125 Jahre Willy Fritsch: Der Charme des Wahlhamburgers ließ Frauenherzen schmelzen

Willy Fritsch
Willy Fritsch war ein Autonarr: Hier ist der berühmte Filmschauspieler 1925 in einem Automobil zu sehen.

Im Film ist er der Liebhaber vom Dienst – charmant, elegant, einer, der Herzen schmelzen lässt. In den 1930er-Jahren gehört er zu den bestbezahlten Schauspielern des Landes. Sein größter Erfolg: „Die drei von der Tankstelle“. Von Willy Fritsch ist hier die Rede, dessen Wahlheimat nach dem Krieg Hamburg ist. Dort setzt er seine Karriere fort und dort ist er auch begraben.

Vor 125 Jahren, am 27. Januar 1901, kommt Fritsch im oberschlesischen Kattowitz zur Welt. Kurz nach seiner Geburt zieht die Familie um – und so wächst der Junge in Berlin-Charlottenburg auf. Nichts deutet anfangs darauf hin, dass er mal Karriere machen würde. Er ist ein schlechter Schüler, vor allem Mathe und Französisch werden ihm zum Verhängnis. Nicht mal Gedichte kann er gescheit aufsagen – jedesmal bekommt er Panik. Lampenfieber – ein Problem, das ihn sein Leben lang begleiten wird.

Wegen miserabler Leistungen ist nach der achten Klasse Schluss mit der Schule. Willy Fritsch beginnt eine Mechanikerlehre bei Siemens & Halske in Berlin-Siemensstadt, schwänzt jedoch häufig, um Theaterproben zu besuchen – und wird gefeuert. Danach schlägt er sich als Bote und Hilfsschreiber am Landgericht durch. Doch die Bühne lockt.

Die Karriere von Willy Fritsch beginnt am Deutschen Theater

Er bekommt kleine Rollen am Deutschen Theater in Berlin unter Max Reinhardt und tourt unter anderem mit Heinrich George durch Skandinavien. Der Wechsel zum Film kommt über einen Kollegen: Paul Hartmann, damals schon ein bekannter Bühnen- und Filmschauspieler, verschafft ihm den Kontakt – aber geschenkt wird ihm nichts. Fritsch muss trotz Fürsprache zu einem Casting. Er überzeugt. Der erste Film wird ein Riesenerfolg. Daraufhin nimmt Ufa-Produktionschef Erich Pommer ihn unter Vertrag.

Willy Fritsch
Willy Fritschs berühmtester Film: „Die drei von der Tankstelle“. Fritsch (l.), Oskar Karlweis (M.) und Heinz Rühmann spielen drei Freunde, die sich in dieselbe Frau (gespielt von Lilian Harvey) verlieben. Legendärer Filmsong: „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.“

Mit dem Aufkommen des Tonfilms wird Fritsch noch populärer. Stimme, Gesangstalent und tänzerisches Können machen ihn zum perfekten Star der frühen Tonfilmoperette. 1930 kommt sein berühmtester Film raus: „Die drei von der Tankstelle“. Willy Fritsch, Heinz Rühmann und Oskar Karlweis spielen drei Freunde, die sich in dieselbe Frau verlieben, verkörpert von Lilian Harvey. Die Lieder des Films – allen voran „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt …“ – werden Evergreens.

„Die Drei von der Tankstelle“ ist Willy Fritschs berühmtester Film

Kurz darauf folgt „Der Kongress tanzt“ (1931), erneut mit Lilian Harvey. „Noch nie hat Berlin so gelacht, noch nie so geschmachtet“, schreibt die „Berliner Illustrirte Zeitung“.

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Der Starkult erreicht in Schweden seinen Höhepunkt. Bei der Premiere von „Des jungen Dessauers große Liebe“ belagern Menschenmengen die Bahnsteige von Malmö, in Stockholm drängen Tausende vor den Bahnhof, die Polizei errichtet Absperrungen. Als Willy Fritsch aus dem Zug steigt, reißen Fans Blumensträuße auseinander, sogar Teile seines Mantels verschwinden. Mädchen klettern in der Stockholmer Innenstadt an der Hotelfassade hoch, um ihn zu sehen.

Willy Fritsch
Vor 125 Jahren im oberschlesischen Kattowitz geboren: Leinwandlegende Willy Fritsch. Die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte er in Hamburg, wo er 1973 starb.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme verändert sich Fritschs Umfeld radikal. Die Ufa wird gleichgeschaltet, später verstaatlicht. Fritsch tritt noch im selben Jahr der NSDAP bei – nicht aus Überzeugung, sondern, wie er später erklärt, weil der Druck erheblich ist: Der Ufa-Obmann bedrängt ihn, vor seinem Haus erscheinen SA-Leute, und selbst jüdische Freunde raten ihm, den Konflikt zu vermeiden: „Tritt ein, dann lassen sie dich in Ruhe“, so überliefert er es später.

Willy Fritsch tritt der NSDAP bei, steht aber zu seinen jüdischen Freunden

Fritschs berufliches und privates Umfeld ist auffallend stark jüdisch geprägt: Produzent Erich Pommer, Regisseur Joe May, sein Manager Adi Holländer, Kollegen wie Paul Morgan, Kurt Gerron und Otto Wallburg. Fritsch bricht diese Freundschaften trotz Verbots nicht ab. Er unterstützt die Tänzerin Zofia Gottlieb-Jasinska, vermittelt ihr eine Stelle bei der Ufa und hält an Holländer fest, der ihm 1946 im Entnazifizierungsverfahren bescheinigt, Fritsch habe „niemals antisemitischen Tendenzen gehuldigt“.

Unter der NS-Herrschaft wird Fritsch faktisch zum Angestellten des Deutschen Reichs – mit einem Jahresgehalt von 200.000 Reichsmark. Das Regime setzt ihn sowohl in unpolitischen Unterhaltungsfilmen wie „Glückskinder“ (1936) als auch in propagandistisch geprägten Produktionen wie „Anschlag auf Baku“ (1941) und „Junge Adler“ (1944) ein. Wer im Sinne der staatlichen Filmproduktion verfügbar bleibt, kann eine Einberufung zur Wehrmacht vermeiden – deshalb nimmt er solche Rollen an.

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Die regelmäßigen Pflichtbesuche bei Propagandaminister Goebbels sind für Fritsch eine Belastung. Er soll jedes Mal „nassgeschwitzt“ und völlig aufgewühlt nach Hause gekommen sein – ein Zeichen, wie groß die Angst ist und wie sehr er sich innerlich distanziert, während er nach außen funktioniert.

Bei Kriegsende flüchtet Familie Fritsch zu einem Freund nach Winterhude

1937 heiratet er die Tänzerin und Schauspielerin Ilse Schmidt, Künstlername Dinah Grace. Sie wird sein Halt. Zusammen bekommen sie zwei Söhne, Michael und Thomas – Letzterer wird später selbst Schauspieler. „Wenn ich die Dinah nicht hätte, müsste und würde ich ja alles selber machen“, sagt Fritsch lachend gegenüber einem Reporter, worauf sie entgegnet: „Aber du könntest es nie. Du hast ja keine Ahnung vom Tuten und Blasen.“

Die letzte Kriegsphase erlebt Fritsch in großer Angst. Angesichts der Bombenangriffe auf Berlin erleidet er 1944 einen Nervenzusammenbruch und bittet um Versetzung ins ruhigere Prag. Im März 1945 gelingt Dinah Grace mit den beiden Söhnen die Flucht nach Hamburg. Ob es wahr ist oder nur eine Legende, dass Heinz Rühmann sie und die beiden Kinder auf einem Lastwagen unter Kohlen versteckt transportiert hat? Fest steht, dass Frau und Kinder bei Robert Dependorf unterkommen, einem Hamburger Kaufmann und Kunstsammler, der mit Willy Fritsch seit Langem befreundet ist und der der Familie in seinem Haus am Leinpfad 29 Quartier gibt.

Fritsch geht gemeinsam mit Max Schemling auf Hamsterfahrt

Nach seiner eigenen Flucht aus Prag kommt Willy Fritsch mittellos in Hamburg an. Um die Familie zu ernähren, unternimmt er – oft gemeinsam mit Box-Idol Max Schmeling – „Hamsterfahrten“ ins Umland, häufig mit einem alten Krankenwagen. Einmal spielt Fritsch selbst den Kranken, damit bei einer Kontrolle niemand das schwarz geschlachtete Schwein entdeckt. Er versteckt es unter seinem Körper.

Der Weg zurück in den Beruf ist steinig. Sein Entnazifizierungsverfahren zieht sich hin. Erst im Januar 1947 wird er als „Mitläufer“ eingestuft und erhält eine Arbeitserlaubnis.

Willy Fritsch
In den 50er Jahren wechselt Willy Fritsch ins Heimatspielfach: „Wenn der weisse Flieder wieder blüht“, Willy Fritsch (l.), Magda Schneider und Romy Schneider.

Seine zweite Karriere beginnt in Hamburg beim NWDR. Schon bald dreht er seinen ersten Nachkriegsfilm: Er heißt „Film ohne Titel“ (1948). Darin persifliert er seine Rolle als „Liebhaber vom Dienst“ selbstironisch.

Fritsch wird Teil der aufstrebenden Hamburger Filmproduktion. Insbesondere für die Real Film von Gyula Trebitsch und Walter Koppel steht er vor der Kamera, beispielsweise 1948 für den Film „Finale“. Obwohl er immer noch einer der berühmtesten deutschen Schauspieler ist, sind ihm Starallüren fremd. Auf eine Sondergarderobe verzichtet er.

Als Vater von Romy Schneider in „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“

In den 1950er Jahren wechselt Fritsch ins Heimatfilmfach. „Grün ist die Heide“ (1951) wird mit 19 Millionen Zuschauern zum bis dahin erfolgreichsten Nachkriegsfilm. Der gebürtige Oberschlesier passt perfekt in die Rolle, die die Sehnsucht vieler Vertriebener anspricht. Er wandelt sich vom jugendlichen Liebhaber zum väterlichen Charakterdarsteller – eine Entwicklung, die das Publikum annimmt.

Berühmt wird auch seine Rolle als Vater von Romy Schneider in „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ (1953). „Die Vaterrolle steht ihm. Man spürt, dass er mit Herz spielt“, schreibt das „Hamburger Fremdenblatt“. „Romy Schneider hat in ihm einen echten Partner.“

Haus von Fritsch
Das Haus von Willy Fritsch am Rotbuchenstieg in Alsterdorf.

Nach Jahrzehnten der Filmarbeit, des Ruhms und vieler Affären – Fritsch bekennt offen, die Frauen hätten es ihm leicht gemacht – zieht sich der Schauspieler zurück. Der „Strahlemann“ auf der Leinwand ist privat zurückhaltend und bescheiden. Drei Konstanten prägen sein Leben: die Liebe zu seiner Frau, die Passion für schnelle Autos und das Interesse für den Boxsport.

Am Ende seines Lebens wohnte Fritsch in seinem Haus am Rotbuchenstieg in Alsterdorf

Der Tod von Dinah Grace 1963 nach langer Krankheit ist ein schwerer Schlag für Willy Fritsch. Sohn Thomas Fritsch, der in Hamburg seine Mutter in der letzten Phase intensiv betreut, erzählt, sein Vater, der es gewohnt war, versorgt zu werden, habe den Boden unter den Füßen verloren.

Autorin Heike Goldbach am Grab
Die Berliner Autorin Heike Goldbach am Grab von Willy Fritsch in Ohlsdorf. Eine erweiterte Neuauflage ihrer Willy-Fritsch-Biografie ist soeben erschienen (38,99 Hardcover, 29,99 Paperback)

Nur auf Bitten seines Sohnes dreht Willy Fritsch 1964 seinen letzten Kinofilm: „Das hab’ ich von Papa gelernt“, eine Art Stabübergabe. Danach zieht er sich in sein Haus am Rotbuchenstieg in Alsterdorf zurück, empfängt kaum noch Besucher.

Am Freitag, dem 13. Juli 1973, stirbt Willy Fritsch in seiner Wahlheimat Hamburg. Zwei Wochen später versammeln sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof über tausend Menschen, um Abschied zu nehmen. Unter ihnen: Max Schmeling mit Ehefrau Anny Ondra, der Regisseur und Produzent Gyula Trebitsch, der Schauspieler Kurt Fuß und Trabrennfahrer Hans Frömming.

Heike Goldbach hat eine Neufassung ihrer Fritsch-Biographie herausgebracht

Als die mit roten Rosen geschmückte Urne zu den Klängen von Albinonis „Adagio“ hinabgelassen wird, sagt Pastor Richard Müsing: „Er war ein Mensch, mit dem man Pferde stehlen konnte. Es war einfach echt, was er spielte.“

Willy Fritsch
Lesenswertes Buch von Heike Goldbach: „Ein Feuerwerk an Charme – Willy Fritsch“.

Buchtipp: Soeben erschienen ist eine aktualisierte Neuauflage einer Willy-Fritsch-Biografie von Heike Goldbach. Preis: 38,99 Euro Hardcover, 29,99 Euro Paperback.