Die unglaubliche Geschichte der weiblichen „Beatles“: Das Comeback der „Liverbirds“

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Die „Liverbirds“ 1964 vor dem „Star-Club“: Mary McGlory (v. l.), Pamela Birch, Sylvia Saunders und Valerie Gell

Am Abend des 29. Mai 1964 ist der „Star-Club“ auf St. Pauli zum Bersten gefüllt. Viele Gäste sind gekommen, um sich mit eigenen Augen von dieser Sensation zu überzeugen. Schon seit Wochen ist der Auftritt der „Liverbirds“ angekündigt – der „weiblichen Beatles“. Wie bitte, Mädchen, die Musik machen? Ja, gibt’s so was wirklich? Das fragt sich naserümpfend vor allem das männliche Publikum und ist äußerst skeptisch.

Als die jungen Frauen dann die Bühne betreten und mit ihrem roughen Sound dafür sorgen, dass den Zuhörern die Ohren wegfliegen, sind ganz schnell auch die letzten Zweifler überzeugt.

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Fernsehauftritt 1966 in der Sendung „Hör hin, schau zu!“ Als Stargast sind die „Liverbirds“ geladen: Pamela Birch (v.l.), Valerie Gell, Sylvia Saunders, Mary McGlory.

Bei den „Liverbirds“ handelt es sich um die erste Frauen-Rockband der Musikgeschichte. Zwei von den vier Musikerinnen leben noch und feiern jetzt, wo sich der Start ihrer Karriere zum 60. Mal jährt, so etwas wie ein Comeback: Bassistin und Sängerin Mary Dostal, geb. McGlory (78), die immer noch in Hamburg wohnt, und Schlagzeugerin Sylvia Wiggins, geb. Saunders (77), die inzwischen in Yorkshire zu Hause ist, haben ihre Memoiren geschrieben – das Buch erobert auf den Britischen Inseln und in den USA gerade die Bestsellerlisten. Im Herbst kommt auch ein neues Musikalbum raus. Bereits im September startet im Royal Court Theatre in Liverpool die neue Spielzeit des Musicals „Girls Don’t Play Guitars“. Es erzählt die unglaubliche Geschichte der „Liverbirds“.

Neues Buch, neues Album und ein Musical: „Liverbirds“ sind wieder in aller Munde

„Wir sind total begeistert, dass das Interesse an uns auch nach so langer Zeit ungebrochen ist“, sagt Mary Dostal und erzählt von den vielen Interviewterminen der vergangenen Wochen. Kaum eine britische Zeitung, die nicht über sie berichtet hätte. Etliche Auftritte in TV-Talkshows gab’s außerdem. „Mal wieder im Rampenlicht zu stehen, macht Spaß“, wie Mary Dostal freimütig bekennt.

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Die beiden verbliebenen Musikerinnen: Sylvia Wiggins (geb. Saunders) und Mary Dostal (geb. McGlory) erleben gerade ein Comeback. Sie haben ein Buch über ihr Leben geschrieben und bringen im Herbst ein neues Album raus.

Bevor wir damit beginnen zu erzählen, wie das alles anfing mit den „Liverbirds“, damals, in den 60er Jahren, müssen wir erst noch eine Sache klären: nämlich die richtige Aussprache des Bandnamens. Die Allermeisten glauben nämlich, weil die „Liverbirds“ aus Liverpool kommen, spricht sich „Liverbirds“ auch so aus. Aber das ist falsch. Richtig ist: „Leiwerbörds“.

Wie die Mädchen auf diesen Namen gekommen sind? „Er ist dem Wahrzeichen der Stadt Liverpool entliehen“, erzählt Mary Dostal und meint damit das „Royal Liver (gesprochen: Leiwer) Building“. „Jeder in Liverpool kennt die kupfernen Vögel, die oben auf den Turmspitzen des Gebäudes thronen“, so Mary Dostal. „Nach ihnen haben wir uns benannt. Liverbirds eben.“

Wie „Liverbirds“ richtig ausgesprochen wird

Wir schreiben das Jahr 1962. Mary Dostal ist 16 Jahre alt, heißt damals noch McGlory, stammt aus einer armen, erzkatholischen Familie und will eigentlich Nonne werden. Eines Abends besucht sie mit ihren drei Cousinen „The Cavern“, eine Liverpooler Kellerkneipe, die genauso abgefuckt wie legendär ist. Ein Abend, der ihr Leben verändert, denn auf der Bühne stehen die Beatles. „Wir waren ganz beseelt, als wir tief in der Nacht den Schuppen wieder verließen“, erzählt Mary Dostal. „Auf dem Heimweg sind wir auf die Idee gekommen: ,Mensch, wir gründen selbst eine Band!‘“

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Gibt’s bislang nur in englischer Sprache: die Geschichte der Liverbirds. „Our Life In Britain’s First Female Rock ’n’ Roll Band“ heißt das Buch, das seit März im Handel ist.

Andere würden spätestens am nächsten Morgen erkennen, wie verrückt dieser Gedanke ist. Doch Mary McGlory und ihre Cousinen ziehen es durch: Schnell ist ein geeigneter Name gefunden: „The Squaws“ nennen sie sich zunächst. In einer Musikalienhandlung kaufen sie auf Pump Gitarre, Bass, Schlagzeug und alles, was eine Band sonst noch so braucht. Schließlich macht ein Freund ein paar Fotos, und die erscheinen kurz darauf in der örtlichen Szene-Zeitung „Mersey Beat“.

Das Interesse an der ersten weiblichen Band könnte kaum größer sein. Der Haken ist (doch dieses Geheimnis behalten die Mädchen lieber für sich): Keine von ihnen beherrscht ein Instrument. „Wir konnten nicht spielen“, gibt Mary Dostal heute zu, „überhaupt nicht!“

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Dieses Foto entstand vor mehr als 60 Jahren: die vier Musikerinnen vor dem Wahrzeichen Liverpools, dem Royal Liver Building. Oben auf den Türmen erkennbar: die 5,5 Meter hohen kupfernen Vögel, die der Band den Namen gaben – die „Liverbirds“.

Das hindert sie aber nicht daran, sich fast jeden Abend, bewaffnet mit den Instrumentenkoffern, auf den Weg zum „Cavern Club“ zu machen. Schlange stehen müssen sie nicht mehr. Als vermeintliche „Musikerinnen“ dürfen sie an den Wartenden vorbei einfach reingehen, sogar in die Garderobe.

Einmal werden sie auch den Beatles vorgestellt – mit den Worten: „Das ist die neue Mädchen-Band.“ Mary Dostal weiß noch, wie John Lennon reagierte. „Wir standen da wie aufgeregte kleine Schulmädchen und er sagte desinteressiert: ,Girls don’t play guitars!‘“ Mädchen können gar nicht Gitarre spielen …

Das war möglicherweise der entscheidende Satz – der Funke, der das Feuer des Ehrgeizes in Brand setzte. „Das hat uns angestachelt. Wir wollten ihnen jetzt um jeden Preis das Gegenteil beweisen“, sagt Mary Dostal. „Am darauffolgenden Tag haben wir angefangen, wie die Wahnsinnigen zu üben.“

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Marys Cousinen scheiden aus der Band aus – ihre musikalischen Fähigkeiten erweisen sich als sehr begrenzt. Dafür stoßen drei andere junge Frauen dazu: Sylvia Saunders, Valerie Gell und Pamela Birch. Tagsüber gehen die vier ihren Jobs als Verkäuferin, Buchhalterin, kaufmännische Angestellte und Sekretärin nach, aber abends, da wird geprobt. Nach vier Monaten ist die Band, die inzwischen in „The Liverbirds“ umgetauft ist, so gut, dass sie im „Cavern Club“ bestehen kann.

Die vier Newcomerinnen sorgen für mächtig Aufsehen. Mit den noch jungen Rolling Stones und den schon ziemlich berühmten Kinks touren sie durchs Land. Sogar der legendäre Beatles-Manager Brian Epstein will sie unter Vertrag nehmen. Aber dann spricht sich herum, dass der Talent-Scout Henry Henroid im Auftrag des Hamburger „Star-Clubs“ auf der Suche nach Talenten ist. Die „Liverbirds“ spielen vor und werden vom Fleck weg engagiert.

Am 29. Mai 1964 treten die „Liverbirds“ erstmals im „Star-Club“ auf

Mary Dostal ist noch heute ganz aus dem Häuschen, wenn sie daran denkt: „Wir konnten unser Glück kaum fassen. Wir hatten es geschafft: Wir würden im angesagtesten Musikschuppen der Welt auftreten. Wahnsinn! Man muss sich das klarmachen: Unter Musikern galt das als Ritterschlag. Wer aus Deutschland mit dem ,Star-Club‘-Sticker auf dem Gitarrenkasten nach Hause kam, ja, der war Gott.“

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Die „Liverbirds“ auf der Bühne: Valerie Gell, Pamela Birch und Mary McGlory (v.l.). Schlagzeugerin Sylvia Saunders ist nicht zu sehen.

Mitarbeiter von „Star-Club“-Boss Manfred Weissleder holen die vier vom Bahnhof ab, als sie am 29. Mai 1964 in Hamburg eintreffen. Zunächst geht es zum „Hotel Pacific“ am Neuen Pferdemarkt, wo Weissleder stets seine Musiker unterbringt. „Wir hatten eine halbe Stunde Zeit, um uns frisch zu machen, dann kam das Taxi und schon eine Stunde später standen wir zum ersten Mal auf der Bühne. Der Beifall war frenetisch.“

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Bei den „Liverbirds“ handelt es sich um Rohdiamanten, die in Hamburg ihren letzten Schliff bekommen: Dabei spielt Fotografin Astrid Kirchherr, Geliebte von Ex-Beatle Stuart Sutcliffe, eine besondere Rolle. Sie, die schon McCartney, Lennon & Co. die Pilzkopf-Frisur verpasst hat, kümmert sich im Auftrag von „Star-Club“-Chef Weissleder um den richtigen Style der Mädchen. Kirchherr zieht den „Liverbirds“ die braven Röcke und Blusen aus und verpasst ihnen ein ganz neues Outfit: schwarze Männerhosen und weiße Rüschenhemden. Oder Herren-Oberhemden mit Schlips und Weste. Fertig.

1965 schaffen es die „Liverbirds“ auf Platz 5 der deutschen Single-Charts

Die „Liverbirds“ werden zum Zugpferd des „Star-Clubs“, bringen Manfred Weissleder noch mehr Geld ein, als es die Beatles je taten. Wann immer die Mädchen auftreten, ist das Haus voll. Klar, dass Weissleder sie nach Ablauf des sechswöchigen Vertrages nicht gehen lassen will.

Er wird ihr Manager und sorgt dafür, dass ihre Karriere jetzt so richtig Fahrt aufnimmt: Unter dem Label „Star-Club Records“ veröffentlichen sie ihre erste Platte. Es folgen noch zwei weitere Alben und fünf Singles. Mit ihrer Cover-Version von Bo Diddleys „Diddley Daddy“ schaffen sie es 1965 sogar auf Platz 5 der Deutschen Single-Charts.

Erfolgreich touren die vier „weiblichen Beatles“ durch halb Europa. Schweden, Dänemark, Frankreich, Niederlande, Österreich. Als Chuck Berrys Manager ihnen anbietet, sie auch in den USA groß rauszubringen, sind die vier Frauen Feuer und Flamme.

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Die „Liverbirds“ in den 60er Jahren, als sie erfolgreich durch Europa tourten.

Doch Manfred Weissleder, der „seine Mädchen“ nicht ziehen lassen will, vereitelt die Amerika-Tour durch einen Trick: „Er meinte zu uns, das sei unsere Entscheidung, er mische sich da nicht ein“, so Mary Dostal. „Dann sagte er wie beiläufig, wir sollten uns darauf einstellen, dass wir auch in Las Vegas auftreten würden, und dann natürlich oben ohne. Der Schreck fuhr uns in die Glieder und wir haben sofort gesagt: Nein, das machen wir auf gar keinen Fall! Wir bleiben hier.“

Als Sylvia Saunders 1968 schwanger wird, ist das der Anfang vom Ende der ersten Mädchen-Rockband der Welt. Sylvia verlässt als Erste die „Liverbirds“. Als Nächste scheidet Valerie Gell aus – sie hat sich in einen schwerreichen jungen Mann aus München verliebt, der ihr zu jedem Auftritt hinterherreist. Als der Mann auf dem Weg nach Hamburg einen Autounfall hat und eine Querschnittslähmung erleidet, fühlt sich Valerie Gell verpflichtet, seine Pflege zu übernehmen, und heiratet ihn.

Nach einer Konzertreise nach Japan 1968 lösen sich die „Liverbirds“ auf

Zwei von vier Mädchen sind also nicht mehr dabei, als die „Liverbirds“ 1968 eine Konzertreise nach Japan antreten. Mary McGlory und Pamela Birch fliegen mit zwei Ersatz-Musikerinnen ins Land der aufgehenden Sonne. Die Auftritte sind zwar ein großer Erfolg, aber der Spaß ist verflogen. „Es fühlte sich irgendwie falsch an“, so Mary Dostal. „Uns wurde klar, dass dies der richtige Zeitpunkt war aufzuhören.“ Und so kommt es.

Mary McGlory wird Ehefrau und Mutter. Sie heiratet Frank Dostal, der als Musiker der Rattles nicht nur selbst erfolgreich im „Star-Club“ aufgetreten ist, sondern 1969 gemeinsam mit Achim Reichel auch für kurze Zeit Geschäftsführer des Schuppens war. Dostal gründet mit seiner Frau den JA/NEIN-Musikverlag, ist außerdem sehr erfolgreich als Songtexter. Bevor er 2017 stirbt, schreibt er Hits wie „Yes Sir, I Can Boogie“ oder „Sorry, I’m A Lady“.

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Promotion-Foto: Die „Liverbirds“ schieben einen Oldtimer an.

Schade, dass er den zweiten Frühling seiner Frau nicht miterleben kann: Mary Dostal blüht regelrecht auf. Neues Buch, neue Platte und ein Musical. „Nun fehlt eigentlich nur noch ein Produzent, der die ,Liverbirds‘ ins Kino bringen will“, sagt sie und schmunzelt. Sie meint es als Scherz.

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Dabei ist der Gedanke gar nicht so abwegig. Die Geschichte der ersten weiblichen Rockband ist wahrlich filmreif – komisch, dass sich Hollywood nicht längst die Rechte gesichert hat.

Übrigens: Pamela Birch, einst Frontfrau der „Liverbirds“, starb 2009 im Alter von 65 Jahren. Sängerin und Gitarristin Valerie Gell wurde 71 Jahre alt und verschied 2016. Beide lebten bis zu ihrem Tod in Hamburg.

Am Abend des 29. Mai 1964 ist der „Star-Club“ auf St. Pauli zum Bersten gefüllt. Viele Gäste sind gekommen, um sich mit eigenen Augen von dieser Sensation zu überzeugen. Schon seit Wochen ist der Auftritt der „Liverbirds“ angekündigt – der „weiblichen Beatles“. Wie bitte, Mädchen, die Musik machen? Ja, gibt’s so was wirklich? Das fragt sich naserümpfend vor allem das männliche Publikum und ist äußerst skeptisch.