Historisch
90 Jahre Tesa-Film: Die Geschichte dahinter kennen nicht viele Menschen
Vor 90 Jahren kommt das berühmte Klebeband auf den Markt. Die spannende Geschichte eines Produkts aus Hamburg, das heute von keinem Schreibtisch mehr wegzudenken ist
Er ist der unsichtbare Halt von Geschenkverpackungen, lässt zerrissene Seiten wieder wie neu erscheinen, hilft Kindern beim Basteln, klebt Fotos, Notizen, Etiketten, Umschläge – und hat sich tief in den deutschen Alltag eingeschrieben. So wie Tempo für Papiertaschentücher steht, ist Tesa zum Gattungsbegriff für Klebebänder geworden. Ein schneller Griff zum Abroller auf dem Schreibtisch – und schon hält wieder, was eben noch lose war.
Jetzt feiert dieser Klassiker Jubiläum. 1936 kam Tesa unter dem Namen „Tesa-Klebefilm“ in den Handel. 90 Jahre sind seither vergangen.
Die Vorgeschichte von Tesa beginnt 1890, als Oscar Troplowitz (1863-1918), ein jüdischer Apotheker aus Gleiwitz, das Laboratorium des Hamburger Apothekers Paul C. Beiersdorf erwirbt. Troplowitz hat ein Ziel: Er will ein neuartiges Wundpflaster entwickeln. Doch beim Experimentieren entsteht ein Streifen, der so fest auf der Haut haftet, dass er sich kaum lösen lässt – und sie außerdem stark reizt. Für ein Wundpflaster ist das ein Problem.
Troplowitz macht aus der Not eine Tugend. Er erkennt, dass diese hohe Klebekraft für technische Anwendungen interessant ist. 1896 bringt er das erste technische Klebeband aus dem Hause Beiersdorf auf den Markt. Es heißt Cito-Sportheftpflaster und eignet sich besonders zum Flicken von Fahrradreifen.
Hugo Kirchberg macht aus Tesa eine Weltmarke
Unter Troplowitz entstehen weitere Produkte, die Beiersdorf groß machen: das medizinische Fixierpflaster Leukoplast, der Lippenpflegestift Labello und die Hautcreme Nivea. Damit legt Troplowitz das Fundament für den späteren Weltkonzern, in dem auch die Marke Tesa ihren Ursprung hat.
Den Namen Tesa verdankt das Produkt der Mitarbeiterin Elsa Tesmer, die von April 1903 bis Ende Oktober 1908 als Kontoristin und Leiterin der Schreibstube bei Beiersdorf arbeitet. Bei einem Markennamenwettbewerb setzt sie 1906 die ersten beiden Buchstaben ihres Nachnamens mit den letzten beiden Buchstaben ihres Vornamens zusammen: Te-sa.
Zunächst wird die Marke aber für andere Produkte verwendet: erst für eine patentierte Zahncreme in einer Tube mit einem Drehmechanismus, ab 1926 für eine künstliche Wurstpelle. Beide Produkte sind kein Erfolg und verschwinden bald wieder.
Dann bringt Beiersdorf 1935 den transparenten „Beiersdorf-Kautschuk-Klebefilm“ fürs Büro auf den Markt. Dahinter steht Hugo Kirchberg, der sich 1934 als 25-jähriger Industriekaufmann bei Beiersdorf bewirbt – mit der Idee, Klebebänder nicht nur auf Bestellung herzustellen, sondern als Produkte für Endverbraucher und Einzelhandel zu entwickeln. Am 17. Februar 1936 taucht die Bezeichnung „Tesa-Klebefilm“ erstmals in den Firmenunterlagen auf.
Der Durchbruch gelingt, als Kirchberg ein Zubehör entwickelt, mit dem sich der Tesa-Klebefilm abrollen, abtrennen und aufbewahren lässt. Für den Erfolg des Produkts ist das entscheidend. Erst mit dem Tesa-Abroller wird aus einer klebrigen Rolle ein Gebrauchsgegenstand.
Der Aufstieg des Tesafilms fällt in die NS-Zeit. Als das Produkt 1936 auf den Markt kommt, herrschen in Deutschland seit drei Jahren die Nationalsozialisten. Auch Beiersdorf ist von der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten betroffen. Das Unternehmen hat eine jüdisch geprägte Geschichte: Oscar Troplowitz, der die Firma nach 1890 zu einem erfolgreichen Markenunternehmen aufgebaut hatte, war jüdischer Herkunft. Auch andere führende Mitarbeiter stammten aus jüdischen Familien.
Nazis drängen jüdische Mitarbeiter aus dem Unternehmen
Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers gerät das Unternehmen zunehmend unter Druck. Jüdische Mitarbeiter und Führungskräfte werden aus der Firma gedrängt. Gleichzeitig versucht die Firma Beiersdorf, den Betrieb aufrechtzuerhalten, Märkte zu sichern und Produkte weiterzuverkaufen – unter den Bedingungen der NS-Diktatur.
Trotz dieser Einschnitte wächst das Tesa-Geschäft weiter. Am 24. April 1940 wird der Name Tesa offiziell registriert. Ab 1941 fasst Beiersdorf seine selbstklebenden Produkte unter diesem Namen zusammen. Dazu gehört auch das Malerband Tesakrepp. Aus dem „Tesa-Klebefilm“ wird bald die kürzere Bezeichnung Tesafilm.
1939 beginnt der Zweite Weltkrieg – auch für Beiersdorf ist das eine Zäsur, weil internationale Märkte wegbrechen. Von 1942 bis 1945 sind im Unternehmen mehr als 200 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter tätig, die meisten von ihnen aus der Ukraine.
Bei alliierten Bombenangriffen werden Produktionsstätten von Beiersdorf getroffen und zerstört. Nach 1945 muss die Firma deshalb wiederaufgebaut werden. Außerdem sind Markenrechte etwa an der Nivea-Creme verloren gegangen, die nun zurückgekauft werden müssen.
Tesa wird zum Alltagsprodukt
Die Nachkriegszeit ist geprägt von Mangel und Improvisation. Anfang der 1950er-Jahre schließen viele Fenster und Türen schlecht, Baumaterial ist knapp, Geld ebenfalls. 1954 entwickeln Tesa-Ingenieure ein selbstklebendes Abdichtungsprofil aus Kunststoffschaum. Ein Jahr später kommt es unter dem Namen Tesamoll auf den Markt. Der Streifen soll Zugluft bremsen und Wärme halten – ohne Handwerker, ohne großes Werkzeug, ohne hohe Kosten.
In den Jahren des Wirtschaftswunders wird Tesa zum Alltagsprodukt. Tesafilm liegt in Schreibtischen und Bastelkisten, Tesakrepp hilft beim Streichen. Die Nachfrage wächst stark, im Inland wie im Export. Aus der kleinen Kleberolle wird ein Produkt, das in vielen Haushalten selbstverständlich wird.
Anfang der 1970er-Jahre macht Tesa mit einer Reihe von TV-Werbespots auf sich aufmerksam. Ein Mädchen namens Kati erklärt seinem „Vati“, wie Klebebänder von Tesa das Leben in Haus und Garten einfacher machen. Drei Jahre lang läuft die Werbung freitags direkt vor den Nachrichten. Die Spots passen in eine Zeit, in der sich Familienbilder verändern und Heimwerken stärker zum Teil des Alltags wird.
1974 macht Beiersdorf Tesa zu einer eigenen Sparte. 2001 wird daraus die Tesa AG, seit 2009 firmiert das Unternehmen als Tesa SE. Tesa hat seinen Sitz in Norderstedt, gehört weiter vollständig zur Beiersdorf AG und ist heute in mehr als 100 Ländern aktiv.
Tesa liefert heute Klebelösungen für die Industrie
Den größten Teil seines Umsatzes macht Tesa inzwischen nicht mit Produkten für Schreibtisch oder Haushalt, sondern mit Klebelösungen für die Industrie. Der bekannte Tesafilm wird im Werk Offenburg produziert: jährlich rund 200 Millionen Quadratmeter Klebeband, nach Unternehmensangaben eine Fläche von etwa 2800 EM-tauglichen Fußballfeldern.
Insgesamt führt Tesa rund 7000 Produkte für Industriekunden und Endverbraucher. Der Klassiker aber bleibt die kleine Rolle im Abroller. Der Tesafilm ist unscheinbar – und fällt erst auf, wenn er fehlt.
Sie sind bereits M+ Abonnement?