Händels Duell auf dem Gänsemarkt und was sonst noch geschah in 348 Jahren Staatsoper
Wer Georg Friedrich Händel (1685–1759) ist, muss einem Klassikfan niemand erklären: Er gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Barockzeit. Kaum einer weiß jedoch, dass dieser Musiker – bevor er in Italien und England berühmt wurde – als junger Mann einige Jahre in Hamburg wirkte. Und um ein Haar hätte seine Karriere hier auch abrupt geendet, denn als 19-Jähriger lieferte er sich auf dem Gänsemarkt ein Duell und verdankte es allein einem Silberknopf, dass er nicht tödlich getroffen wurde.
Es ist der 5. Dezember 1704, der Abend der letzten Aufführung von Johann Matthesons Oper „Die unglückselige Cleopatra“. Mattheson (1681-1764) ist erst 23 – aber in Hamburg bereits eine feste Größe: Komponist, Sänger, Dirigent, Musiktheoretiker. Bei der Aufführung nimmt er eine Doppelrolle ein. Einerseits dirigiert er das Orchester, andererseits singt er den Marc Anton. Sobald er auf der Bühne steht, soll ihn im Orchestergraben der junge Georg Friedrich Händel vertreten.
Was Mattheson unterschätzt: Händel stinkt es gewaltig, nur der Ersatzmann zu sein. Und an diesem letzten Abend ist das Maß voll. Als Marc Anton auf der Bühne „gestorben“ ist und Mattheson wie gewohnt in den Graben zurückkehrt, weigert sich Händel, Platz zu machen und ihm die Orchesterleitung zu übertragen. Händel bleibt stur an seinem Platz – und untergräbt vor aller Augen Matthesons Autorität.
Knopf statt Grab: Der Abend, an dem Händel fast starb
Es wird laut. Erst hinter der Bühne, dann auf der Straße. Ein Wort gibt das andere. Schließlich stehen die beiden mit gezogenem Degen da, umringt von Schaulustigen. Mattheson stößt zu. Die Klinge trifft Händel – aber prallt an einem großen silbernen Knopf ab, der dessen Rock ziert.
Ein paar Millimeter weiter rechts oder links, oben oder unten, und um den Mann, der später „Giulio Cesare“, den „Messiah“ und die „Wassermusik“ schreibt, wäre es geschehen gewesen. Die beiden Kontrahenten versöhnen sich übrigens noch am selben Abend. Aber so wie zuvor wird es nie mehr: Mattheson fühlt sich danach zeitlebens von Händel gering geschätzt.
Dieses Duell ist eines der spektakulärsten Ereignisse in der Geschichte des ersten dauerhaft privat betriebenen Opernhauses im deutschen Sprachraum: 1678, also vor 348 Jahren, wird es am Hamburger Gänsemarkt von kunstsinnigen Kaufleuten und Gelehrten eröffnet.
Pastoren gegen Arien: Als Hamburg um seine Oper stritt
Das Projekt ist im Vorfeld höchst umstritten. Hamburger Pastoren, die dem Pietismus zuneigen – vor allem an St. Jacobi und St. Nikolai – wettern gegen die Pläne. Für sie steht fest: Schauspielerei ist, wie überhaupt jede Art von Müßiggang, Teufelswerk.
Die lutherisch-orthodoxen Pastoren dagegen ergreifen Partei für die Oper, schreiben ihrerseits Streitschriften und Pamphlete. Der Konflikt, der als „Hamburgischer Theaterstreit“ in die Geschichte eingeht, endet schließlich mit einem Kompromiss: Weder an Sonn- und Feiertagen noch an dem jeweiligen Tag davor darf gespielt werden. Außerdem ist es verboten, Anstößiges auf die Bühne zu bringen.
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Am 2. Januar 1678 öffnen sich erstmals die Pforten: Gespielt wird dreimal die Woche, und zwar in einem Fachwerkbau, der Platz für 2000 Besucher bietet. Schnell zählt das Haus zu den führenden musikalischen Zentren in Europa. Namhafte Künstler sind dort tätig: etwa Georg Philipp Telemann (1681-1767), der ab 1721 das Amt des Stadtmusikdirektors innehat, zahlreiche Opern komponiert und den damals 18-jährigen Georg Friedrich Händel von Halle/Saale nach Hamburg holt.
Doch der Erfolg des Opernhauses ist nicht von langer Dauer. Finanzielle Misswirtschaft und mangelndes Publikumsinteresse erzwingen 1738 die Schließung. Bis zum endgültigen Abriss im Jahr 1763 dient das Gebäude noch durchziehenden Komödiantentruppen als Spielort.
1765 gibt es – abermals auf dem Gänsemarkt – einen Neuanfang: Das „Ackermann’sche Comödiantenhaus“ wird eröffnet. Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) verfasst mit der „Hamburgischen Dramaturgie“ das Programm des modernen Theaters. Unter seinem Einfluss wird das Haus in „Deutsches Nationaltheater“ umbenannt.
In einem Holzbau auf dem Gänsemarkt geht alles los
Rund 60 Jahre leistet der Holzbau am Gänsemarkt gute Dienste, dann hat er ausgedient. Das neue „Stadttheater“ an der Dammtorstraße mit einem Fassungsvermögen von 2800 Sitzen eröffnet am 3. Mai 1827 mit Goethes „Egmont“. Finanziell steht das Haus auf wackeligen Füßen, mehrfach droht der Ruin. Doch dann gelingt es Bernhard Pollini (1838-1897) – seit 1873 Direktor des Hauses –, die Stadt davon zu überzeugen, das Theater finanziell zu fördern.
Pollini verpflichtet namhafte Künstler. 1891 holt er Gustav Mahler (1860-1911) nach Hamburg, der für sechs Jahre als Erster Kapellmeister den Betrieb prägt. Peter Tschaikowsky (1840-1893) und Giacomo Puccini (1858-1924) kommen und bringen ihre eigenen Werke zur Aufführung. Das Stadttheater wird zu einer internationalen Adresse.
Nach dem Ersten Weltkrieg bleibt der Spielbetrieb trotz wirtschaftlicher Not erstaunlich stabil. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernehmen, wird das „Stadttheater“ 1934 in „Hamburgische Staatsoper“ umbenannt. Die Nazis schalten den Spielplan gleich, jüdische Künstler müssen das Ensemble verlassen.
Ein Bombenangriff in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1943 zerstört Teile des Gebäudes. Das Bühnenhaus, das weitgehend unversehrt bleibt, dient bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebes ab 1946 als provisorischer Zuschauerraum. Podien ersetzen den Orchestergraben, provisorische Sitzreihen werden eingebaut. Später wächst der Zuschauerraum in die Ruine des Vorderhauses hinein. Rund 1200 Menschen finden Platz. Es ist eng, kalt und improvisiert – aber es wird wieder gespielt.
Abriss der Ruine Anfang der 50er Jahre
Die Ruine der alten Staatsoper wird Anfang der 50er Jahre abgerissen, gleichzeitig sammeln wohlhabende Hamburger Bürger – allen voran Mäzen Alfred C. Toepfer (1894-1993) – Geld für den Wiederaufbau. Tombolas werden veranstaltet, bei denen Autos, Fernseher und Motorräder als Preise winken. Bis 1953 kommen auf diese Weise 2,7 Millionen Mark zusammen. Der Senat hat angekündigt, bei zwei Millionen Mark Spenden den Rohbau zu starten – und wird beim Wort genommen.
Am 15. Oktober 1955 eröffnet das neue Opernhaus. Die Einweihung wird zum bis dahin größten gesellschaftlichen Ereignis im Nachkriegs-Hamburg. Tausende stehen am Stephansplatz, drängen sich hinter Polizeiabsperrungen und warten darauf, die Prominenz zu sehen: Schauspielhaus-Intendant Gustaf Gründgens (1899-1963) hat zur Feier des Tages sein Bundesverdienstkreuz angelegt. Bundespräsident Theodor Heuss (1884-1963), der dafür bekannt ist, dass er gerne zynische Bemerkungen macht, steht an diesem Abend im Opernfoyer mit der unvermeidlichen Zigarre in der Hand und frotzelt, dies sei nun schon das sechste Mal in seiner Amtszeit, dass ihm die „Zauberflöte“ serviert werde.
Ein schöner Abend wird es trotzdem: Leopold Ludwig (1908-1979) dirigiert. Rudolf Schock (1915-1986) singt den Tamino, Anneliese Rothenberger (1924-2010) gibt die Papagena – es ist ihr Rollendebüt. Der Applaus will gar nicht enden.
Die Meinungen über die Architektur des Opernhauses gehen auseinander: Der Volksmund nennt es „Schwimmbad“ oder „Keksfabrik“. Die Fassade ist tatsächlich ziemlich schlicht, sachlich und zweckmäßig ausgefallen. Auch innen ist alles anders, als es die Leute von klassischen Opernhäusern gewohnt sind. Kein goldenes Hufeisen mehr, vor allem kein Logen-Balkon für die Auserwählten. Es gibt Einheitslogen, die ein wenig an Schubladen erinnern – dahinter steckt eine politische Aussage: In der Architektur spiegelt sich Demokratie wider.
In den folgenden Jahrzehnten etabliert sich die Staatsoper als eine der führenden Bühnen der Bundesrepublik. 1967 debütiert Plácido Domingo als Cavaradossi und startete seine Weltkarriere. Namen wie Montserrat Caballé (1933-2018), Luciano Pavarotti (1935-2007), Birgit Nilsson (1918-2005), Martha Mödl (1912-2001) und Mirella Freni (1935-2020) sind eng mit dem Haus verbunden.
Als Intendant setzt Rolf Liebermann (1959–1973, später nochmals 1985–1988) Maßstäbe: Er holt internationale Stars nach Hamburg, öffnet den Spielplan für zeitgenössisches Musiktheater. Die erste Frau an der Spitze ist Simone Young, die die Staatsoper von 2005 bis 2015 als Intendantin und Generalmusikdirektorin leitet – und den Fokus auf Wagner und Strauss legt.
Fragwürdiges Geschenk: Kühnes Oper am Baakenhöft spaltet die Stadt
Das Haus genießt bis heute international hohes Ansehen, ist aber inzwischen technisch veraltet. Eine umfassende Sanierung würde einen dreistelligen Millionenbetrag kosten und den Betrieb jahrelang lahmlegen. Das Angebot des Industriellen Klaus-Michael Kühne, der Stadt am Baakenhöft in der HafenCity ein neues Opernhaus zu finanzieren, spaltet seither die Stadt.
Die „taz“ kritisiert das Vorhaben als „Denkmal für einen modernen Feudalherrn“. Kritiker verweisen auf ökologische Fragen und auf die NS-Vergangenheit des Konzerns Kühne+Nagel, der im Nationalsozialismus von Enteignungen und der Verwertung jüdischen Eigentums profitierte. Historiker fordern eine unabhängige Aufarbeitung der Firmengeschichte, was Patriarch Kühne jedoch strikt verweigert.
Die neue Oper erinnert an ein wellenförmiges, begehbares Dach
Auch der Standort Baakenhöft wird hinterfragt, denn genau dort wurden vor 120 Jahren die Soldaten der „Kaiserlichen Schutztruppe“ verschifft, die den Aufstand der Herero in Deutsch-Südwest niederschlagen sollen – und später einen Völkermord begehen. Wäre das nicht Grund genug, an diesem Standort statt einer Oper ein Zentrum für die Geschichte des deutschen Kolonialismus zu schaffen?
Eine Initiative sammelt 10.000 Unterschriften gegen die Kühne-Oper. Trotzdem stimmt am 26. November 2025 die Hamburgische Bürgerschaft dem Vertrag zwischen Stadt und Kühne-Stiftung zu. Damit ist der Neubau des Opernhauses politisch beschlossen. Ob auch der Streit beigelegt ist, wird sich erst noch zeigen.
Inzwischen steht fest, wie das Gebäude aussehen soll: Der Däne Bjarke Ingels hat ein gläsernes Opernhaus mit einer rundum begehbaren Dachlandschaft entworfen, die sich spiralförmig um das Gebäude windet. Konzentrische Terrassen breiten sich vom zentralen Opernsaal wie Schallwellen über das Wasser aus. 2034, wenn Hamburgs Oper 356 Jahre alt ist, wird Eröffnung gefeiert, vorausgesetzt, der Zeitplan gerät nicht durcheinander.