Aufsässige Swing-Jugend: Statt mit „Heil Hitler“ grüßten sie einander „Heil Hottler“

Swing-Jugend
„Die Spatzen“: Diese Hamburger Swing-Band gründete sich in der NS-Zeit. Arnold Studt (Akkordeon), Walter Römer (Bass), Kurt Behrend (Schlagzeug), Heinz Beckmann (Trompete).

Ihr Musikgeschmack, ihre Mode, ihr freches, vorlautes Verhalten – aus Sicht der Nazis eine einzige Provokation. Die jungen Männer waren das Gegenteil von dem, was sich Hitler, Göring, Goebbels & Co. erträumten: Nicht drahtig und soldatisch, sondern dandyhaft und freiheitsliebend. Und die jungen Frauen? Sie schminkten sich, trugen kurze Röcke, rauchten auch noch in der Öffentlichkeit – kurz: Sie taten all das, was eine „deutsche Frau“ nach dem Willen der Machthaber nicht tat.

Das Hitler-Regime war nicht bereit, das hinzunehmen, und so verfolgte die Gestapo die Mitglieder der sogenannten „Swing-Jugend“ gnadenlos. In Hamburg gehörten dieser Jugendbewegung rund 2000 junge Frauen und Männer an – den Ton gaben großbürgerliche Jugendliche aus den Elbvororten und den Villenvierteln an der Alster an. Damit war die Hansestadt noch vor Frankfurt/Main und Berlin die Hochburg der Swing-Boys und -Girls. Viele von ihnen zahlten ihre Unangepasstheit teuer: Sie kamen ins Erziehungs- oder Konzentrationslager, manche kehrten nicht mehr lebend zurück.

Arnold Studt
War Mitglied im Swing-Orchester „Die Spatzen“ und entging bei der Gestapo-Razzia im Curio-Haus um Haaresbreite der Verhaftung: Arnold Studt

Der Jazz – schon seit den goldenen Zwanzigern war er populär in Deutschland. Gerade in der Hafenstadt Hamburg, dem Tor zur Welt, traten in Tanzsälen und Vergnügungspalästen amerikanische und britische Bands vor einem begeisterten Publikum auf. Selbst im Radio wurde die neue Musik gespielt, die für grenzenlose Freiheit und den individuellen Lebensstil des Westens stand: Louis Armstrong, Duke Ellington und Benny Goodman – die berühmtesten Vertreter.

Jazz – für die Nazis die „Musik der Halbwilden“, eine „Verschwörung gegen die deutsche Kultur“

Nationalistische Kreise hatten schon zu Zeiten der Weimarer Republik gegen den Jazz gewettert. In Thüringen, wo die Nazis schon an einer Regierungskoalition beteiligt waren, wurde bereits 1930 ein erstes regionales Swing-Verbot ausgesprochen. Als Hitler schließlich zum Reichskanzler ernannt war, ging der braune Propagandakrieg gegen die „Negermusik“ so richtig los. Jazz sei eine „Musik der Halbwilden“, eine „Verschwörung von Juden und Negern“ gegen die deutsche Kultur, so hieß es. Ab 1935 war es den Radiosendern im Deutschen Reich untersagt, Jazz aufzulegen. Auch viele Café- und Restaurant-Betreiber hängten – entweder unter dem Druck der neuen Machthaber oder aus vorauseilendem Gehorsam – Schilder mit der Aufschrift „Swing tanzen verboten“ an den Eingängen auf.

Jazz
Drei der größten Jazz- und Swing-Stars jener Zeit: Glenn Miller (1904-1944, großes Foto), Louis Armstrong (1901-1971, o.) und Benny Goodman (1909-1986, u.)

Doch die Begeisterung der Jugend für den Jazz ließ sich nicht per Gesetz oder Notverordnung verbieten. Im Gegenteil: Die Verbote machten den Swing eher noch interessanter. Bekannte Treffpunkte der Bewegung in der NS-Zeit waren das „Café Heinze“ an der Reeperbahn, der „Alsterpavillon“ am Jungfernstieg, das „Trocadero“ in den Großen Bleichen und das Stadtparkcafé. Dort traten auch noch in den 30er und 40er Jahren Jazz-Orchester – etwas des Schweizer Bandleaders Teddy Stauffer – auf. Das Publikum tanzte wild zur Musik. Den Oberkörper locker vornüber fallengelassen, mit gespreizten Beinen, ein Arm lässig in die Höhe gestreckt – so sah der eigene, neu entwickelte Tanzstil aus. Zeige- und Mittelfinger formten dabei ein „V“ für Victory.

„Uns Swings waren die Hitler-Jungen mit ihren Uniformen und Fahrtenmessern ein Gräuel“, erzählt der Hamburger Arnold Studt, der 1940 gerade 17 Jahre alt und Teil dieser Jugendbewegung war. „Wir wollten um jeden Preis anders sein.“ „In“ war alles Englische und Amerikanische: Die jungen Männer ließen sich gerne mit Frank, Bobby und Teddy anreden. Bei den Frauen waren als Spitznamen Blackie, Micky und Dolly beliebt.

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Auch in der Mode setzten sich die „Swings“ stark von der übrigen Bevölkerung ab: Während sich die jungen Frauen besonders feminin anzogen, waren bei den Jungs karierte, weite und lange Sakkos, Anzüge und Mäntel verbreitet, dazu karierte Socken und Strickkrawatte mit Windsorknoten. Die Haare trugen sie nicht kurzgeschoren wie bei der HJ, sondern länger und brachten ihre Mähne mit Zuckerwasser oder Haarpomade in Form.

Swing-Boys trugen karierte, weite Sakkos, dazu karierte Socken und Strickkrawatte mit Windsorknoten

Swing-Jugend
Rund 2000 Hamburger Jugendliche gehörten dieser Bewegung in der NS-Zeit an: eine Gruppe von Hamburger Swing-Boys und -Girls.

Unverzichtbares Accessoire der Männer waren übrigens Hut und Regenschirm, wobei Letzterer auch bei gutem Wetter mitgeführt wurde. Trafen „Swings“ einander auf der Straße, im Café oder im Kino, dann grüßten sie nicht mit „Heil Hitler“, sondern mit „Heil Hottler“ – eine Anspielung auf das, was sie alle am liebsten taten: „hotten“, also zum Jazz tanzen.

In einem Land, dessen Führung wollte, dass alle im Gleichschritt marschierten, war solches Verhalten lebensgefährlich. Aber die „Swings“ schienen sich ziemlich sicher zu fühlen, denn einige von ihnen hatten sogar den Mut, sich anlässlich des Geburtstags von Winston Churchill, dem 30. November, zu einem Marsch durch die Hamburger Innenstadt zu treffen: Einen Fuß auf dem Kantstein, einen auf der Straße sangen sie dabei zu Ehren des britischen Premierministers „He’s a jolly good fellow“ und die Hymne der Swing-Bewegung, den „Tiger-Rag“.

Ganz besonderen Mut bewiesen im Sommer 1941 rund 60 junge Hamburger, die sich mit einer Persiflage öffentlich über die Machthaber lustig machten, indem sie am Hauptbahnhof einen roten Teppich entrollten und mit einem donnernden „Swing Heil“ einen als „Reichsstatistenführer“ verkleideten Swing-Boy willkommen hießen, der samt „Gefolgschaft“ aus dem Erste-Klasse-Abteil eines Fernzugs stieg. Als der Schwindel aufflog und die Gestapo anrückte, ergriffen die Jugendlichen die Flucht. Die beiden Hauptakteure allerdings wurden geschnappt, zur Wehrmacht eingezogen und als Kanonenfutter direkt an die Ostfront geschickt.

Von 1940 an intensivierte die Gestapo den Kampf gegen die Swing-Jugend. Eine „Polizeiverordnung zum Schutze der Jugend“ wurde erlassen. Fortan war allen unter 18-Jährigen die Teilnahme an „Tanzlustbarkeiten“ strengstens untersagt. Ab da wurden im Alsterpavillon und den anderen einschlägigen Treffpunkten regelmäßig Razzien durchgeführt.

Die Spatzen/Swing-Jugend
„Die Spatzen“: Diese Hamburger Swing-Band gründete sich in der NS-Zeit. Arnold Studt (Akkordeon), Walter Römer (Bass), Kurt Behrend (Schlagzeug), Heinz Beckmann (Trompete) und Günter Meyer (Gitarre).

„Die Spatzen“: Fünf Jungs, die Grimassen ziehen und der Nazi-Spießigkeit die Zunge rausstrecken

Für die Swing-Jugend kein Grund zur Kapitulation. „Als für uns öffentliche Tanzveranstaltungen zu gefährlich wurden, haben wir einfach angefangen, unsere privaten Swing-Partys zu veranstalten“, erzählt Zeitzeuge Arnold Studt. Er erinnert sich, dass er sich meist in der Musikalienhandlung „Detmering“ an der Wexstraße mit den neuesten Scheiben eindeckte. Auch die junge, blonde Verkäuferin, die die verbotene Ware unter dem Ladentisch hervorholte und zum Preis von 2,50 Reichsmark verkaufte, ist ihm unvergessen. „Von der schwärmten wir alle.“

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1940 kam ein Mitschüler von Arnold Studt auf die Idee, eine eigene Band zu gründen. Heinz Beckmann spielte Trompete und suchte andere swingbegeisterte Musiker. „Da habe ich mich sofort gemeldet“, so Studt, „ich spielte ja schon ganz leidlich Akkordeon.“ Die neue Band trug den Namen „Die Spatzen“. Ein einziges Foto von der Kombo ist erhalten: Darauf sind fünf junge Männer zu sehen, die Faxen machen, Grimassen ziehen und der ganzen Nazi-Spießigkeit die Zunge rauszustrecken scheinen.

Das erste Konzert fand im Februar 1940 im „Kaiserhof“ in Altona statt. „Obwohl wir nicht wirklich gut waren, war der Erfolg so groß, dass wir uns entschlossen, ein zweites Konzert in einem größeren Saal zu geben“, erzählt Studt. „Da dachten wir uns: Warum nicht gleich das Curio-Haus?“

„Als die Gestapo den Saal stürmte, dachte ich: So, jetzt haben sie dich, jetzt kommst du ins KZ“

Günter Discher
Als Angehöriger der verbotenen Hamburger Swing-Jugend landete Günther Discher als 17-Jähriger im Jugend-KZ Moringen. Archiv-Foto aus dem Jahr 1998.

Gesagt, getan. Am Abend des 2. März 1940 war es so weit: Rund 400 junge Zuhörer pfiffen und klatschten, als Arnold Studt im Weißen Saal des Curio-Hauses mit dem Akkordeon sein Solo anstimmte: den St. Louis Blues. Von der Gestapo, die zur selben Zeit ins Haus schlich, merkte zunächst niemand was. Plötzlich wurden die Türen aufgerissen, Trillerpfeifen gellten. Das Licht ging an. Als die Männer mit den schwarzen Ledermänteln eintraten, war die Begeisterung in den Gesichtern des Publikums im Bruchteil einer Sekunde blankem Entsetzen gewichen.

„Ich dachte: So, jetzt haben sie dich. Jetzt kommst du ins KZ“, erinnert sich Arnold Studt. „Wir fünf ,Spatzen‘ haben dann ganz schnell die Vorhänge zugezogen, sind hinten runter von der Bühne und haben es irgendwie geschafft, in einen anderen Saal zu kommen, wo gerade eine Feuerwehrkapelle ein Konzert gab. Uns stand der Schweiß auf der Stirn. Aber wir waren gerettet.“

Dieses Glück hatten jedoch die meisten Konzertgäste nicht. Die Polizei setzte Hunderte bis zum nächsten Morgen fest und nahm die Personalien auf. Es war der erste große Schlag der Gestapo gegen die Hamburger Swing-Bewegung und sehr erfolgreich. Bis dahin waren die Ermittler auf vage Angaben von Informanten angewiesen gewesen. Jetzt aber verfügten sie plötzlich über eine lange Liste mit Namen und Adressen.

Im Sommer 1941 wurde Propagandaminister Joseph Goebbels über die Zustände in Hamburg informiert. In einem geheimen Brief hieß es: Die „Swing-Demonstrationen anglophiler Kreise“ hätten in der Hansestadt „inzwischen staatsfeindliche Formen angenommen“. Es handele sich hier „um degenerierte Jugendliche, die sich zu musikalischen Gangsterbanden zusammengeschlossen haben und die gesund empfindende Bevölkerung durch die Würdelosigkeit ihrer musikalischen Exzesse terrorisieren“.

„Swing-Demonstrationen anglophiler Kreise haben staatsfeindliche Formen angenommen“

Das hatte Folgen. Goebbels verlangte drastische Maßnahmen. Eine eigene Abteilung „Swing-Jugend“ wurde bei der Gestapo eingerichtet, eine Personenkartei angelegt und ein Spitzelsystem aufgebaut. In den folgenden Wochen wurden zahllose Jugendliche verhaftet, im Polizei-Gefängnis Fuhlsbüttel festgehalten und oftmals misshandelt.

Joseph Goebbels
Der Propagandaminister der Nazis, Joseph Goebbels. Er gab der Gestapo den Befehl, gegen die Hamburger Swing-Jugend mit aller Gewalt vorzugehen.

Als sich danach immer noch viele junge Frauen und Männer zu Swing-Partys trafen, teilte Reichsjugendführer Artur Axmann im Januar 1942 Heinrich Himmler, dem Chef der Polizei, mit, dass er „die sofortige Unterbringung dieser Menschen in ein Arbeitslager für angebracht“ halte. Himmler befahl der Gestapo daraufhin, „brutal durchzugreifen“, „das ganze Übel muss radikal ausgerottet werden“, „mit schärfsten Mitteln“.

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Der Hamburger Kaufmannslehrling Günther Discher, damals 17, landete im Jugend-KZ Moringen bei Göttingen, wo er in einer unterirdischen Munitionsfabrik Zwangsarbeit leisten musste – von den Folgen erholte er sich nie ganz. Die 14-jährige Eva Rademacher und die 17-jährige Ursula Nielsen wurden in ein Außenlager des KZ Ravensbrück gesperrt. 70 anderen „Rädelsführern“ der „Swing-Jugend“ erging es ähnlich. Die meisten kamen erst nach dem NS-Zusammenbruch frei.

Beim Afrika-Korps in Tunesien musste Studt die bekämpfen, die er so sehr verehrte: die Engländer

Und Arnold Studt? Nachdem er beim Curio-Haus-Konzert den Häschern mit knapper Not entkommen war, sorgte sein Vater dafür, dass er sofort die Stadt verließ. Studt ging nach Nürnberg und fing an, Musik zu studieren. Im Oktober 1941 war es damit aber wieder vorbei. Studt wurde zur Wehrmacht eingezogen. Es half nichts – die langen Haare, mit denen er Jahre zuvor seinen Rauswurf aus der Hitler-Jugend provoziert hatte, mussten nun ab. Bei Erwin Rommels Afrika-Korps in Tunesien stand Studt bald darauf ausgerechnet denjenigen als Feind gegenüber, deren Mode und Musik er so sehr verehrte: den Engländern.

Swing-Jugend
In der NS-Zeit bekämpften die Nazis den Jazz. Im Radio durfte Swing-Musik nicht gespiet werden. Auch in vielen Gaststätten untersagt die Betreiber das Tanzen zu Swingmusik.

Trotz der rigiden Maßnahmen konnte das NS-Regime die „Swing-Jugend“ in Hamburg niemals vollständig zerschlagen. Bereits 1944 bildeten sich erneut Cliquen, die sich heimlich trafen, Ausflüge veranstalteten, Platten tauschten und ihrer Leidenschaft frönten: dem Jazz, der für sie die Musik der Freiheit war.