Furchtbares Mord-Geständnis: „Ich habe die Kinder an Haken aufgehängt wie Bilder“

Kinder vom Bullenhuser Damm
Eduard, der ältere der beiden Brüder Hornemann, wurde am 1. Januar 1933 geboren, Alexander am 31. Mai 1936. Die Familie lebte in Eindhoven, Niederlande. Der Vater Philip Carel Hornemann arbeitete bei der Firma Philips. Am 3. Juni 1944 wurde die Familie von Vught in das KZ Auschwitz deportiert. Eduard und Alexander Hornemann wurden am 28. November 1944 in das KZ Neuengamme gebracht und am 20. April 1945 hier am Bullenhuser Damm ermordet.

Es ist das mit Abstand abscheulichste Verbrechen in der Geschichte Hamburgs, verübt von SS-Männern vor genau 80 Jahren: Am 20. April 1945 schaffen sie 20 unschuldige jüdische Kinder aus dem KZ Neuengamme in das Schulgebäude am Bullenhuser Damm in Rothenburgsort und ermorden sie im Keller. SS-Mann Johann Frahm wird später vor Gericht gestehen, dass er den Kindern eine Schlinge um den Hals gelegt und sie „wie Bilder an der Wand aufgehängt“ habe. Und dann habe er sich auch noch mit seinem ganzen Körpergewicht an die Kinder gehängt, damit sich die Schlinge zuzieht.

Frühjahr 1945. Das Kriegsende ist in greifbarer Nähe. Englische Truppen stehen schon in Lüneburg und machen täglich Boden gut. Nicht mehr lange, dann werden sie auch Hamburg einnehmen.

In dieser Situation geht am 14. April im Hamburger Konzentrationslager Neuengamme ein Befehl von SS-Chef Heinrich Himmler ein: „Übergabe kommt nicht infrage. Das Lager ist sofort zu evakuieren. Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes fallen!“

Kinder vom Bullenhuser Damm
Johann Frahm (1901–1946) wurde 1939 im KZ Sachsenhausen ausgebildet. Ab November 1942 tat er Dienst im KZ Neuengamme. Ende Oktober 1945 wurde er von den britischen Ermittlern verhaftet und wegen der Morde am Bullenhuser Damm im Curio-Haus-Prozess 1946 zum Tode verurteilt. Am 11. Oktober wurde er hingerichtet.

SS will medizinische Versuche vertuschen

Max Pauly, seit 1942 KZ-Kommandant, handelt sofort. Zunächst lässt er Karteien und Hinrichtungsakten vernichten. Die Exekutionsstätten werden unkenntlich gemacht.

Als Nächstes sollen die Insassen weggeschafft werden: Darunter befindet sich auch eine Gruppe von 20 Kindern im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren. Es sind zehn Mädchen und zehn Jungen, darunter zwei Geschwisterpaare. Sie stammen aus Polen, Italien, Frankreich, den Niederlanden und der Slowakei und ihre Körper sind von einem Arzt namens Dr. Kurt Heißmeyer für furchtbare medizinische Versuche missbraucht worden.

Heißmeyer, geboren am 28. Dezember 1905 in Lamspringe/Hannover, arbeitet seit 1938 in der Tuberkulose-Heilanstalt in Hohenlychen. Sein Onkel August Heißmeyer ist General der Waffen-SS. Der junge Mediziner träumt davon, ein zweiter Robert Koch zu werden. Er will beweisen, dass er Tuberkulose heilen kann, indem er Erkrankte ein zweites Mal mit Tuberkulose infiziert – ähnlich wie bei einer Impfung. Diese Theorie ist schon zur damaligen Zeit widerlegt, aber Heißmeyer hält trotzdem stur daran fest.

Kinder vom Bullenhuser Damm
Dr. Kurt Heißmeyer, 1906-1967, machte die medizinischen Versuche mit den Kindern. Er wurde 1964 in der DDR verurteilt, bekam Lebenslänglich und starb in Haft.

Im Frühjahr 1944 erhält er die Erlaubnis, im Konzentrationslager Neuengamme Menschenversuche durchzuführen. In einer Baracke wird die „Sonderabteilung Heißmeyer“ eingerichtet. Um die Experimente geheim zu halten, wird die Baracke hermetisch abgeschottet. Dort experimentiert der Mediziner zunächst mit erwachsenen Häftlingen. Als seine Testpersonen schon nach kurzer Zeit infolge seiner Versuche sterben, verlangt er nach neuen „Versuchskaninchen“ – diesmal sollen es Kinder sein.

Er missbraucht die Kinder: Kurt Heißmeyer will Professor werden, hält sich für einen zweiten Robert Koch

Daher treffen am 29. November 1944 zehn Jungen und zehn Mädchen aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in Neuengamme ein. Heißmeyer infiziert sie, indem er ihnen lebende Tuberkelbazillen unter die Haut spritzt beziehungsweise sie ihnen mit einer Sonde in die Lunge einführt. Anschließend operiert er den Jungen und Mädchen die Lymphknoten heraus.

Die Kinder leiden, bekommen Fieber, werden krank. Die Hoffnung Heißmeyers, es würden sich Antikörper bilden, erfüllt sich nicht. Die Mädchen und Jungen machen völlig sinnloserweise ein Martyrium durch.

Kinder vom Bullenhuser Damm
Dr. Alfred Trzebinski (1902–1946) wurde 1941 Lagerarzt im KZ Ausschwitz, danach im KZ Majdanek. 1943 wurde er Standortarzt in Neuengamme. Er war in der Einrichtung der Sonderabteilung Heißmeyer auch mit den medizinischen Experimenten beschäftigt. Alfred Trzebinski war an der Ermordung der Kinder beteiligt. Er versuchte nach dem Krieg unterzutauchen, wurde aber am 1. Februar 1946 verhaftet und im Curio-Haus-Prozess zum Tode verurteilt.

Am 20. April 1945 – es ist Hitlers 56. und letzter Geburtstag – erreicht dieser Befehl aus Berlin das KZ Neuengamme: „Experimente abbrechen, Kinder exekutieren!“ Wenn die Alliierten Hamburg einnehmen, sollen sie nichts vorfinden, was beweist, dass es Menschenversuche gegeben hat. Noch am späten Abend desselben Tages werden die Jungen und Mädchen gemeinsam mit vier erwachsenen Häftlingen, die sich in Neuengamme um sie gekümmert haben, zur Schule am Bullenhuser Damm gebracht. Bei den Erwachsenen handelt es sich um die französischen Ärzte Gabriel Florence und René Quenouille sowie um die Niederländer Dirk Deutekom und Anton Hölzel.

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Das Schulgebäude am Bullenhuser Damm ist seit den Bombenangriffen im Sommer 1943 schwer beschädigt und dient als KZ-Außenlager. Als der Lkw dort gegen Mitternacht eintrifft, wird die Gruppe in den Keller geführt. Als Erstes werden die vier Erwachsenen ermordet: Die SS-Wachleute bringen sie in einen separaten Raum und erhängen sie an einem Rohr unter der Decke.

Unterdessen werden die Kinder aufgefordert, sich nackt auszuziehen. Ihnen wird weisgemacht, dass sie geimpft werden sollen. Anschließend gibt Alfred Trzebinski, der SS-Standortarzt des KZ Neuengamme, jedem Kind eine Spritze. Es handelt sich dabei um Morphium.

Was danach mit den Jungen und Mädchen geschieht, schildert Trzebinski später vor Gericht so: SS-Unterscharführer Johann Frahm „nahm einen zwölfjährigen Jungen auf den Arm und sagte zu den anderen: ,Er wird jetzt ins Bett gebracht.‘“ Dann sei Frahm mit ihm in einen anderen Raum des Kellers gegangen, habe den Jungen in eine Schlinge eingehängt, die an einem Haken an der Wand befestigt gewesen sei.

Kinder vom Bullenhuser Damm
Die Schule am Bullenhuser Damm in Rothenburgsort: Hier wurden am 20. April 1945 20 Kinder, ihre vier Betreuer und mindestens 24 sowjetische Häftlinge aus Neuengamme durch SS-Leute erhängt.

Trzebinski weiter: „In diese Schlinge hängte Frahm den schlafenden Jungen ein und hängte sich mit seinem Körpergewicht an den Jungen, damit die Schlinge zuzog.“ In einem Verhör gibt Frahm später zu, er habe die Kinder „wie Bilder an die Wand gehängt“. Keines der Kinder habe auch nur geweint.

In der Schule Bullenhuser Damm sterben in dieser Nacht noch mehr Menschen: Mindestens 24 sowjetische KZ-Häftlinge werden ebenfalls gehängt. Bis heute ist nicht bekannt, wer sie waren und wie sie hießen.

Kurt Heißmeyer praktiziert in der DDR und wird erst 1963 festgenommen und vor Gericht gestellt

Sämtliche Opfer – Kinder wie Erwachsene – werden noch in derselben Nacht im Krematorium in Neuengamme eingeäschert, damit niemand ihre Leichen findet. Unentdeckt bleiben die Taten trotzdem nicht. 1946 werden bei den Hamburger Curio-Haus-Prozessen SS-Arzt Alfred Trzebinski, der SS-Aufseher Johann Frahm und zwei weitere SS-Leute zum Tode verurteilt und gehängt.

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Von Kurt Heißmeyer, dem Arzt, der die Verantwortung für die Menschenversuche trägt, fehlt zunächst jede Spur. Noch bis 1963 arbeitet er unerkannt und unbehelligt als Mediziner in Magdeburg, betreibt die einzige Tuberkulose-Privatpraxis der DDR und wird Direktor der privaten Magdeburger „Klinik des Westens“. Erst nach Berichten in der westdeutschen Presse lassen ihn die DDR-Behörden verhaften.

Im Prozess im Bezirksgericht Magdeburg sagt Heißmeyer im April 1964 aus: „Ich bin mir heute bewusst, mit diesen Experimenten an den Kindern ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben, denn die Kinder waren völlig wehrlos.“ Entsprechend seiner „faschistischen Überzeugung“ habe er die Kinder damals aber nicht als vollwertige Menschen angesehen. Für ihn habe es „keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Juden und Versuchstieren“ gegeben. Heißmeyer wird am 30. Juni 1966 zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er stirbt 1967 im Gefängnis Bautzen an Herzversagen.

In Hamburg gerät der Mord an den Kindern nach dem Krieg schnell in Vergessenheit. Das Gebäude am Bullenhuser Damm, in dem die furchtbaren Taten geschahen, wird wieder als Schule genutzt, so, als wäre nie etwas geschehen. Die Schüler, die dort unterrichtet werden, erfahren von dem, was sich 1945 im Keller abgespielt hat, nichts. Das ändert sich erst nach mehr als einem Jahrzehnt: 1963 wird immerhin eine Gedenktafel am Gebäude angebracht.

„Stern“-Journalist Schwarberg berichtet über die Morde

Kinder vom Bullenhuser Damm
„Stern“-Journalist Günther Schwarberg (1926-2008) schrieb ein Buch über den Kindermord und machte Angehörige ausfindig.

1978, also 33 Jahre nach dem grausamen Ereignis, machen ehemalige Neuengamme-Häftlinge den Hamburger Journalisten Günther Schwarberg auf die Geschichte aufmerksam. Im Magazin „Stern“ veröffentlicht Schwarberg daraufhin eine Artikelserie, bringt später das Buch „Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ heraus, das in sechs Sprachen übersetzt wird.

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Nach langjährigen Recherchen in vielen Ländern gelingt es Schwarberg, überlebende Angehörige ausfindig zu machen: Eltern, Geschwister und Cousinen erfahren erstmals durch Schwarberg vom Schicksal der Kinder.

Die erste Gedenkveranstaltung in der Schule am Bullenhuser Damm findet am 20. April 1979 statt. Angehörige der Opfer reisen aus ganz Europa an. Auch 2000 Hamburger Bürger nehmen teil. Noch während dieser Veranstaltung wird die Vereinigung „Kinder vom Bullenhuser Damm“ gegründet, die sich zum Ziel setzt, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten. Sie existiert bis heute.

Strafanzeige gegen ehemaligen SS-Angehörigen Strippel

Noch im selben Jahr erstattet Schwarbergs Frau, die Rechtsanwältin Barbara Hüsing, im Namen der Angehörigen Strafanzeige gegen den ehemaligen SS-Angehörigen Arnold Strippel, dem vorgeworfen wird, als Stützpunktleiter der KZ-Außenlager von Neuengamme an der Ermordung der Kinder beteiligt gewesen zu sein, dafür aber nie bestraft wurde. Daraufhin nimmt die Staatsanwaltschaft ein 1967 eingestelltes Ermittlungsverfahren gegen den Mann wieder auf.

Um das Versagen der deutschen Justiz im Fall Arnold Strippel anzuprangern, inszeniert die Vereinigung der Kinder vom Bullenhuser Damm 1986 ein „Internationales Tribunal“. Darin treten Angehörige und ehemalige Häftlinge des KZ Neuengamme ebenso auf wie Juristen. Aber Arnold Strippel kommt erneut ungeschoren davon. 1987 wird das Verfahren gegen ihn aus Mangel an Beweisen eingestellt – wie schon 21 Jahre zuvor.

Drei Gedenkfeiern am 16., am 20. und am 24. April

Kinder vom Bullenhuser Damm
Blick in die Gedenkstätte im Keller der Schule am Bullenhuser Damm. Hier wurden die 20 Mädchen und Jungen ermordet.

Seit 1980 gibt es im Keller des Schulgebäudes am Bullenhuser Damm eine Gedenkstätte. Sie wird 2010/2011 erweitert und um eine große ständige Ausstellung ergänzt. Hinterm Schulgebäude ist ein Rosengarten angelegt, in dem bis heute viele Tausend Menschen Blumen zum Gedenken an die Opfer gepflanzt haben. Die Gedenkstätte am Bullenhuser Damm ist inzwischen nicht nur für Hamburg ein wichtiger Erinnerungs- und außerschulischer Lernort, sondern auch international bekannt.

Mord jährt sich 2025 zum 80. Mal

Weil sich in diesem Jahr der Mord zum 80. Mal jährt, wird es mehrere Gedenkveranstaltungen geben, zu denen aus den USA, aus Israel, Frankreich, Belgien, Italien und den Niederlanden rund 30 Angehörige von neun Familien anreisen: Es beginnt am Mittwoch, 16. April, um 12 Uhr mit der Einweihung eines Mahnmals im Rosengarten am Bullenhuser Damm. Am Sonntag, 20. April, wird es zwischen 14 und 15 Uhr ein „individuelles Gedenken“ im Rosengarten geben. Zwischen 10 und 17 Uhr besteht die Möglichkeit, die Gedenkstätte zu besichtigen.

Am Donnerstag, 24. April, ist ab 11 Uhr das Thalia-Theater Veranstaltungsort einer großen Gedenkfeier (Anmeldung per Mail: anmeldung@kinder-vom-bullenhuser-damm.de): Andra und Tatiana Bucci, die als Kinder nach Auschwitz deportiert wurden und deren Cousin Sergio de Simone zu den 20 Kindern gehört, die am Bullenhuser Damm ermordet wurden, werden über ihre Erinnerungen an die NS-Zeit berichten. Ingo Zamperoni (NDR) moderiert.