19 Tote, darunter elf Kinder: Die Feier auf der Elbe, die in einer Katastrophe endete
Die Katastrophe dauerte nur wenige Sekunden. Aber wer dabei war, wer einen Angehörigen verloren hat, die Ehefrau, den Mann oder gar die Kinder, der wird bis zu seinem Lebensende daran denken, darunter leiden und nie wirklich abschließen können. 40 Jahre sind vergangen seit einem der schlimmsten Unglücke, die sich je im Hamburger Hafen ereignet haben. 19 Tote gab es zu beklagen, darunter elf Kinder. Ganz Hamburg war geschockt, trauerte mit. Die Anteilnahme für die Opfer war riesig.
Dienstag, 2. Oktober 1984: Es ist ein sonniger Herbsttag in Hamburg. Der Meteorologe Wolfgeorg Rosenhagen aus Groß Flottbek will seinen 40. Geburtstag mit all seinen Freunden und Verwandten feiern. Er und seine Frau Gudrun – auch sie ist Meteorologin von Beruf – haben erst an eine Tour über die Alster gedacht, aber der Preis erschien ihnen zu hoch. Also haben sie für 350 Mark eine Hafenbarkasse gechartert. Um 17 Uhr legt die „Martina“ ab und schippert erst mal Richtung Speicherstadt.
„Was ist denn das? Ja gar kein Licht an“, ruft der Barkassenführer, dann kracht es
An Bord ist die Stimmung ausgelassen. Es gibt Flensburger Pils für die Erwachsenen und Waldmeister-Limonade für die Kinder, außerdem ein Büffet mit selbstgemachten Salaten. Wolfgeorg Rosenhagen nimmt viele Glückwünsche entgegen. Er freut sich, dass so viele Menschen gekommen sind, um ihn zu feiern.
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Nach einer Stunde legt Barkassenführer Ulrich Wruck wieder an den Landungsbrücken an, einige Gäste gehen von Bord, andere steigen hinzu und die Fahrt geht weiter. Der 66-jährige Schiffsführer steuert die Barkasse unter der Köhlbrandbrücke hindurch und wieder zurück.
Es ist mittlerweile 19 Uhr. Es ist inzwischen dunkel, elf Grad kalt, die Sicht ist gut. Gäste sind an Bord, als die Katastrophe ihren Lauf nimmt. Wruck, der sich gerade mit dem Geburtstagskind unterhält, wird plötzlich hektisch: „Was ist denn das? Ja gar kein Licht an“, ruft er und meint damit den Schlepper „Therese“, den er erst viel zu spät bemerkt – wieso, das wird nie abschließend geklärt.
An einem 25 Meter langen und 4,5 Zentimeter dicken Nylonseil zieht der Schlepper eine mit Schrott beladene Schute hinter sich her. Der Kapitän Günther Peinemann wird später aussagen: „Die Barkasse kam aus dem Köhlbrand im Winkel von 45 Grad auf uns zu. Ich dachte bis zuletzt, die dreht gleich ab und lässt uns vorbei.“ Doch die „Martina“ dreht nicht ab. Sie hält mit etwa sechs Knoten Geschwindigkeit weiter darauf zu.
Auf Höhe des Altonaer Fischereihafens kracht es. Die Barkasse kommt zwischen die beiden Schiffe, unterläuft das Schleppseil und wird von der Schute schließlich unter Wasser gedrückt – sie läuft voll Wasser wie eine Badewanne. Das Heck des Schiffes richtet sich plötzlich auf, dann geht die „Martina“ in Sekundenschnelle unter – „wie die Titanic im Kleinen“, so ein Überlebender später.
„Ich sah Wasser von hinten durch die Türöffnung kommen, neben mir sprang ein Fenster auf und ich dachte nur: raus“
Wolfgeorg Rosenhagens Frau Gudrun befindet sich zum Zeitpunkt des Unglücks im Inneren der Barkasse. „Ich sah Wasser von hinten durch die Türöffnung kommen, neben mir sprang ein Fenster auf und ich dachte nur: raus“, erzählt sie später MOPO-Reportern. Tatsächlich schafft sie es durch das kaputte Fenster ins Freie, springt ins 14 Grad kalte Elbwasser und ist die Einzige, die nicht mit in die Tiefe gerissen wird.
Alle anderen 42 gehen mit der „Martina“ unter, die in rasender Geschwindigkeit auf den zwölf Meter tiefen Elbgrund sinkt. Wie er es geschafft hat, sich im trüben Wasser nach oben zu kämpfen? Wolfgeorg Rosenhagen weiß es nicht. Nach und nach tauchen weitere nach Luft japsende Menschen an der Wasseroberfläche auf, schreien und weinen. Der Schlepper „Therese“ setzt einen Notruf ab, rettet 22 Menschen aus dem Wasser, auch der Schlepper „Johanna“ nimmt zwei Menschen auf. Zur selben Zeit eilen mehr als 40 Schiffe von Polizei, Feuerwehr und Zoll an den Unglücksort, suchen mit Scheinwerfern das Wasser und das Ufer ab.
Auch Rüdiger Gaertner (heute 64) hat diesen Abend nie mehr vergessen können. Der heutige MOPO-Polizeireporter ist damals junger Feuerwehrmann. Er befindet sich gerade bei einem kleineren Brandeinsatz am Lerchenfeld in Hohenfelde, als er die hektischen Funksprüche aus dem Löschfahrzeug wahrnimmt. „Alle redeten durcheinander, ,sofort Verstärkung anrücken!‘, schrie einer in den Hörer des Funkgeräts. Kurz darauf erhielten meine Kameraden und ich über Funk den Einsatzbefehl: ,Barkasse mit mehreren Personen gesunken – alle vermisst.‘“
„Ich ahnte nicht, dass mir einer der schlimmsten Einsätze meines Lebens bevorstand“
Rüdiger Gaertner erzählt, dass er auf der Fahrt zum Hafen versucht habe, sich auszumalen, was geschehen sein könnte. „Ich hoffte, es werde nicht so schlimm sein, und machte mir Gedanken, ob wir genügend Decken an Bord haben, um die durchnässten Opfer wärmen zu können. Ich ahnte noch nicht, dass mir einer der schlimmsten Einsätze meines Lebens bevorstand.“
Vor Ort wird Rüdiger Gaertner dann aber sofort klar, wie dramatisch die Lage ist: Unter den zahlreichen Personen, die immer noch vermisst werden, befinden sich auch die beiden Söhne der Rosenhagens, der fünfjährige Matthias und der siebenjährige Guntram. Rüdiger Gaertner: „Ich sah die Eltern unaufhörlich auf und ab gehen. In Decken gehüllt bewegten sie sich zwischen Rettungswagen und Kaimauer hin und her, blickten mit weit aufgerissenen Augen auf die Elbe und stammelten: ,Die Kinder.‘ Ich versuchte, den beiden Trost und Hoffnung zu geben, aber sie sahen mich nur mit leeren Augen an.“
Nach vier Stunden bricht Joachim Peters, der Chef der Wasserschutzpolizei, die nächtliche Suchaktion ab. Am nächsten Morgen wird die gesunkene „Martina“ geborgen. Die Einsatzkräfte finden an Bord der Barkasse etliche Tote, darunter ein Baby, das noch in seinem Kinderwagen liegt. Auch Schiffsführer Wruck ist unter den Todesopfern. Die Leiche von Matthias Rosenhagen, des jüngeren Sohnes, wird 17 Tage später am Ufer des Köhlbrands geborgen, die sterblichen Überreste seines älteren Bruders werden nie gefunden. Nur 24 der 43 Geburtstagsgäste haben überlebt. 19 Menschen sind tot, darunter elf Kinder.
„Ein Versehen, wie es 100 Mal gut geht und einmal zu so einer Katastrophe führt“
Wer die Schuld trägt, das wird nie wirklich geklärt. Eine Untersuchung vor dem Seeamt kommt immerhin zu dem Ergebnis, dass die Beleuchtung des Schleppzugs korrekt gewesen sei. Der Kapitän der „Therese“, Günther Peinemann, habe sich vorbildlich verhalten. Ein Gutachten legt die Vermutung nahe, dass der 66-jährige Wruck den Schleppverband aufgrund einer Sehschwäche nicht rechtzeitig erkannt habe. Wegen einer Netzhautnarbe habe er in der Dunkelheit wohl nur mit einem Auge richtig sehen können und sei mit voller Kraft in den Schleppzug gefahren. Es wird vermutet, er habe die Petroleumlampen auf der Schute für ein Licht am gegenüberliegenden Ufer gehalten. „Ein Versehen, wie es 100 Mal gut geht und einmal zu so einer Katastrophe führt“, so der Vorsitzende Gerd Moritz.
An der Trauerfeier für die Opfer des Barkassenunglücks am 11. Oktober 1984 im Michel nehmen 1000 Gäste teil, darunter rund 100 Angehörige der Toten und Vermissten. „Trauer liegt über unserer Stadt, wir teilen Ihren Schmerz“, so Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) in seiner Rede. Die Eheleute Rosenhagen sitzen in der ersten Reihe. Die Fahnen in der ganzen Stadt wehen auf halbmast.
Wolfgeorg Rosenhagen erzählt von der überwältigenden Hilfsbereitschaft der Hamburger Bevölkerung. Auf einem Sonderkonto des Diakonischen Werks gehen bis Ende 1984 beinahe 400.000 Mark an Spenden ein. Der HSV beteiligt sich daran mit 100.000 Mark. Außerdem organisiert der Klub ein Benefizspiel der deutschen und ungarischen Nationalmannschaft im Volksparkstadion, was im Januar 1985 einen Erlös von einer halben Million Mark einbringt. Geld, das die Hinterbliebenen gut gebrauchen können, denn manche Familie hat den Ernährer verloren, viele Kinder sind zu Halbwaisen geworden.
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Der Unfall hat ans Tageslicht gebracht, dass die Sicherheit auf den Barkassen zu wünschen übrig lässt. Wolfgeorg Rosenhagen setzt sich vehement dafür ein, dass sich daran etwas ändert. Er, der die Unglücksbarkasse gechartert hat, fühlt sich verantwortlich – obwohl er natürlich völlig unschuldig ist.
Seit 2013 verfügen Hafenbarkassen über wasserdichte Hohlräume oder fest angebrachte Auftriebskörper
Im Jahr 2007 treten endlich neue Sicherheitsregeln in Kraft. Sieben Jahre haben die Barkasseneigner Zeit, sie umzusetzen. Ende Dezember 2013 sind dann alle Umbauten beendet. Die Barkassen – derzeit gibt es 67 im Hafen – verfügen nun über wasserdichte Hohlräume, fest angebrachte Auftriebskörper oder zusätzliche Schotten, damit sie bei Wassereinbruch nicht derartig schnell sinken wie die „Martina“.
Das Ehepaar Rosenhagen hat fast übermenschliche Kraft bewiesen. Trotz des Verlustes der Kinder geht Gudrun Rosenhagen schon zwei Wochen nach dem Unglück wieder ins Büro, ihr Mann nach drei. „Die Rückkehr in die Normalität half dabei, das Geschehene zu verdrängen“, sagt sie. Das Paar zieht aus Groß Flottbek weg, fängt im Norden Hamburgs neu an und bekommt abermals zwei Kinder. Wieder Jungen. Seit dem Unglück haben die Rosenhagens nie wieder eine Hafenbarkasse betreten.