Die geheimen Rüstungsfabriken in Langenhorn: Drei Männer wagen den Ausbruch
Geplant haben sie es schon lange. An diesem kalten, dunklen Januarabend des Jahres 1944 wagen sie es: Karl-Heinz Barthel (21), Otto Berger (23) und Ernst Gravenhorst (20). Die drei ehemaligen Wehrmachtssoldaten sind wegen Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung verurteilt. Nun müssen sie in einem Rüstungsbetrieb in Langenhorn, den Hanseatischen Kettenwerken (HAK), Zwangsarbeit leisten. Die Arbeitsbedingungen sind hart und menschenunwürdig, und die drei beschließen, diese Tortur keinen Tag länger zu erdulden. Also setzen sie alles auf eine Karte.
Am 4. Januar 1944, gegen 18.30 Uhr, scheint die Gelegenheit günstig. Für rund 100 Gefangene ist an diesem Abend nur ein einziger Aufseher zuständig. Als der sich in einem anderen Teil der Halle aufhält, beginnen Barthel, Berger und Gravenhorst mit Stemmeisen eine provisorische Trennwand aufzubrechen. Es gelingt. Sie klettern über den Zaun – und sind frei.
Sie sind verurteilt wegen Fahnenflucht: Im Januar 1944 wagen drei Männer den Ausbruch
Gravenhorst hat Pech. Die Werkswache greift ihn wenig später wieder auf. Barthel und Berger jedoch schlagen sich bis nach Eppendorf durch, kleiden sich bei einem Bekannten von Barthel neu ein und fahren – vorsichtshalber getrennt – mit Nachtzügen nach Berlin.
Dort tauchen sie unter. Um zu überleben, begehen sie Laden- und Garageneinbrüche, geben sich als „kriegsbeschädigte“ Offiziere aus und mieten sich ein Zimmer. Wochenlang geht alles gut. Doch dann brechen sie ein Fahrzeug der Volkswohlfahrt auf. Als sie mit dem Wagen durch Charlottenburg fahren, werden sie von der Kriminalpolizei angehalten. Festnahme.
Das Sondergericht beim Landgericht Berlin-Moabit macht kurzen Prozess. Barthel und Berger werden zum Tode verurteilt. Am 6. Juli 1944 werden sie in der Hinrichtungsstätte Plötzensee kurz nacheinander enthauptet. Gravenhorst, der Dritte, dessen Flucht vereitelt wurde, kommt ins Straflager Esterwegen, überlebt den Krieg und stirbt 1976 in Hamburg.
Barthel, Berger und Gravenhorst – drei von Zehntausenden KZ-Häftlingen, Strafgefangenen und Ostarbeitern, die in Langenhorn für die Rüstung schuften müssen – für das Hanseatische Kettenwerk (HAK) und die Deutsche Messapparate GmbH (Messap). Die beiden Betriebe bilden zusammen einen der wichtigsten Rüstungsstandorte in Nazi-Deutschland.
1934 beginnt Hitler schon mit den Kriegsvorbereitungen – und lässt die Geheimfabriken in Langenhorn bauen
Schon 1934, ein Jahr nach Hitlers Machtübernahme, suchen Vertreter des Reichswehrministeriums, der Rüstungsindustrie und Hamburger Behörden im Norden der Stadt nach einem geeigneten Gelände. Sie stoßen auf das Areal westlich der Langenhorner Chaussee, das bis dahin von der Staatskrankenanstalt Langenhorn überwiegend landwirtschaftlich genutzt wird.
Nach dem Versailler Vertrag von 1919 ist es dem Deutschen Reich verboten, Waffen und Munition herzustellen. Die Ansiedlung von Rüstungsbetrieben muss daher geheim erfolgen. Die Metallwarenfabrik Pötz & Sand aus Monheim bei Düsseldorf gibt dem Werk, das ab 1935 in Langenhorn errichtet wird, den Tarnnamen Hanseatisches Kettenwerk. Tatsächlich werden dort keine Ketten, schon gar keine für Klospülungen, hergestellt, sondern Granathülsen der Kaliber 15 bis 37 Millimeter sowie Panzerfäuste.
Aus dem Monheimer Stammwerk wird ein Teil des Personals nach Langenhorn geschickt, insbesondere die Werksmeister. Für ihre Unterbringung werden entlang der Langenhorner Chaussee strohgedeckte Häuser errichtet. Die bäuerlich wirkende Siedlung soll ebenfalls von der tatsächlichen Funktion des Werkes ablenken.
Direkt nebenan baut nahezu zeitgleich die Schwarzwälder Uhrenfirma Junghans einen weiteren Betrieb auf. Auch er erhält einen Tarnnamen: Deutsche Messapparate AG (Messap). In Wahrheit werden dort Zeitzünder produziert. Damit sich die Beschäftigten aus dem Schwarzwald heimisch fühlen, entsteht die sogenannte Schwarzwaldsiedlung, die noch heute existiert – mit weit heruntergezogenen Dächern, hölzernen Klappläden und dunkler Holzkonstruktion. Ein Stück Schwarzwald im hohen Norden.
Mit Kriegsbeginn wächst mit der Nachfrage nach Rüstungsgütern auch der Bedarf an Arbeitskräften. Weil gleichzeitig viele männliche Beschäftigte an die Front müssen, werden in großer Zahl ausländische Arbeitskräfte aus Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Kroatien dienstverpflichtet. Sie werden vergleichsweise gut behandelt, dürfen sich frei bewegen und erhalten sogar Urlaub.
Von menschenwürdigen Lebensumständen kann allerdings nicht mehr die Rede sein, als Anfang 1941 die ersten sowjetischen Arbeitskräfte eintreffen: Für die Zwangsarbeiter, die von der SS aus ihrer Heimat verschleppt wurden, errichten das Kettenwerk und die Messap im Herbst 1941 ein gemeinsames Ostarbeiterlager. Es ist umgeben von Stacheldraht, wird bewacht von Werkspolizei und Wehrmacht. Das Lager ist zunächst für 800 Personen ausgelegt und wird später so erweitert, dass dort 1900 Zwangsarbeiter eingepfercht werden können.
Sowjetische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge produzieren Granathülsen und Zeitzünder
Mit der Ausrufung des „Totalen Krieges“ reicht aber auch das nicht mehr. Ab September 1944 schickt das Konzentrationslager Neuengamme KZ-Häftlinge nach Langenhorn. Ein Frauenaußenlager wird eingerichtet. Rund 500 jüdische Frauen aus Deutschland, Polen, Litauen, Ungarn und der Tschechoslowakei, zuvor im KZ Stutthof inhaftiert, müssen in streng abgeschotteten Hallen des Kettenwerks arbeiten – in Zwölf-Stunden-Schichten, bewacht und schikaniert von der SS.
Daneben beschäftigt das Kettenwerk außerdem 206 Strafgefangene aus dem Straf- und Jugendgefängnis Glasmoor sowie aus dem Zuchthaus Fuhlsbüttel. Und damit wären wir wieder bei Karl-Heinz Barthel, Otto Berger und Ernst Gravenhorst, den drei Wehrmachtssoldaten, die wegen Desertion und Wehrkraftzersetzung in die Mühlen der NS-Justiz geraten.
Es braucht in der NS-Zeit nicht viel, um als Gefangener in der Rüstungsproduktion zu landen. Das zeigt insbesondere der Fall Karl-Heinz Barthel: Nachdem er sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hat, desillusionieren ihn seine Erlebnisse an der Front offenbar so sehr, dass er im Mai 1943 in Heiligenhafen mit seinem Füllfederhalter einen Reim an die weiß gestrichene Wand einer Toilette schreibt:
„Wer auf die deutsche Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört. Die Fahne hat den Krieg entfacht, Not, Tod und Grauen uns gebracht.“
Fünf Jahre Zuchthaus werden Barthel für diesen Spruch aufgebrummt. Er kommt ins berüchtigte Polizeigefängnis Fuhlsbüttel und wird der Rüstungsproduktion zugewiesen – aus der er Monate später mit seinen Kameraden flieht. Der Rest ist bekannt.
Bei Kriegsende soll die Produktion auf Kuckucksuhren umgestellt werden
Als sich im April 1945 das „Tausendjährige Reich“ seinem Ende nähert, überschlagen sich die Ereignisse am Rüstungsstandort Langenhorn. Ein Teil der Belegschaft muss Panzergräben ausheben, ein anderer Konstruktionspläne verbrennen. Leitende Mitarbeiter stellen sich gegenseitig Entlastungsschreiben aus. Es macht das Gerücht die Runde, die Produktion solle aus Gründen der Tarnung noch einmal umgestellt werden – auf Kuckucksuhren.
Dazu kommt es nicht mehr. Am 3. Mai 1945 marschieren britische Truppen in Hamburg ein. Sie nutzen die Gelände der beiden Rüstungsfirmen zur Wartung und Instandhaltung ihres Fahrzeugparks. Die Anlagen der Messap werden später von der Philips-Tochter Valvo zur Röhrenproduktion übernommen.
Am Essener Bogen in Langenhorn, dort, wo einst Munition für Hitlers Krieg hergestellt wurde, befindet sich heute ein Gewerbepark. Forschung und Entwicklung, Hightech, Logistik, Software. Glas, Stahl, helle Fassaden.
An die Vergangenheit erinnert nur wenig. Eine Stahlstele gedenkt der Tausenden Zwangsarbeiter, die hier schuften und sterben mussten. Stolpersteine und ein KZ-Gedenkstein finden sich in der Essener Straße. Weil diese Orte den Zusammenhang kaum sichtbar machen, plant der Kulturverein Olmo e. V. einen „Pfad der Erinnerung“, der vom U-Bahnhof Ochsenzoll bis zu den Tarpen führen soll.
Ein Theaterprojekt will zudem die Flucht von Karl-Heinz Barthel und Otto Berger aus dem Kettenwerk auf die Bühne bringen. Dafür werden noch Mitspieler gesucht: Jugendliche, aber auch Erwachsene. Interesse? Bitte hier melden: Kim Kielau, Tel. (0157) 36405876