Ein grauenhaftes Liebespaar: Der Nazirichter und die Kindermörderin

Tyrolf
Walter Tyrolf (1901-1971): in der NS-Zeit Staatsanwalt, später Richter in Hamburg.

Rahlstedt, Anfang der 1960er Jahre. Im Haus Amtsstraße 2 lebt damals ein Paar, das auf den ersten Blick unauffällig wirkt. Er: ein kranker pensionierter Richter. Sie: eine beliebte Kinderärztin. Anständige Leute, so denken damals die meisten. Doch wer um die Lebensgeschichten von Walter Tyrolf und Ingeborg Wetzel weiß, sieht in ihrer Ehe mehr als eine private Verbindung. Sie ist ein Sinnbild für das große Schweigen nach 1945, für das Versagen der Justiz und ein Beispiel dafür, dass in der bundesrepublikanischen Gesellschaft NS-Täter unbehelligt weiterlebten – geachtet, geschützt, gut situiert.

Walter Tyrolf, der Ehemann, war einst Staatsanwalt in der NS-Zeit und mitverantwortlich für zahlreiche Todesurteile. Seine Ehefrau Dr. Ingeborg Wetzel hat während der Nazi-Diktatur als Kinderärztin Karriere gemacht – war beteiligt an der Ermordung unzähliger behinderter Jungen und Mädchen im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. Nach dem Krieg wurde gegen Ingeborg Wetzel sogar mal wegen Mordes ermittelt – dafür, dass das Verfahren eingestellt wurde, hat dann unter anderem Walter Tyrolf gesorgt. Denn bevor er ihr Mann wurde, war er in dem Fall der zuständige Untersuchungsrichter.

Walter Tyrolf, geboren 1901 in Zeitz, kam als Sohn eines Volksschullehrers zur Welt. Nach dem Jurastudium promovierte er 1926 und machte Karriere im Staatsdienst: 1930 Gerichtsassessor, 1931 Amtsgerichtsrat und 1934 Landgerichtsrat. 1937 trat er der NSDAP bei, seine Mitgliedsnummer: 5.269.173.

Ein Skandal, dass NS-Täter in der Bundesrepublik unbehelligt weiterleben durften

Etwa ab August 1943 fungierte er als Staatsanwalt beim berüchtigten NS-Sondergericht in Hamburg und forderte dort in mindestens 18 Fällen die Todesstrafe – selbst bei Bagatell-Delikten wie leichtem Diebstahl und „Rassenschande“. Tyrolf war gnadenlos. Mindestens 15 der Angeklagten wurden dann tatsächlich hingerichtet.

Auch am Todesurteil gegen die schwangere polnische Zwangsarbeiterin Anna Jozefowicz wirkte Tyrolf 1943 mit. Der jungen Frau wurde vorgeworfen, sie habe geplündert. Von einem Stapel mit Kleidern, die aus einer Bombenruine gerettet worden waren, habe sie sich mehrere Teile stibitzt. Das war ihr ganzes Verbrechen.

Tyrolf Wetzel
Walter Tyrolf, Richter mit NS-Vergangenheit, ermittelte nach dem Krieg gegen die NS-Kindermörderin Dr. Ingeborg Wetzel – und sorgt dafür, dass sie nie vor Gericht gestellt wird.

Nach dem Krieg versuchte Tyrolf, seine Rolle in der NS-Zeit herunterzuspielen. Er habe sich immer für milde Urteile eingesetzt, behauptete er. Die Zwangsarbeiterin Jozefowicz habe ihm sogar ihr Überleben zu verdanken, denn nur aufgrund seiner Eingabe sei sie begnadigt worden. So behauptete er.

Eine schamlose Lüge, wie wir heute wissen. Zwar blieb der Polin die Guillotine tatsächlich erspart, aber das lag nicht an Tyrolf, sondern am Verteidiger – der hatte das Gnadengesuch eingereicht.

Trotz seiner NS-Vergangenheit machte Tyrolf nach dem Krieg Karriere in der Justiz, stieg auf bis zum Landgerichtsdirektor und nutzte seine Position, um die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen, wo immer er konnte, zu sabotieren.

Walter Tyrolf forderte als NS-Staatsanwalt für Bagatelldelikte die Todesstrafe

So beispielsweise im Fall Veit Harlan. Hitlers Lieblingsregisseur musste sich 1949 und dann noch einmal im Revisionsverfahren 1950 vor dem Landgericht Hamburg wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verantworten – ihm wurde zur Last gelegt, dass sein 1940 gedrehter antisemitischer Hetzfilm „Jud Süß“ die massenpsychologischen Voraussetzungen für Auschwitz geschaffen hatte.

Den Vorsitz in beiden Verfahren gegen Veit Harlan hatte Walter Tyrolf – mit dem Ergebnis, dass der Regisseur freigesprochen wurde. Harlan habe „aus innerem Befehlsnotstand“ gehandelt, so Tyrolfs Urteil. Regisseur Harlan triumphierte, verließ als strahlender Sieger den Gerichtssaal. Da half es wenig, dass die Öffentlichkeit mit Empörung auf das Urteil reagierte. „Freispruch für einen Mordpropagandisten“, so die „Zürcher Zeitung“.

Dr. Ingeborg Wetzel, die Frau an Tyrolfs Seite, wurde 1912 in Hamburg geboren, studierte Medizin in Greifswald und begann 1939 als Assistenzärztin im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort, wo sie bald darauf als Oberärztin tätig wurde. Das Kinderkrankenhaus war zu dieser Zeit nicht nur eine medizinische Einrichtung – es war ein Ort des Schreckens. Wie andere sogenannte „Kinderfachabteilungen“ in Nazi-Deutschland diente es als Tarnorganisation für ein staatlich gelenktes Euthanasieprogramm.

Unter dem Deckmantel der Heilbehandlung wurden hier planmäßige Tötungen durchgeführt. Ziel war es, „lebensunwertes Leben“ auszumerzen. Wetzel spielte in diesem System eine zentrale Rolle. Sie war nicht nur Mitwisserin, sondern eine der Haupttäterinnen. Mindestens sechs Tötungen gehen auf ihr Konto – andere Quellen sprechen von weit mehr. Ihre Methoden waren perfide: Barbiturate in tödlicher Dosis, falsche Angaben auf Totenscheinen, verharmlosende oder irreführende Diagnosen. Einige Kinder starben nach planvoller Medikamentengabe, andere wurden absichtlich kaum mit Nahrung versorgt oder bei hohem Fieber nicht behandelt.

Dr. Ingeborg Wetzel, ermordete in der NS-Zeit mindestens sechs behinderte Kinder

Kindermörderinnen
Die Ärzte des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort: Viele von ihnen beteiligten sich an dem systematischen Mord an behinderten Kindern. Dr. Ingeborg Wetzel (5.v.l.) ist in der Mitte zu sehen.

Eines der dokumentierten Opfer war die kleine Angela Lucassen. Das Kind litt an einer schweren geistigen Behinderung. Aus Sicht der Nazis eine „Ballastexistenz“, ein „nutzloser Esser“. 1944 spritzte ihr Dr. Ingeborg Wetzel eine Überdosis Luminal, ein starkes Barbiturat. Der Tod trat nicht sofort ein: Angela quälte sich mehrere Tage. Als es endlich vorbei war, fälschte Wetzel die Todesursache auf dem Totenschein und gab eine natürliche Ursache an.

Nach dem Krieg trat Ingeborg Wetzel eine Stelle als Schulärztin in Wandsbek an, bevor 1946 die Staatsanwaltschaft Hamburg ein Ermittlungsverfahren gegen sie einleitete.

Auslöser dafür war eine Strafanzeige, die im Juni 1945 der junge Mediziner Dr. Ernst Hermann Maier erstattet hatte. Er war als Medizinstudent an der Kinderklinik Rothenburgsort tätig gewesen, wusste, was dort gelaufen war, und war empört darüber, dass der Hauptverantwortliche, Klinikleiter Wilhelm Bayer, auch nach der Kapitulation der Nazis auf seinem Posten saß. Wegen Bayers autoritärer Machtstellung sei „an eine Selbstreinigung der unter seinem Willen stehenden Klinik nicht zu denken“, so Maier in der Strafanzeige.

Daraufhin leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein – gegen Bayer, aber auch gegen andere Mediziner der Klinik, darunter Ingeborg Wetzel. Sie wurde mehrfach vernommen und dabei mit dem Tod von Angela Lucassen konfrontiert. Sie bestritt nicht etwa, das Kind totgespritzt zu haben. Sie rechtfertigte sich vielmehr: „Die“ – sie meinte das Kind –„war doch gar nicht ansprechbar. Solche Kinder kann man nicht fördern.“

Doch Dr. Ingeborg Wetzel hatte Glück: Walter Tyrolf, ihr späterer Mann, ermittelte gegen sie

Wetzel betonte mehrfach, sie sei überzeugt gewesen, in Übereinstimmung mit dem damaligen Recht gehandelt zu haben. Einsicht zeigte sie keine – ihre Haltung hatte sich nicht verändert.

Aber sie hatte Glück, denn als Untersuchungsrichter im Verfahren gegen die „Euthanasie“-Ärzte fungierte zunächst Walter Tyrolf, bevor später sein Kollege, der Landgerichtsrat Kurt Steckel, die Leitung der Untersuchung übernahm. Beide befragten Zeugen, bewerteten Aussagen – und sorgten dann dafür, dass das Verfahren eingestellt wurde. Im Schlussbericht heißt es, dass die Ärztinnen „nach bestem Wissen und Gewissen“ gehandelt hätten. Sie hätten unter Druck gehandelt und nicht erkennen können, dass ihr Handeln Unrecht war.

Absolut alle Beteiligten der „Kindereuthanasie“ in Rothenburgsort blieben von Strafverfolgung verschont, viele machten Karriere in ihrem Beruf. Auch Ingeborg Wetzel: 1950 eröffnete sie in der Amtsstraße 2 in Rahlstedt eine Praxis für Kinderheilkunde. Fast eineinhalb Jahrzehnte lang behandelte sie dort Kinder. In der Nachbarschaft war sie hoch angesehen. Mütter lobten ihre freundliche Art, ihre gute Diagnostik, ihre ruhige Stimme. Kinder nannten sie „die liebe Frau Doktor“. Niemand ahnte, wer sie wirklich war.

Wann genau sich Walter Tyrolf und Ingeborg Wetzel wiederbegegnet sind, ist unklar. Oder hatten sie etwa schon seit dem Untersuchungsverfahren was miteinander? Es gab jedenfalls ab Ende der 1950er Jahre Gerüchte, dass die Kinderärztin einen Liebhaber habe, der noch verheiratet sei. Ob das Tyrolf war, lässt sich nicht mehr klären.

„Stern“-Chefredakteur Henri Nannen nannte Tyrolf einen „menschenverachtenden Nazi-Juristen“

Fest steht, dass es in dessen Ehe schon längere Zeit nicht mehr gut lief. Allerdings blieb Walter Tyrolf mit seiner Frau Luise bis zu deren Tod am 2. September 1962 zusammen. Sie litt schon lange unter hohem Blutdruck. Gerüchte besagen, sie habe sich, kurz bevor sie starb, sehr aufgeregt über einen Artikel im Magazin „Stern“. Der Beitrag trug die Überschrift: „Im Namen des deutschen Volkes“. Darin hatte Chefredakteur Henri Nannen Walter Tyrolf als „menschenverachtenden Nazi-Juristen“ bezeichnet.

Im März 1963 – Luise Tyrolf war noch keine sechs Monate unter der Erde – heirateten Walter Tyrolf und Ingeborg Wetzel, und zwar heimlich, still und leise in Celle. Selbst seine engsten Familienmitglieder hatte Walter Tyrolf nicht informiert. Der Ort, rund 120 Kilometer von Hamburg entfernt, war mit Bedacht gewählt: Aus naheliegenden Gründen sollte die Eheschließung nicht an die große Glocke gehängt werden. Der frühere Ermittler, der die Kindermörderin heiratet – das hätte sonst für Schlagzeilen sorgen können …

Um die Ehe in Celle zu schließen, meldete Tyrolf sogar seinen offiziellen Wohnsitz dort an und kurz darauf wieder ab. Als Meldeadresse diente ihm dabei die Wohnung von Dr. Helene Sonnemann – dabei handelte es sich pikanterweise um eine Ex-Kollegin von Ingeborg Wetzel, ebenfalls Kinderärztin und ebenfalls verwickelt in die Kindermorde von Rothenburgsort.

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort
Auf der Dachterrasse des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort: Schwestern mit ihren kleinen Patienten.

Kurz nach der Hochzeit zog Tyrolf nach Rahlstedt, in das kleine Haus in der Amtsstraße, in dem Ingeborg Wetzel-Tyrolf – so nannte sie sich jetzt – ihre Kinderarztpraxis hatte. 1963 bekam Tyrolf einen Schlaganfall, litt ab da an einer Halbseitenlähmung mit Sprachstörung. Daraufhin hängte seine Frau ihren Arztberuf an den Nagel, um sich ganz auf die Pflege ihres Mannes zu konzentrieren.

Ist Walter Tyrolf eines natürlichen Todes gestorben – oder hat seine Frau ihn totgespritzt?

Im November 1965 verschlechterte sich Walter Tyrolfs Gesundheitszustand. Er kam in ein Pflegeheim in Goldenbek (Kreis Segeberg). Dort starb er am 24. November 1971. Auf dem Totenschein ist als Todesursache Lungenentzündung angegeben. Doch nicht alle glauben an diese Version.

Es gibt den Verdacht, dass Tyrolf keines natürlichen Todes gestorben ist, sondern dass Ingeborg Wetzel-Tyrolf ihn von seinen Leiden erlöst hat. Zeugen erinnerten sich später, dass unmittelbar bevor Walter Tyrolf tot in seinem Zimmer aufgefunden wurde, seine Frau zu Besuch war. Und als sie ging, habe neben dem Bett noch eine Spritze gelegen.

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort
Hier wurden in der NS-Zeit systematisch behinderte Kinder ermordet: das ehemalige Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. Heute ist das Gebäude Sitz des Hygieneinstituts.

Ingeborg Wetzel, die mindestens sechs behinderte Kinder totspritzte und schließlich wohl auch noch ihren eigenen Mann, starb 1989 in einem Pflegeheim in Rahlstedt. Für ihr Handeln in der NS-Zeit, für den Mord an den vielen Kindern, hat sie sich nie entschuldigt.

Unser Literaturtipp zum Thema: „Kindermord im Krankenhaus – Warum Mediziner während des Nationalsozialismus in Rothenburgsort behinderte Kinder töteten“ von Andreas Babel, 19,90 Euro.