Hamburg

250 Jahre USA: So viel Amerika steckt in Hamburg

Große Menschenmenge vor Ballinstadt, dahinter ein Gebäude und aufsteigender Rauch.
Vor 125 Jahren wird die Auswandererstadt auf der Veddel eingeweiht: Millionen von Menschen wandern von hier in die USA aus.

Von der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten 1776 profitiert Hamburgs Handel gewaltig. Kurz darauf wird der Schotte John Parish erster US-Konsul in Hamburg. 

Philadelphia, 4. Juli 1776, vor 250 Jahren. Die Vertreter von 13 britischen Kolonien an der amerikanischen Ostküste verabschieden die Unabhängigkeitserklärung. Es ist die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten. In Europa herrschen zu dieser Zeit Könige und Kaiser wie Ludwig XVI., Friedrich der Große und Zarin Katharina II. – Monarchen von Gottes Gnaden. Auf der anderen Seite des Atlantiks wagen die Abgesandten der Kolonien ein Experiment: Sie erklären alle Menschen für gleich geschaffen, sprechen ihnen unveräußerliche Rechte zu – Leben, Freiheit und das Streben nach Glück – und gründen auf diesem Fundament eine Republik.

In Hamburg interessieren sich die Menschen zunächst weniger für die Freiheitsformeln aus Philadelphia als für die Folgen, die all das für den Handel hat. Aus den britischen Kolonien ist ein unabhängiger Markt geworden – und damit ein neuer Partner für Geschäfte. Solange Großbritannien als Kolonialmacht das Sagen hatte, lief der Handel mit Nordamerika weitgehend über London, britische Häfen und britische Zwischenhändler. Jetzt können amerikanische Kaufleute selbst Schiffe schicken, Verträge schließen, Abnehmer suchen. Für Hamburg ist das eine riesige Chance.

Flaggen von Maryland und den USA wehen vor blauem Himmel.
250 Jahre USA. Von der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten ab 1776 profitierten die Wirtschaft Hamburgs und der Hamburger Hafen.

1790 eröffnen die USA in Hamburg ihr erstes Konsulat in Deutschland, eins der ersten überhaupt

Schon 1790 setzt George Washington ein Zeichen. Am 17. Juni richtet die junge Republik an der Elbe eine amerikanische Vertretung ein – das erste US-Konsulat in Deutschland und eines der frühesten Konsulate der Vereinigten Staaten überhaupt. Hamburg ist dafür gut gelegen: neutral, international vernetzt, nah an Nord- und Mitteleuropa. Zum Vizekonsul wird kein Amerikaner ernannt, sondern John Parish, ein schottischstämmiger, in Hamburg eingebürgerter Unternehmer mit besten Kontakten im Atlantikgeschäft. Seine Firma sitzt in der Deichstraße. 1793 wird Parish zum Konsul befördert.

Historisches Büro in Hamburg mit mehreren Männern an Schreibtischen, Akten und Geräten.
1790 eröffnen die USA in der Deichstraße eines ihrer ersten Konsulate überhaupt – es befindet sich in den Kontorräumen des schottischen Kaufmanns John Parish in der Deichstraße.

Der Handel über den Atlantik wächst. Aus Nordamerika kommen Tabak, Holz, Getreide, später Baumwolle, Kupfer und Petroleum. In die andere Richtung gehen Textilien, Werkzeuge, Maschinen und Waren aus dem deutschen Hinterland. Der Amerikahandel füllt die Speicher, beschäftigt Hafenarbeiter und bringt Kaufleuten, Banken, Versicherern, Spediteuren und Reedern neue Geschäfte. Er zwingt Hamburg zugleich, den Hafen zu modernisieren: feste Kaikanten, größere Speicher, Kräne, Schuppen, Gleise, Schlepper, Werften. Am Ende stehen moderne Kaianlagen, die Speicherstadt und ein Hafen, der auf den Verkehr mit der Welt ausgerichtet ist.

Historische Brückenbaustelle mit Gerüsten, Holzpfeilern und breitem Fluss im Hintergrund.
Der boomende Handel mit Amerika wird zum Katalysator für den Hamburger Hafen: Im 19. Jahrhundert entstehen moderne Kaianlagen.

Doch dieser Handel hat eine dunkle Seite. Die Unabhängigkeitserklärung spricht von Freiheit, während in den Vereinigten Staaten weiterhin Millionen Menschen versklavt sind. Auf den Plantagen im Süden bauen sie Tabak an und pflücken Baumwolle, die später in Ballen gepresst, verschifft und in Europa verkauft wird. Auch nach Hamburg gelangen Waren, deren Wert auf Ausbeutung und Gewalt beruht. Die Stadt besitzt keine Plantagen in Amerika. Aber ihre Kaufleute handeln mit Produkten, die ohne die Arbeit versklavter Menschen kaum in diesen Mengen auf den Markt gekommen wären.

1848 schiffen viele Hamburger ein, gelockt vom Ruf des Goldes in Kalifornien 

Dann kommt der kalifornische Goldrausch. Am 24. Januar 1848 wird bei Sutter’s Mill, einer Sägemühle am American River im Vorland der Sierra Nevada, Gold gefunden. Die Nachricht verbreitet sich rasch, auch in Hamburg weckt sie Hoffnungen. Dutzende Hamburger brechen auf, weil sie glauben, in Amerika schnell reich werden zu können. Andere verdienen am Goldrausch, ohne selbst nach Gold zu graben: Hamburger Firmen richten Niederlassungen in San Francisco ein, liefern Waren, Ausrüstung, Lebensmittel, Werkzeuge, Stoffe. Die Hafenstadt an der Bucht, kurz zuvor noch ein Ort mit nur wenigen Hundert Einwohnern, wächst innerhalb weniger Jahre dramatisch.

Der Goldrausch ist nach wenigen Jahren vorbei. Doch die Zahl der Europäer, die auswandern wollen, nimmt im 19. Jahrhundert weiter zu. Für viele steht Amerika für das, was ihnen zu Hause fehlt: eigenes Land, Arbeit, religiöse Freiheit, politische Rechte, Schutz vor Verfolgung, die Chance auf ein besseres Leben. Wer wegwill, kommt oft nach Hamburg. In den Hamburger Passagierlisten sind zwischen 1850 und 1934 knapp sechs Millionen Auswanderer erfasst.

1847 gründen Hamburger Kaufleute die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft, kurz Hapag. Ihre Schiffe transportieren Fracht in die USA und Auswanderer über den Atlantik. Später organisiert Albert Ballin die Auswanderung im großen Stil. Am 20. Dezember 1901 werden auf der Veddel die neuen Auswandererhallen eröffnet – 125 Jahre ist das inzwischen her. Sie bieten Unterkunft, Untersuchung, Registrierung und Verpflegung. Hamburg–New York wird zu einer der großen Achsen der europäischen Auswanderung.

Auch der Opa von Donald Trump wandert über Hamburg in die USA aus

Zu den Auswanderern, deren Weg über Hamburg führt, gehört auch Friedrich Trump aus Kallstadt in der Pfalz. 1885 verlässt er als 16-Jähriger seine Heimat und geht nach Amerika. Er arbeitet zunächst in New York, zieht später weiter nach Westen und betreibt in Nordamerika Restaurants und Bordelle. 1901 kehrt er als wohlhabender Mann nach Kallstadt zurück, heiratet, versucht wieder in Deutschland Fuß zu fassen – doch die bayerischen Behörden werfen ihm vor, einst ohne Erlaubnis ausgewandert zu sein und sich dem Militärdienst entzogen zu haben. Deshalb muss Trump Deutschland wieder verlassen. Am 1. Juli 1905 legt er mit seiner Familie an Bord des Hapag-Dampfers „Pennsylvania“ im Hamburger Hafen nach New York ab. Mehr als hundert Jahre später kommt sein Enkel Donald Trump als Präsident zum G20-Gipfel an die Elbe.

Schwarzweißporträt eines elegant gekleideten Paars vor neutralem Hintergrund, historischer Stil um 1900.
Die Großeltern von Präsident Donald Trump: Auswanderer Friedrich Trump und seine Frau Elisabeth gehen in Hamburg an Bord des Schiffes, das sie in die USA bringt.

Die Verbindung zwischen Hamburg und Amerika ist eng, aber sie reißt in den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts ab. Als die USA 1917 in den Ersten Weltkrieg eintreten, wird das amerikanische Konsulat geschlossen. Nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg 1941 wiederholt sich das. Hamburg wird zum Ziel alliierter Luftangriffe: Die britische Royal Air Force bombardiert nachts vor allem Wohngebiete, US-amerikanische Bomberverbände greifen bei Tageslicht Industrie- und Hafenanlagen an. Hafen, Werften, Speicher und Fabriken werden schwer getroffen. Auf Handel, Auswanderung und Konsulate folgen Bombennächte, Trümmer und Zusammenbruch.

1951 zieht das US-Generalkonsulat in das berühmte Weiße Haus an der Alster

Nach 1945 steht Hamburg zunächst unter britischer Besatzung. Doch der Wiederaufbau des Westens trägt bald stark amerikanische Züge. Auch Hamburg profitiert von Mitteln aus dem European Recovery Program, wie der Marshallplan offiziell heißt. Zugleich steht Amerika für viele Hamburger nun nicht mehr nur für Auswanderung und Handel, sondern für Schutz, wirtschaftlichen Neubeginn und die feste Bindung an den Westen.

Amerikanisches Konsulat in Hamburg an der Alster vor weißer Villa und Garten
Von 1951 bis 2022 US-Konsulat in Hamburg: das berühmte Weiße Haus an der Alster.

1951 zieht das US-Generalkonsulat an das Alsterufer. Das Ensemble besteht aus zwei früheren Kaufmannsvillen des 19. Jahrhunderts, die später von der NSDAP als Gauhaus genutzt und nach dem Krieg für die Amerikaner umgebaut werden. Wegen seiner hellen Fassaden und der Anspielung auf Washington heißt es in Hamburg bald das „Kleine Weiße Haus an der Alster“. Es wird zur bekanntesten amerikanischen Adresse der Stadt.

Männer lesen am Schaufenster in Hamburg die Meldung „Kennedy ist Präsident“ im Hamburger Echo.
November 1960: In Hamburg verfolgen die Menschen gespannt die Wahl von Kennedy zum US-Präsidenten. Nach seiner Ermordung 1963 schließen sich Tausende Hamburger einem Fackelzug vom Rathaus bis zum US-Konsulat an.

Als John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas erschossen wird, wird auch Hamburg vom Schock erfasst. Erst wenige Monate zuvor hat Kennedy in Berlin seinen berühmten Satz „Ich bin ein Berliner“ gesagt. Für viele Westdeutsche steht er für Schutz durch Amerika, Jugend und Aufbruch. In Hamburg kommen am 25. November 1963 rund 80.000 Menschen zusammen und marschieren mit Fackeln zum US-Konsulat an der Alster.

Die Täter von 9/11 sind Terroristen aus Hamburg

Ähnlich einschneidend ist erst wieder der 11. September 2001, als das World Trade Center von Terroristen zerstört wird – von Männern, die zuvor in Hamburg studiert haben. Mohammed Atta, einer der Todespiloten, hat an der TU Hamburg-Harburg studiert. Die Wohnung in der Marienstraße 54, in der er zeitweise mit Ramzi Binalshibh und Said Bahaji wohnt, wird zum Treffpunkt der Hamburger Terrorzelle.

2017 kommt erstmals ein amtierender US-Präsident offiziell nach Hamburg. Donald Trump reist zum G20-Gipfel an. Die Stadt befindet sich für Tage im Ausnahmezustand. Zehntausende demonstrieren gegen das Treffen – und der Protest gilt insbesondere dem amerikanischen Präsidenten. In der Schanze eskaliert die Gewalt. Auch das gehört nun zur Amerika-Geschichte Hamburgs: nicht nur Handel, Auswanderung und Schutzversprechen, sondern auch offener politischer Streit.

Merkel begrüßt Trump im Hotel Atlantic vor blauem Hamburg-Hintergrund.
Beim G20-Gipfel ist 2017 erstmals ein US-Präsident in Hamburg zu Gast: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Donald Trump im Hotel „Atlantic“.

Am 4. Juli feiern die USA ihr 250-jähriges Bestehen. Fast ebenso lange währt die wechselvolle Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Hamburg. Sie ist geprägt vom Handel, von Kriegen und politischen Konflikten – und von den Millionen Menschen, die von der Hansestadt aus ihre Reise in die Neue Welt angetreten haben, weil sie dort auf ein neues, besseres Leben hofften. Ende 2024 lebten 4179 US-Staatsbürgerinnen und US-Staatsbürger in Hamburg. Die Verbindung über den Atlantik ist also nicht nur Geschichte. Sie gehört bis heute zum Alltag der Stadt.

 

Philadelphia, 4. Juli 1776, vor 250 Jahren. Die Vertreter von 13 britischen Kolonien an der amerikanischen Ostküste verabschieden die Unabhängigkeitserklärung. Es ist die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten. In Europa herrschen zu dieser Zeit Könige und Kaiser wie Ludwig XVI., Friedrich der Große und Zarin Katharina II. – Monarchen von Gottes Gnaden. Auf der anderen Seite des Atlantiks wagen die Abgesandten der Kolonien ein Experiment: Sie erklären alle Menschen für gleich geschaffen, sprechen ihnen unveräußerliche Rechte zu – Leben, Freiheit und das Streben nach Glück – und gründen auf diesem Fundament eine Republik.

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