte der deutschen Juden“.
Heinz Moshe Graupe: Der in Berlin geborene Historiker wird 1966 erster Leiter des „Instituts für die Geschichte der deutschen Juden“.

Erst mit Heinz Mosche Graupe findet sich eine Lösung. Der in Berlin geborene Historiker ist 1933 nach Palästina emigriert und wird der erste Leiter des Instituts, dessen Eröffnung am 4. Mai 1966 gefeiert wird. 1972 wird es in eine Stiftung überführt und erhält damit eine dauerhafte institutionelle Grundlage. 2007 zieht es aus einer zunehmend überfüllten Doppelwohnung im Grindelviertel in das ehemalige Finanzamt Beim Schlump 83. Dort ist das IGdJ, das seit 2021 von der Historikerin Kim Wünschmann geleitet wird, gemeinsam mit der Forschungsstelle für Zeitgeschichte und dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik untergebracht.

60 Jahre nach seiner Gründung ist das Institut heute eine feste Größe der deutsch-jüdischen Geschichtsforschung. Das IGdJ sieht es als seinen Auftrag an, die Geschichte der Juden in Deutschland zu erforschen und dabei jüdisches Leben nicht auf Verfolgung und Vernichtung zu verengen, sondern in seiner ganzen Breite sichtbar zu machen – Alltag und Religion, Bildung und Kultur, Handel, Emanzipation und städtisches Leben.

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Sie leitet das IGdJ heute: die Historikerin Kim Wünschmann.

Zum 60-jährigen Jubiläum schließt sich nun ein Kreis: Die einst geteilten Akten aus Hamburg und Jerusalem sollen jetzt digital wieder zusammengeführt werden. Was damals getrennt wurde, rückt also jetzt im Netz wieder zusammen.