56 Kinder totgespritzt: Kindermörder mit Stethoskop und weißem Kittel

Dr. Wilhelm Bayer
Dr. Wilhelm Bayer: Als Leiter des Kinderkrankenhauses war er für den Mord an mindestens 56 sogenannten „Reichsausschusskindern“ verantwortlich.

Euthanasie ist griechisch und bedeutet so viel wie „guter Tod“, „schöner Tod“. Doch das, was die Nazis als „Euthanasie“ bezeichneten, war alles andere als gut. Es war eiskalter Mord. Begangen von Ärzten, die vergessen hatten, was der Auftrag von Medizinern ist: zu heilen.

Tatort: Marckmannstraße in Rothenburgsort. Das Gebäude, in dem sich heute das Institut für Hygiene und Umwelt befindet, war vor dem Krieg ein Kinderkrankenhaus. Vor wenigen Tagen wurde dort eine Gedenkstätte eingerichtet, die sicherstellen soll, dass niemals die furchtbaren Verbrechen in Vergessenheit geraten, die sich einst in diesem Gebäude ereignet haben.

Ermordete Kinder
Drei der 56 ermordeten Kinder: Gerhard Pribbenow (l.), Findelkind Siegfried (M.) und Antje Hinrichs

56 Kinder sind hier ermordet worden. Mindestens. Von 38 Opfern wissen wir die Namen: Rita Ahrens beispielsweise – sie wurde nur fünf Jahre alt. Siegfried, ein Findelkind ohne Nachnamen, erlebte nicht einmal den zweiten Geburtstag. Und Antje Hinrichs wurde ermordet, als sie vier war. Von dem Mädchen ist bekannt, dass es gerne spielte, viel lachte, ein freundliches und umgängliches Wesen hatte. Weil Antje geistig zurückgeblieben war, nicht laufen und nicht sprechen konnte und sich ihre Eltern, der Polizeibeamte Reinhold Hinrichs und seine Frau Gertrud, nicht mehr in der Lage sahen, sich um sie zu kümmern, wurde sie 1943 zu den sogenannten „Irrenärzten“ der Alsterdorfer Anstalten abgeschoben. Und 1944 ins Kinderkrankenhaus Rothenburgsort verlegt – nur zu dem einen Zweck: sie zu ermorden.

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Errichtet wurde das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort zwischen 1917 und 1928 in mehreren Bauabschnitten: In der Weimarer Republik handelte es sich um eine hoch angesehene medizinische Institution, die von einem gemeinnützigen Verein getragen wurde, der vor allem Gutes tun wollte.

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort: 1917 gegründet, um hohe Kindersterblichkeit zu bekämpfen

Der Standort in einem dicht bebauten Arbeiterwohnquartier, in dem viele wenig betuchte Menschen auf engstem Raum zusammenlebten, war nicht zufällig gewählt. Ziel des Krankenhauses war es, die Kindersterblichkeit, die in sozial schwachen Schichten auffallend hoch war, einzudämmen. Mittellose Eltern konnten ihre Söhne und Töchter dort ohne Bezahlung behandeln lassen.

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort
Hier wurden in der NS-Zeit systematisch behinderte Kinder ermordet: das ehemalige Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. Heute ist das Gebäude Sitz des Hygieneinstituts.

Dies war nur möglich aufgrund des großen ehrenamtlichen Engagements der Mediziner. Besonders hervorzuheben ist dabei der Kinderarzt Dr. Carl Stamm. Viele Jahre arbeitete er ehrenamtlich für die Klinik. Als Dank dafür erhielt er 1928 vom Hamburger Senat die Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes.

Stamm, ein Jude, wurde 1933 von den Nazis als Ärztlicher Leiter entlassen. Kurz bevor er deportiert werden sollte, starben er und seine Frau 1941 unter ungeklärten Umständen. Zum neuen Chef des Kinderkrankenhauses wurde Dr. Wilhelm Bayer berufen.

Bayer, ein NSDAP-Mitglied, war zutiefst überzeugt von der Nazi-Rassenideologie: Im stetigen „Kampf ums Überleben“, so die wahnwitzige Vorstellung, könne sich nur jenes Volk bewähren, das seine Besten fördert und alles eliminiert, ermordet, auslöscht, was das Volk schwächt … Sozialdarwinistischer Schwachsinn und pure Menschenverachtung.

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Diktator Adolf Hitler selbst war es, der den Befehl zur „Kinder-Euthanasie“ gab. Eine Gruppe von Nazi-Ideologen – Tarnname: „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ – koordinierte ab 1939 direkt aus der Reichskanzlei heraus den Massenmord. Alles lief konspirativ ab, denn selbst nach den geltenden Gesetzen des NS-Reiches war „Euthanasie“ verboten.

Der Beginn der „Kinder-Euthanasie“ wird auf den 18. August 1939 datiert: An diesem Tag gab das Reichsinnenministerium einen streng vertraulichen Runderlass heraus, der Hebammen, Geburtshelfer sowie Haus- und Kinderärzte dazu verpflichtete, jedes behinderte Kind an den Reichsausschuss zu melden. Der entschied dann über Leben und Tod.

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort
Auf der Dachterrasse des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort: Schwestern mit ihren kleinen Patienten.

Jedes Kind, das sterben sollte, wurde einer sogenannten „Kinderfachabteilung“ zugeführt – so nannten die Nazis verschleiernd Stationen von Krankenhäusern, in denen Ärzte und Schwestern bereit waren, den Tod der Kinder herbeizuführen. Belohnt wurden die Mörder mit Sonderzulagen.

Andreas Babel, ein Journalist aus Celle, hat die Geschichte des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort erforscht. Von ihm stammt das Buch „Kindermord im Krankenhaus“ (Edition Falkenberg, 19,90 Euro). Babel sagt, dass zwischen 1940 und 1945 mindestens 56 Kinder ermordet wurden, vermutlich aber weit mehr. „Umgebracht wurden die Kinder immer mittags oder abends, weil sich zu diesen Zeiten nur wenig Personal auf den Stationen befand“, so Babel. So wenige Menschen wie möglich sollten Zeugen der Morde werden. Nur ein Teil der Belegschaft war eingeweiht.

Während eine Schwester das todgeweihte Kind an Armen und Beinen festhielt, spritzte ein Arzt oder eine Ärztin eine Überdosis des Barbiturats Luminal – ein Epilepsie-Medikament – ins Gesäß oder in den Oberschenkel. Drei Tage dauerte der Todeskampf. War der Tod eingetreten, wurden die Totenscheine gefälscht. Meist wurde „Lungenentzündung“ als Todesursache angegeben.

„Kinderfachabteilungen“ – so hießen die Klinikstationen, in denen systematisch gemordet wurde

Das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort war nur eine von etlichen „Kinderfachabteilungen“. Es gab sie in allen Teilen des Reiches. In Hamburg gehörte auch die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn (heute Asklepios Klinik Nord/Ochsenzoll) dazu. Zwischen 5000 und 10.000 Jungen und Mädchen, so die Schätzung, sind im Zuge des Kinder-Euthanasie-Programms in Nazi-Deutschland umgebracht worden. Mehr als 70.000 Männer und Frauen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen starben außerdem im Zuge der „Aktion T4“ – benannt nach der Zentraldienststelle Tiergartenstraße 4 in Berlin.

Denkmal
Ende September eingeweiht: Denkmal für die ermordeten Kinder vor dem Gebäude des ehemaligen Kinderkrankenhauses Rothenburgsort.

Nicht alle Ärzte und Schwestern machten mit beim Massenmord an Kranken. Andreas Babel weiß, dass einige Mediziner dem Kinderkrankenhaus Rothenburgsort den Rücken kehrten, um sich nicht schuldig zu machen: Die Ärztinnen Ingeborg Sammet und Isabel Hahn beispielsweise. Die Ärztin Liesel Deidesheimer wurde vorübergehend ins Sudetenland an eine Heilanstalt für Lungenkranke strafversetzt, weil sie die ihr angetragene NSDAP-Mitgliedschaft abgelehnt hatte.

Nach dem Krieg erstatteten drei Mediziner Strafanzeige gegen die Kindesmörder von Rothenburgsort: Einer davon war Dr. Hermann Maier, 1921 in Blankenese geboren. Er war als junger Medizinstudent in Rothenburgsort tätig gewesen und empört darüber, dass Bayer das dortige Krankenhaus auch noch nach Kriegsende leitete. In seiner Strafanzeige vom 26. Juni 1945 schreibt er, dass Ärzte wie Bayer nicht nur dem Ansehen ihrer Klinik, sondern in hohem Maße auch dem gesamten ärztlichen Stand geschadet hätten. Wegen Bayers autoritärer Machtstellung sei „an eine Selbstreinigung der unter seinem Willen stehenden Klinik nicht zu denken“, so Maier, der später als Medizinprofessor an der Uni Kiel lehrte und einer der führenden Kinderfuß-Experten wurde.

Obwohl sie zu Mördern wurden: Keiner der Klinikärzte aus Rothenburgsort wurde bestraft

Nach der Strafanzeige wurde Klinikleiter Bayer von seinem Posten entbunden. Den Vorwurf, er habe Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, wies er zurück mit den Worten: Ein solches Verbrechen könne „nur gegen Menschen begangen werden, und die Lebewesen, die hier zur Behandlung standen, sind nicht als ,Menschen‘ zu bezeichnen.“

Weder Bayer noch die übrigen beteiligten Ärzte wurden bestraft. Das lag vor allem daran, dass die Ermittlungen ausgerechnet in den Händen von Untersuchungsrichter Dr. Walter Tyrolf lagen, der selbst ein hundertprozentiger Nazi war und während der NS-Zeit an zahlreichen Todesurteilen mitgewirkt hatte. Daher verwundert es nicht, dass 1949 eine Anklageerhebung ausblieb mit der Begründung, die beklagten Mediziner hätten nicht erkennen können, dass ihr Handeln Unrecht war.

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Tyrolf war es übrigens auch, der als Richter am Hamburger Landgericht den Regisseur des Nazi-Propagandafilms „Jud Süß“, Veit Harlan, vom Vorwurf freisprach, an der psychologischen Vorbereitung des Holocaust mitgewirkt zu haben …

Ex-Klinikleiter Wilhelm Bayer leitete noch bis 1970 eine Arztpraxis am Schwanenwik

Statt im Zuchthaus zu verschwinden, praktizierten alle Mediziner nach dem Krieg weiter. Ex-Klinikleiter Bayer leitete bis 1970 eine Praxis am Schwanenwik. Seine Stellvertreterin Dr. Helene Sonnemann machte am Krankenhaus Celle Karriere. Die Kinderärztin Dr. Lotte Albers, der 14 Kindstötungen zugeschrieben werden, betrieb ab 1952 eine Kinderarztpraxis am Harburger Schlossmühlendamm.

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort
Aus dem Fotoalbum der Kindermörderin Dr. Lotte Albers (l.): Kaffeetrinken mit den Kolleginnen im Garten des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort.

Auch die übrigen Mediziner machten weiter, als wäre nichts gewesen. Dr. Ursula Petersen arbeitete bis zu ihrem Freitod 1980 auf der Veddel als Kinderärztin. Dr. Gisela Schwabe war am Geesthachter Krankenhaus tätig, starb 2010 im Alter von 92. Die Ärztin Dr. Ingeborg Wetzel, die mindestens sechs Kinder getötet haben soll, praktizierte bis 1963 in einer Praxis in Rahlstedt. Dann heiratete sie ausgerechnet Dr. Walter Tyrolf – den Juristen, der mit dafür gesorgt hatte, dass die Ermittlungen gegen die Kindermörder eingestellt wurden.

Veranstaltungshinweis:

Am Samstag, 9. November, 18.30 Uhr, hält Buchautor Andreas Babel im Kulturschloss Wandsbek, Königsreihe 4, einen Vortrag über die ermordeten Kinder von Rothenburgsort. Eintritt ist frei.