Beim „Hamburger Kessel“ hat die MOPO versagt
Vom „Hamburger Kessel“ hat wohl jeder einigermaßen politisch interessierte Hamburger schon einmal gehört. Am 8. Juni 1986 waren auf dem Heiligengeistfeld rund 850 überwiegend friedliche Atomkraft-Gegner bis zu 13 Stunden von der Polizei „eingekesselt“ worden. Das Verwaltungsgericht erklärte den Einsatz später für rechtswidrig. Meine damaligen Chefs und ich sahen das zunächst ganz anders, wir lobten das konsequente Einschreiten der Polizei. Wie konnte es dazu kommen?
Für mich war es an diesem Sonntag erst mal ein Demo-Einsatz wie viele andere in den 1980er Jahren. Am 7. Juni hatte es in Schleswig-Holstein Demos mit rund 12.000 Teilnehmern gegen das Atomkraftwerk Brokdorf (Kreis Steinburg) gegeben. Die Polizei griff hart durch. Am Tag darauf wurde eine Spontandemo in Hamburg gegen „Polizeiwillkür“ angekündigt.
Knapp 1000 Demonstranten versammelten sich gegen 12 Uhr auf dem Heiligengeistfeld. Die Polizei wollte nun verhindern, dass diese wütenden Atomkraftgegner in die Innenstadt zogen und dort möglicherweise randalierten. Aus zwei Richtungen gingen Hundertschaften der Polizei auf die Demonstranten zu, um diese einzukreisen. Doch die Aktion misslang.
Gewalttäter ahnten sofort, was die Polizei plant
Die Gewalttäter unter den Demonstranten ahnten sofort, was die Polizei plant. Sie rannten vom Heiligengeistfeld auf die Feldstraße und weiter ins Schanzenviertel. Dort errichteten sie Barrikaden, legten Feuer und bewarfen die Polizei mit Steinen oder Flaschen.
„Eingekesselt“ direkt am Hochbunker wurden dann nur eher friedliche Atomkraftgegner. Die mussten dort teils bis in die Nacht ausharren, bekamen kein Wasser, durften nicht auf die Toilette.
Ich machte meine Fotos und konzentrierte mich natürlich auf die Krawalle, auf die eingeschlossenen Demonstranten achtete ich kaum, machte dort auch nur wenige Fotos.
Wir übernahmen kritiklos die Version des SPD-Innensenators
Am Nachmittag kehrte ich in die Redaktion zurück. Ich traf mich mit Kollegen, die auf einer Pressekonferenz des Innensenators Rolf Lange (SPD) waren. Der hatte die Polizei gelobt, die Beamten hätten eine „Schneise der Gewalt durch diese Stadt“ verhindert. Und überhaupt, die Demonstranten würden in erster Linie aus „Autonomen, RAF-Umfeld und Hafenstraßenszene“ bestehen.
Die MOPO war damals zwar keine SPD-Zeitung mehr, aber viele Redakteure waren noch Genossen. Wir übernahmen recht kritiklos die Darstellung des SPD-Politikers. Die MOPO titelte: „Mitten in Hamburg ging die Schlacht weiter“. Kein Wort von einem „Kessel“.
Mir war klar: Hier ist etwas gewaltig schiefgelaufen
Für mich, als MOPO-Mann vor Ort, war das in Ordnung. Ich hatte ja vorwiegend die Bilder der brennenden Barrikaden und fliegenden Steine an der Feldstraße im Kopf.
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Doch als ich Stunden später nachts zu Hause im Polizeifunk hörte, dass immer noch eingekesselte Demonstranten auf dem Heiligengeistfeld ausharren mussten, war mir schlagartig klar: Hier ist etwas gewaltig schiefgelaufen. Der Einsatzleiter hatte nämlich angeordnet, dass jeder einzelne „Eingekesselte“ auf verschiedenen Wachen im Stadtgebiet erkennungsdienstlich behandelt werden sollte.
Die Erkenntnis über diese schlimme Fehlentscheidung der Polizei kam zu spät. Die Ausgabe der MOPO war ja schon lange gedruckt.