Historiker macht böse Entdeckung: Der Hamburger Preis mit dem Nazi-Makel

Biermann-Ratjen
Von 1953 bis 1966 war Hans-Harder Biermann-Ratjen Kultursenator. Aufgrund seiner Verdienste wurde die höchste Hamburger Kulturauszeichnung nach ihm benannt.

Die Journalistin Peggy Parnass hat sie, Theater-Intendant Christian Seeler auch, Lichtkünstler Michael Batz und Musical-Produzent Joop van den Ende ebenfalls: Die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille ist die wichtigste Auszeichnung Hamburgs für Künstler und Kulturschaffende. Jetzt gibt es damit ein großes Problem: Es könnte sein, dass einige der insgesamt rund 120 Geehrten die Auszeichnung wieder zurückgeben wollen. Ein Historiker hat nämlich eine böse Entdeckung gemacht.

Der FDP-Politiker Hans-Harder Biermann-Ratjen (1901-1969) wurde 1978 als Namensgeber der Medaille auserwählt, weil er sich „große Verdienste“ um die Kultur in der Hansestadt erworben hatte. Als Kultursenator hatte er beispielsweise Gustaf Gründgens zum Chef des Deutschen Schauspielhauses gemacht. Was allerdings 1978 übersehen oder schlicht ignoriert wurde, war die Rolle Biermann-Ratjens in der NS-Zeit.

Hamburger Historiker Holger Martens machte die Entdeckung

Holger Martens
Der Historiker Holger Martens von der Hamburger „Historiker-Genossenschaft“.

Im Sommer 2023 startete die Hamburgische Bürgerschaft ein großes Forschungsprojekt. Ziel der Untersuchung ist es zu ermitteln, wer unter den Parlamentariern nach 1945 eine Nazi-Vergangenheit hatte. Historiker Holger Martens von der Hamburger „Historiker-Genossenschaft“ untersucht seither die Lebensläufe ehemaliger Bürgerschaftsabgeordneter. Bei 115 von insgesamt 478 Männern und Frauen, darunter Sozialdemokraten genauso wie Christdemokraten, Freie Demokraten und Kommunisten, stellte er bereits eine Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer anderen Nazi-Organisation wie SA oder SS fest.

So auch bei Biermann-Ratjen. Der gab im Entnazifizierungsfragebogen der alliierten Besatzer 1945 wahrheitsgemäß an, am 1. Mai 1937 in die NSDAP eingetreten zu sein. Er behauptete aber, dies sei unter Zwang erfolgt. Der Hamburger NS-Justizsenator Rothenberger habe Druck auf ihn ausgeübt. Außerdem sei ihm das Mitgliedsbuch nie ausgehändigt worden, deshalb gelte er auch nur als „Anwärter“.

Biermann-Ratjen
Nach Hans-Harder Biermann-Ratjen (1901-1969) ist Hamburgs höchste Kulturauszeichnung benannt. Allerdings wird das bald geändert. Ein Historiker hat herausgefunden, dass der FDP-Politiker 1937 der NSDAP beitrat.

Seltsam allerdings: Als er 1937 der Reichsschrifttumkammer beitreten wollte, gab er an, „Parteigenosse“ (PG) zu sein – von einer bloßen Anwärterschaft war da nicht die Rede. Zu diesem Zeitpunkt war es allerdings auch noch opportun, „PG“ zu sein.

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Biermann-Ratjen trat einer Reihe NS-Organisationen bei

Auffällig ist, dass Biermann-Ratjen noch einer ganzen Reihe weiterer NS-Organisationen beitrat: etwa dem Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA), dem NS-Rechtswahrerbund, dem Reichskolonialbund, dem NS-Altherrenbund und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). NS-Gegnerschaft sieht anders aus.

Um die Behörden 1945 davon zu überzeugen, dass er immer schon ein Antifaschist war, ließ sich Biermann-Ratjen etliche Leumundszeugnisse – sogenannte „Persilscheine“ – ausstellen. Schriftsteller Thomas Mann verwendete sich für ihn genauso wie der Hamburger Rechtsanwalt Herbert Ruscheweyh, vor 1933 Präsident der Bürgerschaft. Ruscheweyh schrieb: „Ich weiß aus eigener Überzeugung, dass Sie nur ein formales Mitglied der NSDAP gewesen sind.“

Der FDP-Politiker war von 1953 bis 1966 Kultursenator Hamburgs

Nach Kriegsende hatte Biermann-Ratjen wegen seiner Parteizugehörigkeit trotzdem einige Schwierigkeiten. Als er im Juli 1945 zum ersten Mal Hamburger Kultursenator wurde, protestiere die britische Militärregierung. Daraufhin blieb ihm keine andere Wahl, als im November 1945 wieder zurückzutreten.

1947 trat Biermann-Ratjen der FDP bei, gehörte von 1949 bis 1957 sowie von 1961 bis 1963 der Bürgerschaft an. Von 1953 bis 1966 war er erneut Kultursenator.

Im Bericht von Historiker Holger Martens heißt es: Biermann-Ratjen selbst habe sich nach dem Krieg „auch in eigenen Veröffentlichungen als Gegner des Nationalsozialismus inszeniert“. Zwar habe er seine NSDAP-Mitgliedschaft im Entnazifizierungsfragebogen angegeben, „später ließ er sie jedoch unerwähnt, so dass sie in Vergessenheit geriet“.

Die Stadt wird sich für ihren Kulturpreis einen neuen Namenspatron suchen müssen

Viele Jahrzehnte danach müssen sich nun die Kulturbehörde und der Senat überlegen, ob ein ehemaliges NSDAP-Mitglied als Namensgeber für eine hohe Auszeichnung taugt. Nach MOPO-Informationen ist hinter den Kulissen die Entscheidung praktisch gefallen. Eine Verleihung des Preises wird es demnach nicht mehr geben.

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Offiziell ist das allerdings noch nicht. Enno Isermann, Sprecher der Kulturbehörde, teilte der MOPO mit: „Angesichts der aktuellen Forschungsergebnisse ist die Verleihung vorerst ausgesetzt.“ Die Kulturbehörde führe derzeit „verschiedene Gespräche“, um über die Zukunft des Preises zu entscheiden.