Als die Briten Hamburg besetzen: „Plötzlich steht der ,Tommy‘ in meinem Schlafzimmer“

Briten in hamburg
Vor 80 Jahren endet die Nazi- und beginnt die britische Besatzungszeit. Am 3. Mai 1945 rollen britische Panzer über die Elbbrücken. Die Stadt ergibt sich kampflos. Rechts: Britische Soldaten ruhen sich auf einem Panzer aus.

Eißendorf in Harburg, der Morgen des 4. Mai 1945. Der erste Tag nach Kriegsende in Hamburg bricht an. Für den 15-jährigen Friedrich Koch eine neue Erfahrung: keine Artillerieangriffe mehr, keine Bomben in der Nacht. Was anderes als Krieg kennt der Junge eigentlich gar nicht. An diesem ersten Morgen im Frieden schläft Friedel lange – zu lange, wie die Mutter findet. Als sie die Zimmertür aufreißt und im Scherz ruft: „Dich soll wohl der Engländer aus dem Bett holen!“, bemerkt sie nicht, dass hinter ihr mit vorgehaltener Waffe ein britischer Soldat die Stiege hinaufkommt.

Friedel hat Angst, als er ihn bemerkt. Hat das NS-Regime nicht immer behauptet, dass die alliierten Soldaten deutsche Frauen vergewaltigen? Um seine Mutter zu schützen, hat er im Dachboden, in einem Verschlag am Kamin, ein von einem deutschen Soldaten zurückgelassenes Gewehr deponiert. Als Friedels Mutter den erstarrten Blick ihres Sohnes sieht, dreht sie sich fragend um. Beim Anblick des jungen britischen Soldaten erschrickt sie fürchterlich. Der aber lächelt nur, sagt irgendwas, was Friedel nicht versteht, lässt eine Tafel Schokolade da und geht.

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Friedrich Koch (1930-2021) ist 15, als der Krieg endet. Er lebt damals im Göhlbachtal in Eißendorf. Der MOPO erzählt er, wie tags darauf ein britischer Soldat mit vorgehaltener Waffe in seinem Kinderzimmer steht.

Besatzungszeit: In den ersten Tagen kommt es zu Plünderungen, Raubzügen, Vergewaltigungen

Vor genau 80 Jahren beginnt für Hamburg eine neue Zeit. Am 3. Mai 1945 hat die Stadt kapituliert. Kein Schuss fällt, als britische Truppen die Elbbrücken passieren. Die Straßen sind menschenleer, eine Ausgangssperre hält die Bevölkerung in den Häusern. Gegen 18.25 Uhr stehen britische Panzer vor dem Rathaus. Hamburgs Kampfkommandant Generalmajor Alwin Wolz übergibt die Stadt salutierend an Brigadier Douglas Spurling.

Die britischen Soldaten, die als Erste in Hamburg einmarschieren, sind erschöpfte Männer, die Kameraden im Kampf verloren haben. Sie wissen auch, was Soldaten anderer Einheiten bei der Befreiung des KZ Bergen-Belsen mitansehen mussten: Leichenberge, Hungernde, Sterbende. Grauenhaft! Kein Wunder, dass viele britische Soldaten auf Deutsche gar nicht gut zu sprechen sind. Nicht jeder „Tommy“ verteilt Schokolade. Einige lassen ihre Wut an Passanten aus. Es kommt zu Plünderungen und bewaffneten Raubzügen britischer Soldaten.

Auch Vergewaltigungen gibt es. Bei späteren Befragungen berichten deutsche Frauen, dass Briten in verlassenen Häusern, Luftschutzkellern oder bei nächtlichen Kontrollen über sie hergefallen seien. „Im Vergleich zur sowjetischen Zone gab es nur wenige solcher Fälle“, so der Historiker Michael Ahrens, Autor des Buches „Die Briten in Hamburg – Besatzerleben 1945–1958“, „aber dennoch war das schwerwiegend und ein Verstoß gegen das eigene Regelwerk.“ Die britische Militärpolizei versucht, Übergriffe einzudämmen. 24 britische Soldaten werden vor ein Militärgericht gestellt, zwölf verurteilt, einige inhaftiert, andere strafversetzt.

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Harry William Hugh Armytage (1890-1967): Vom 10. Mai 1945 bis 19. August 1946 ist er Stadtkommandant.

Colonel Armytage wird Stadtkommandant und Kaufmann Rudolf Petersen sein „Burgomaster“

Am 10. Mai 1945 wird Colonel Harry William Hugh Armytage Stadtkommandant von Hamburg. Er entlässt den NS-Senat, akzeptiert den Hamburger Kaufmann Rudolf Petersen als provisorisches Stadtoberhaupt, als „Burgomaster“. Regelmäßig findet sich Petersen zu Konferenzen bei Armytage ein, bis Ende 1945 nicht weniger als 64 Mal. „Petersen glänzte durch Selbstbewusstsein“, so Historiker Helmut Stubbe da Luz, der die Konferenzprotokolle studiert hat: „Er war für Armytage nicht einfach ersetzbar, und die unmittelbar zu bewältigenden Probleme hatten mit den großen Zielen der Besatzungspolitik zunächst gar nicht so sehr viel zu tun: Die sogenannte ,Winterschlacht 1945/46‘ musste gewonnen werden, gemeinsam, gegen die gemeinsamen Feinde Hunger, Kälte und Krankheiten.“

Gleich nach dem Einmarsch hat der britische Oberbefehlshaber Feldmarschall Bernard Montgomery seinen Soldaten das „Fraternisieren“ streng untersagt: keine Freundschaft, kein Lächeln, keine Gespräche. In einer Radioansprache erklärt „Monty“ den Deutschen im Juni 1945, warum ihnen die Briten so unterkühlt begegnen: Weil sie es sind, die den Krieg verschuldet haben! Sie sollen jetzt erst einmal Buße tun … Aber unterbinden lassen sich Kontakte nicht. Vor allem die Liebe findet einen Weg. Zwischen 1946 und 1950 zeugen britische Männer offiziell 760 uneheliche Kinder – wahrscheinlich sind es sehr viel mehr. Verboten bleibt der Umgang bis März 1946. Ab 1947 sind Hochzeiten mit Genehmigung möglich – bis Ende Januar 1949 kommen rund 1000 britisch-deutsche Ehen zustande.

Besatzungsmacht lässt in Hamburg ein Stück Großbritannien entstehen

Die Besatzungsmacht unternimmt von Anfang an große Anstrengungen, um in Hamburg ein Stück Großbritannien entstehen zu lassen. Die Briten haben eigene Schulen, eigene Buslinien, eigene Shops, eigene Freizeitangebote: Aus dem „Schauspielhaus“ wird das „Garrison Theatre“, aus der „Musikhalle“ das „Broadcasting House“, aus dem „Passage-Kino“ das „Chevalier Cinema“. In der Rothenbaumchaussee gibt es den „British Officers’ Club“, der Ratsweinkeller verwandelt sich in den „Ship & Dragon Club“, und im ehemaligen Deutschlandhaus am Gänsemarkt hat der feudale „Victory Club“ seinen Sitz, in dem die Gäste zu Jazzplatten tanzen – britische Gäste, wohlgemerkt! Zutritt für Deutsche streng verboten!

Stadtkommandant Armytage hat sein Hauptquartier im Kontorhaus Esplanade nahe der Binnenalster eingerichtet. Das „Hotel Atlantic“, das „Vier Jahreszeiten“, das „Hotel Reichshof“ und alle anderen großen Hotels sind ebenfalls requiriert. Insgesamt beschlagnahmen die Besatzer mehr als 1600 Häuser, um darin ihre Verwaltung und die 30.000 Briten – Soldaten wie Zivilisten – unterzubringen, die sich zeitweise in der Stadt aufhalten. In Harvestehude und Rotherbaum übernehmen die Briten ganze Straßenzüge.

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Vor dem „Atantic“ patrouilliert die „Old Guard“: Das Hotel ist bis zum 10. Juni 1945 Hauptquartier der 53. Walisischen Division.

Einem einfachen britischen Offizier stehen rund 40 Quadratmeter Wohnfläche zu. Generäle verfügen nicht selten über komplette Villen mit mehreren Zimmern, persönlichen Fahrern, Bediensteten und eigenem Koch. Gefällt einem General ein bestimmtes Haus, teilt er den Bewohnern mit, dass er hier einzieht. Die Leute haben dann 14 Tage Zeit, ihre Sachen zu packen. Anfang 1947 belegen die Briten neun Prozent des Wohnraums in der Stadt, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung lediglich 1,8 Prozent ausmacht.

Briten beschlagnahmen Tausende Wohnungen – während die Bevölkerung in Ruinen und Nissenhütten haust

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Hotels, Kinos, Theater und Bars bekommen englische Namen – Straßen manchmal auch. Hier Soldaten der 53. Walisischen Division am 4. Mai 1945 auf der heutigen Adenauerallee nahe dem Hauptbahnhof.

Viele Hamburger, die dicht gedrängt in Ruinen oder Bunkern leben oder in Wellblechbaracken, den sogenannten „Nissenhütten“, empfinden das als Affront. In der Anfangszeit der Besatzung sind die Spannungen daher ziemlich groß. Besonders im Hungerwinter 1946/47 wächst der Zorn, als 85 Menschen in ihren unzulänglichen Behausungen bei Temperaturen von bis zu minus 25 Grad erfrieren und 217 an Lungenentzündung sterben – und das sind nur die offiziellen Zahlen.

Die Versorgungslage ist katastrophal. Nahrung gibt es nur auf Lebensmittelkarten – im Schnitt stehen einem Erwachsenen weniger als 1000 Kalorien pro Tag zu. Kohlen fehlen, Brennmaterial ist wertvoller als Geld. Menschen verbrennen Möbel, fällen Bäume, schlagen Parkbänke zu Kleinholz. Friedrich Koch – inzwischen 16 – klettert im Winter fast jede Nacht auf Züge, um Kohlen zu klauen: „Einmal war ich gerade dabei, Kohlen in meinen Sack zu packen“, erzählt er, „als der Zug plötzlich anfuhr. Erst auf der Veddel hielt er wieder an. Bei Eis und Schnee musste ich den ganzen Weg zurücklaufen, mit dem schweren Sack auf dem Rücken …“

Die Militärregierung versucht, den Schwarzhandel einzudämmen. Gefürchtet sind die britischen Militärpolizisten – von den Hamburgern wegen ihrer roten Mützen „Rotkäppis“ genannt. Die Erfahrung, dass sie hart einschreiten, macht auch Friedel Koch. Einmal, als er gerade dabei ist, einen Eisenbahnwaggon mit Schuhsohlengummi zu knacken, saust die britische MP mit Jeeps heran und macht von der Schusswaffe Gebrauch. „Als ich flüchtete, ballerten sie hinter mir her.“

Tausende Hamburger lebten in der Nachkriegszeit in Wellblechhütten – den sogenannten „Nissenhütten“. Dieses Foto hat uns Marion Stalder aus Fleestedt zur Verfügung gestellt.
Tausende Hamburger lebten in der Nachkriegszeit in Wellblechhütten – den sogenannten „Nissenhütten“. Dieses Foto hat uns Marion Stalder aus Fleestedt zur Verfügung gestellt.

Grindelhochhäuser waren ursprünglich gedacht als Hauptquartier der Briten

Ab Herbst 1946 treiben die Briten ihr sogenanntes „Hamburg Project“ voran: Sie wollen aus Hamburg die Hauptstadt der britischen Zone machen und planen den Bau eines Hauptquartiers in Harvestehude. Ziel ist es, komfortablen Wohnraum für britische Familien sowie deutsche Fachkräfte zu schaffen – als sichtbares Zeichen eines modernen Neuanfangs. Doch 1948 wird das Projekt gestoppt. Ein Strategiewechsel im Zuge des sich abzeichnenden Kalten Krieges und innenpolitischer Widerstand in Großbritannien gegen die hohen Besatzungskosten sind die Gründe. Die Bauten werden an die SAGA übergeben, die sie mit eigenen Mitteln fertigstellt. So entstehen die Grindelhochhäuser – bis heute ein architektonisch markantes Erbe der Besatzungszeit.

Unter britischer Aufsicht setzt schon unmittelbar nach dem Einmarsch ein politischer Reinigungsprozess ein: die Entnazifizierung. Am 11. Mai 1945 wird ein erster Schwung von führenden Amtsinhabern der Staats- und Gemeindeverwaltung vorgeladen, in Einzelfällen verhaftet, meist entlassen, aber zum Teil erst einmal bis zur Ernennung der Nachfolger im Amt belassen – schließlich muss der Verwaltungsapparat funktionieren. Sogleich werden auch Rechtsanwälte und Notare überprüft, Polizisten, dann Lehrer und Hochschullehrer, der gesamte öffentliche Dienst.

Entnazifizierung: Der „Persilschein“ wurde zum Symbol der Nachkriegszeit

Um der Flut an Fällen Herr zu werden, richten die Briten zur Jahreswende 1945/46 Entnazifizierungs-Ausschüsse ein, an denen auch Deutsche beteiligt sind. Jeder Erwachsene, der eine als wichtig erachtete Funktion ausübt, muss einen Fragebogen ausfüllen und erklären, ob er Mitglied der NSDAP war oder einer anderen NS-Organisation. Der sogenannte „Persilschein“ wird zum Symbol dieser Jahre: ein Entlastungsschreiben, ausgestellt von ehemaligen NS-Verfolgten, das bescheinigt, der Betroffene habe sich im Nationalsozialismus korrekt verhalten oder sogar geholfen.

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Um NS-Täter festzusetzen, richten die Briten Internierungslager ein: Ab Mai 1945 nutzen die Briten das Gelände des ehemaligen KZ Neuengamme. Wo zuvor Juden und politische Gegner gequält wurden, sitzen jetzt Funktionäre von NSDAP, Gestapo, SS und Wehrmacht ein. Im März 1946 wird den schlimmsten Kriegsverbrechern im Curiohaus in Rotherbaum der Prozess gemacht: Etliche Todesurteile werden gesprochen – gegen SS-Angehörige, aber auch gegen Bruno Tesch, den Chef der Firma Tesch & Stabenow. Er versorgte Auschwitz mit dem tödlichen Gas Zyklon B.

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1946 finden in Curiohaus Kriegsverbrecherprozesse vor einem britischen Gericht statt. Zwei britische Soldaten stehen vor dem Gebäude und halten Wache.

„Die britische Entnazifizierung war einerseits ein notwendiger Befreiungsschlag gegen das NS-Erbe – andererseits geriet sie rasch an ihre praktischen und politischen Grenzen“, so Historiker Ahrens. „Schon bald dominierte der Wunsch nach Stabilität und Wiederaufbau über die moralische Abrechnung.“

1958 endet die Anwesenheit britischer Truppen mit einer Parade

Ab 1947 beginnt eine Phase der Konsolidierung: Die Militärregierung reduziert ihr Personal, zieht sich zunehmend aus der Fläche zurück. Verwaltungsaufgaben werden nach und nach an deutsche Stellen übertragen – ein Prozess, der den Übergang zur zivilen Selbstverwaltung vorbereitet. Nun werden auch Hotels wie das „Vier Jahreszeiten“ an die deutschen Besitzer zurückgegeben. Ab 1951 gibt es keine S-Bahn-Abteile mehr, die allein Briten vorbehalten sind. 1956 werden die Pkw-Kennzeichen mit „BH“ für „Britische Zone Hamburg“ abgeschafft und durch Schilder mit „HH“ ersetzt. Am 30. September 1958 endet schließlich die Anwesenheit britischer Truppen in der Stadt. Es gibt eine feierliche Parade. Tausende Hamburger schauen zu und verabschieden die Briten, die inzwischen von Siegern zu Freunden geworden sind.

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Dieses Foto ist ein Zufallsfund vom Flohmarkt: Diese Hamburgerin heiratet einen Briten – bald darauf stellt sich Nachwuchs ein. Wer ist hier abgebildet? Melden Sie sich bei olaf.wunder@mopo.de

Noch einmal zurück zu Friedrich Koch, der als junger Mann morgens überraschenden Besuch von einem britischen Soldaten bekam und später beim „Kohlenklau“ zu einem sehr geschickten Dieb wurde. Wir von der MOPO lernten ihn kennen, als wir 2005 für unsere Berichterstattung über „60 Jahre Kriegsende“ nach Zeitzeugen suchten. Friedel, damals 75, meldete sich – das war der Beginn einer langen Freundschaft. Im Laufe vieler Jahre hat er uns von seinen Erinnerungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit erzählt. Mancher Artikel wäre ohne ihn nicht entstanden.

Friedel lebt nicht mehr. Er starb im April 2021. Aber seine Geschichten bleiben. Wir sind dankbar, dass er sie mit uns geteilt hat.