Er war der Mozart Hamburgs: Mendelssohn Bartholdy wurde nur 38, ist doch unsterblich

Felix Mendelssohn Bartholdy, 1809, 1847,
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847), einer der größten Komponisten der Musikgeschichte. Er wurde 1809 in Hamburg geboren.

Sie, lieber Leser, sind vielleicht kein Klassik-Fan und der Name Felix Mendelssohn Bartholdy sagt Ihnen nicht viel. Doch selbst dann kennen Sie seine berühmteste Melodie mit Sicherheit: den „Hochzeitsmarsch“. Komponiert hat ihn der Hamburger Musiker für Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“. Das wunderschöne Stück hat schon in unzähligen Filmen den Weg eines Brautpaares zum Altar begleitet. Am 3. Februar 1809, an einem frostigen Freitagmorgen, kommt der Mann, der als „Mozart des 19. Jahrhunderts“ in die Musikgeschichte eingegangen ist, in der Großen Michaelisstraße 14 zur Welt – keine hundert Meter vom Michel entfernt. Ein Hanseat, wenn auch nur auf Zeit. Denn schon zwei Jahre später verlässt die Familie fluchtartig die Stadt – wegen Napoleon.

Der französische Kaiser hat Hamburg besetzt und mit seiner Kontinentalsperre den internationalen Handel lahmgelegt. Für Abraham Mendelssohn, Felix’ Vater, ein schwerer Schlag. Zwar ist er ein erfolgreicher Bankier – doch in der strangulierten Wirtschaft der besetzten Stadt gerät sein Geschäft ins Wanken.

Felix Mendelssohn Bartholdy Geburtshaus in Hamburg
Felix Mendelssohn Bartholdy Geburtshaus in Hamburg. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und befand sich keine 100 Meter vom Michel entfernt.

Die Familie beschließt, nach Berlin zu ziehen – dorthin, wo Verwandte der Mutter leben und das geistige Klima neue Perspektiven verspricht. Es ist eine rationale Entscheidung. Aber leicht fällt sie nicht.

Hamburg ist im 19. Jahrhundert eine der musikalischen Hochburgen im deutschsprachigen Raum

Hamburg ist zu jener Zeit nicht nur ein bedeutender Handelsplatz, sondern auch eine der großen musikalischen Hochburgen im deutschsprachigen Raum. Carl Philipp Emanuel Bach, Sohn Johann Sebastian Bachs, wirkt hier bis zu seinem Tod 1788 als Musikdirektor der fünf Hauptkirchen und prägt das Musikleben nachhaltig. Seine Werke gelten als stilbildend für eine ganze Generation von Komponisten.

Kirchenmusik spielt im protestantischen Hamburg eine herausragende Rolle, und in den Salons und Bürgerhäusern blüht das musikalische Leben. Ein Umfeld, in dem künstlerischer Ausdruck geschätzt wird – und das vielleicht auch den jungen Felix, wenn auch nur kurz, atmosphärisch geprägt hat.

Die Familie, in die Felix hineingeboren wird, ist außergewöhnlich. Sein Großvater Moses Mendelssohn war einer der bedeutendsten Philosophen der deutschen Aufklärung – ein jüdischer Denker von europäischem Rang, ein Vorkämpfer für Toleranz und Aufklärung. In der Figur Nathan der Weise setzt ihm sein Freund Gotthold Ephraim Lessing ein literarisches Denkmal.

Felix Mendelssohn Bartholdy
Das Wohnzimmer des in Hamburg geborenen Komponisten in Leipzig.

Felix Mendelssohn Bartholdy entstammt einer bemerkenswerten Familie

Moses Mendelssohns Sohn Abraham, der Vater von Felix, bricht mit der jüdischen Tradition der Familie. In einem Preußen, das Juden systematisch benachteiligt, trifft der erfolgreiche Kaufmann eine pragmatische Entscheidung: Er lässt sich und seine Kinder evangelisch taufen – weniger aus religiöser Überzeugung als aus dem Wunsch heraus, seinem Sohn und seiner Tochter Zugang zur christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft zu ermöglichen.

Auch den Familiennamen ändert er. „Mendelssohn“ sei zwar sein Name, schreibt er einmal, „aber nicht mein Schild“. Der Zusatz „Bartholdy“, benannt nach dem Landgut des Schwagers, dient ihm als Tarnkappe – ein christlich klingender Deckname, um Vorurteile zu umgehen. „Bartholdy soll euch Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben“, schreibt Abraham Mendelssohn seinem Sohn. Er rät Felix sogar, „Mendelssohn“ ganz wegzulassen – wenn es dem Fortkommen dient.

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Das neue Zuhause in Berlin liegt mitten in einem intellektuellen Kraftfeld. Das Haus der Mendelssohns wird zum Treffpunkt der klügsten Köpfe der Zeit. Künstler, Musiker, Dichter, Naturwissenschaftler gehen ein und aus. Der Garten verwandelt sich an Sonntagen in eine Bühne – mit Kammermusik, Hauskonzerten und literarischen Salons.

Hier lernen Felix und seine vier Jahre ältere Schwester Fanny nicht nur Klavier spielen, sondern auch diskutieren, zeichnen, denken. Ein Besucher notiert: „Es war kein Kinderzimmer, es war eine Akademie.“

Auch Schwester Fanny ist ein Wunderkind, darf es aber nicht zeigen

Fanny ist ein Wunderkind wie ihr Bruder. 250 Lieder, dazu Kammermusik, Klavierstücke und Kantaten stammen aus ihrer Feder. Doch ihr Talent darf nie öffentlich erstrahlen – weil sie eine Frau ist. Ihr Vater schreibt ihr: Musik sei für eine Frau „Zierde, nicht Beruf“.

Felix verehrt seine Schwester, sie ist seine engste Vertraute, seine beste Freundin. In vielen Briefen wird deutlich, wie sehr er auf ihr Urteil baut. Einmal schreibt er ihr: „Du bist mir Ohr, Auge und Herz zugleich.“

Dass sie zeitlebens in seinem Schatten steht, ist nicht seine Schuld – doch auch er ist Teil jenes Systems, das ihre Entfaltung verhindert. Fannys Schicksal steht exemplarisch für unzählige hochbegabte Frauen jener Zeit, deren Talent verkümmert. Noch Jahrzehnte später wird die Pianistin Clara Schumann, die Frau Robert Schumanns, nicht als eigenständige Künstlerin wahrgenommen – sondern bloß als „Gattin eines Genies“ …

Fanny Mendelssohn Bartholdy
Die Schwester des Komponisten, Fanny Mendelssohn, war selbst eine geniale Musikerin.

Während Fanny ihr Talent nur im Verborgenen zeigen darf, tritt Felix schon früh ins Licht der Öffentlichkeit: Mit neun Jahren gibt er sein erstes Konzert, mit elf beginnt er zu komponieren – und zwar in atemberaubender Geschwindigkeit. Innerhalb eines Jahres entstehen 60 Werke: Klaviersonaten, Lieder, Streichquartette, Orgelstücke. Ein Zeitgenosse bemerkt: „Er schreibt schneller, als andere lesen können.“

Er ist 12, als er bei Johann Wolfgang von Goethe in Weimar zu Gast ist

Mit zwölf ist er Mitglied der Sing-Akademie. Bei Carl Friedrich Zelter, einem herausragenden Musikpädagogen, Komponisten und Dirigenten, lernt er Kompositionslehre – und vertieft seine Verehrung für Bach. Zelter ist es auch, der Johann Wolfgang von Goethe von diesem Wunderkind erzählt. Tatsächlich darf Felix 1821 den Dichterfürsten in Weimar besuchen. Goethe ist 72, Felix 12. Der Eindruck ist beiderseits überwältigend. Goethe sagt: „Wenn ich diesen Jungen spielen höre, ist mir, als ginge die Sonne auf.“ Felix schwärmt: „Ich habe bei Goethe gewohnt, wir haben Tee getrunken, er hat mir Gedichte vorgelesen.“

Goethe
Als Zwölfjähriger ist Felix Mendelssohn Bartholdy im November 1821 bei Johann Wolfgang von Goethe in Weimar zu Gast. Neben dem Flügel Carl Friedrich Zelter.

1826 – Felix ist gerade 17 – komponiert Mendelssohn Bartholdy die Ouvertüre zu „Ein Sommernachtstraum“. Ein Stück von solcher Leichtigkeit, Raffinesse und melodischer Erfindung, dass es noch heute klingt wie frischer Tau. Der berühmte Hochzeitsmarsch entsteht 1842 als Teil der Bühnenmusik. Doch schon die Ouvertüre ist ein Geniestreich – sie fängt Elfenzauber und Liebeswirren in feinen Orchesterfarben ein. Robert Schumann nennt Felix Mendelssohn Bartholdy einen „Meister der Poesie im Ton“, Heinrich Heine spricht von einem „griechisch gebildeten Deutschen mit englischem Herzen und jüdischer Seele“.

1829 sorgt Mendelssohn für eine musikalische Sensation: In Berlin führt er Bachs Matthäus-Passion auf – ein Werk, das fast 80 Jahre nicht mehr gespielt wurde. Die Aufführung wird zum kulturellen Erdbeben – der Beginn der Bach-Renaissance. Plötzlich erkennt die Musikwelt, welch ein Schatz in den vergessenen Werken des Leipziger Kantors schlummert. Felix wird über Nacht zum Star – als Komponist, Dirigent – und als Musikforscher.

Er trifft Hector Berlioz in Rom, Chopin in Paris und in Schottland komponiert er die „Hebriden-Ouvertüre“

Reisen führen ihn durch ganz Europa. In London dirigiert er die Philharmonic Society, in Schottland besucht er Fingal’s Cave – und komponiert die „Hebriden-Ouvertüre“. In Rom trifft er den französischen Komponisten Hector Berlioz, in Paris den einzigartigen Pianisten Frédéric Chopin. Doch trotz der Begeisterung fürs Ausland bleibt Mendelssohn Bartholdy innerlich zutiefst deutsch und hanseatisch geprägt. In einem Brief aus Paris schreibt er: „Die französischen Klavierlehrer sind alle Professoren im Sitzen, nicht im Spielen. Ach, was fehlt mir Hamburg!“

Ja, Hamburg. Der Stadt seiner Geburt bleibt er innerlich verbunden, sein Leben lang. 1829 besucht er die Orgel des Michels. 1842, nach dem verheerenden Stadtbrand Hamburgs, veranstaltet er Benefizkonzerte zugunsten der Geschädigten. Später schreibt ein Hamburger Musikliebhaber: „Wir haben ihn zu früh verloren – zuerst als Kind, dann als Mensch.“

Mendelssohn wird Musikdirektor in Leipzig, übernimmt das Gewandhausorchester – und formt es zu einem der führenden Klangkörper Europas. 1843 gründet er das Leipziger Konservatorium – Deutschlands erste Musikhochschule. Hier lehren Robert Schumann, Ignaz Moscheles, Ferdinand David. Mendelssohn legt Wert auf Bildung, Technik, Humanität. Musik sei keine Pose, sondern eine Haltung.

Felix Mendelssohn Bartholdy
Felix Mendelssohn Bartholdy, Aquarell von James Warren Childe. Das Bild wurde in einer Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek gezeigt.

Privat findet er sein Glück mit Cécile Jeanrenaud, Tochter eines Pfarrers aus Frankfurt. Eine zarte schöne Frau mit französischen Wurzeln. Das Paar bekommt fünf Kinder. Nach der Hochzeit schreibt Felix in einem Brief: „Ich bin sehr, sehr glücklich – und zum ersten Mal so ruhig im Herzen.“

Doch das Glück währt nicht lange. Am 14. Mai 1847 stirbt Schwester Fanny – an einem Schlaganfall. Felix ist erschüttert, zieht sich zurück, verliert die Kraft. „Es ist, als ob mir eine Hälfte meiner selbst genommen wurde“, schreibt er.

Bartholdy stirbt mit nur 38 Jahren

Nur sechs Monate später, am 4. November 1847, stirbt auch er – mit nur 38 Jahren. Europa trauert. In Hamburg erklingt zu seinem Gedenken Bachs „Jesu, meine Freude“.

Was bleibt? Musik von unvergänglicher Schönheit: das Violinkonzert e-Moll, die Schottische Sinfonie, Orgelsonaten, das Klaviertrio d-Moll, die Lieder ohne Worte. Eine Klangwelt zwischen Klassik und Romantik – nie pathetisch, nie sentimental, sondern licht, klar, durchgeistigt.

In Hamburg wird im Komponisten-Quartier an Mendelssohn Bartholdy erinnert

So sehr Felix Mendelssohn Bartholdy zu Lebzeiten auch verehrt wurde – nach seinem Tod gerät sein Werk ins Zwielicht. Das 19. Jahrhundert liebt die leidenschaftliche Zerrissenheit der Romantik – und sieht in Mendelssohns Maß, Klarheit und Formvollendung plötzlich etwas Altmodisches. Der Antisemit Richard Wagner (1813–1883) verhöhnt ihn in seiner Schrift „Das Judentum in der Musik“ als „jüdisch impotent“, als Künstler ohne „deutsche Tiefe“.

Felix Mendelssohn Bartholdy
Museum im Hamburger Komponistenquartier in der Neustadt: Hier gibt es eine Ausstellung über Felix Mendelssohn Bartholdy und die anderen großen Komponisten der Hansestadt.

Spätere Generationen übernehmen dieses Urteil, und mit dem aufkommenden Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts fällt Mendelssohns Name zunehmend in Misskredit. Während der NS-Zeit verschwindet seine Musik aus den Konzertsälen – sein Standbild vor der Leipziger Thomaskirche wird 1936 abgerissen.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt seine Rehabilitierung. Heute gilt Mendelssohn wieder als das, was er war: als einer der feinsten Musiker seiner Epoche – ein Humanist des Klangs, der die Versöhnung von Geist und Gefühl suchte.

In Hamburg erinnert heute das Komponisten-Quartier mit einer Ausstellung an den Künstler. Das Geburtshaus steht nicht mehr – doch ganz in der Nähe, gegenüber vom Michel, hinter einer Bushaltestelle, erinnert eine Stele an ihn und seine Schwester Fanny.

Sein Leben war kurz, seine Musik aber klingt – in Hamburg wie überall auf der Welt – bis heute nach.