„Hier hat er mir ein Messer in die Brust gerammt“: Vom Puff-Aufpasser zum Podcaster
Es ist früher Abend auf dem Hans-Albers-Platz. Touristen bleiben stehen, zücken Handys, aus den umliegenden Bars dringt Musik. Jan Schütt (45) schaut auf das Kopfsteinpflaster, als würde er etwas suchen. „Hier“, sagt er dann ruhig, „hier hat mir ein Typ ein Faustmesser in die Brust gerammt.“ Die Gruppe um ihn herum verstummt. Jan Schütt, groß, durchtrainiert, wacher Blick, war jahrelang Wirtschafter in Bordellen auf dem Kiez. Heute ist er Fitnessstudio-Leiter, Türsteher und führt als Kult-Kieztour-Guide Touristen über St. Pauli. Ein Mann, der viele Leben gelebt hat – und der heute mit Abstand auf die Jahre im Rotlichtmilieu zurückblickt.
Seine ersten Kontakte ins Milieu hatte Jan vor rund 20 Jahren. Schon damals arbeitete er als Leiter eines Fitnessstudios. Leute aus dem Rotlichtmilieu gingen ein und aus. Luxusuhren, dicke Autos, ein Lebensstil, der ihn faszinierte. „Ich fand das geil“, gibt er offen zu. „Mittags kamen die mit einem ,Guten Morgen‘ ins Studio, hatten immer einen fetten Wecker am Handgelenk und einen anständigen Schlitten vor der Tür stehen.“ Warum ihn das so anzog, weiß er heute selbst nicht mehr. Vielleicht, vermutet er, weil es so weit weg war von dem, was er aus seiner Kindheit in einem konservativen Elternhaus kannte.
Über eine Frau landete Jan Schütt im Rotlichtmilieu auf dem Kiez
Selbst war Jan nur ein einziges Mal bei einer Prostituierten. Er war 17, gerade das zweite Mal auf dem Kiez. „Ich habe kläglich versagt“, sagt er und lacht kurz auf. „Unten am Fenster in der Herbertstraße fand ich die Frau super, aber als ich im Zimmer das Geld auf den Tisch legen musste, war alles vorbei. Ich konnte nicht mehr.“ Puff, das war eigentlich nie sein Ding.
Der Einstieg kam über eine Frau, die er im Fitnessstudio kennengelernt hatte. Sie waren längst ein Paar, da erfuhr er von einem Kumpel, dass sie als Hure arbeitet. „Mir hatte sie erzählt, dass sie in der Gastronomie tätig ist.“ Ein Problem mit ihrem Job hatte er nicht. Ganz im Gegenteil. Er tauchte immer tiefer ein. „Ich glaube, ein Mensch ist immer ein Produkt seines Umfelds“, sagt er. Was im Milieu normal war, wurde auch für ihn normal. Zweifel? Die hatte er nicht.
Als Wirtschafter arbeitete Jan Schütt in verschiedenen Bordellen, unter anderem rund um den Hans-Albers-Platz. Seine Aufgabe: aufpassen, schlichten, im Zweifel eingreifen. Oft reichte ein Gespräch. „Wenn du da mit drei Männern oder mehr aufschlägst, benehmen sich die Leute meistens direkt.“ Doch vor allem am Wochenende, wenn Alkohol und Masse zusammenkamen, eskalierte es. „Primetime“, nennt er das. Zwei- bis dreimal pro Nacht konnte es handgreiflich werden. „Spätestens ab halb zwei funktioniert der gesunde Menschenverstand oft nicht mehr. Dann klingelt es immer zweimal. Einmal an der Tür und einmal draußen.“
Einmal eskalierte es besonders. Vor einem Bordell geriet ein Passant mit einer Prostituierten aneinander. Sie rief ein Codewort. Eine Kollegin rannte zum Bordell, klingelte und rief über die Kamera am Eingang um Hilfe. Jan eilte mit Kollegen nach draußen. „Meistens gab es dann eine Art Deeskalationsgespräch. Manchmal wurde das jedoch intensiviert. In dem Fall artete es zu einer ordentlichen Schlägerei aus.“ Als er zurück im Bordell war, fragte ein Kollege: „Schwitzt du so?“ Jan blickte an sich herunter, sah immer mehr Blut auf sein dunkelblaues Shirt sickern. Ein Faustmesser hatte ihn auf Höhe des Brustbeins getroffen. „Da war ein Loch“, sagt er nüchtern. Er wurde genäht, zog später selbst die Fäden. „Und dann war das Ding durch.“
„Wenn du so viel Geld hast, weißt du es nicht mehr zu schätzen“
Eine harte Zeit. In der er jedoch ein hohes „Schmerzensgeld“ kassiert habe. Jan weiß nicht einmal mehr genau, wie viel er verdiente. Sein stärkster Monat habe vermutlich dem Jahresgehalt eines Durchschnittsdeutschen entsprochen. Ein neues Auto, Luxus, Statussymbole. Einmal legte er sogar 20.000 Euro drauf, um sich einen Wagen leisten zu können. „Da fasse ich mir heute an den Schädel“, sagt er. Hätte er das Geld damals nicht verprasst, müsste er heute nicht mehr arbeiten. Allerdings habe er einen Teil der Kohle angelegt. „Wenn du so viel Geld hast, weißt du es nicht mehr zu schätzen.“
Der Ausstieg kam schleichend. Die Nachtarbeit, die permanente Erreichbarkeit, die Unruhe – all das nagte an ihm. Ausschlaggebend war schließlich sein mittlerweile 20 Jahre alter Sohn, „mein absolutes Herzstück“. Als der als Jugendlicher fragte, womit sein Vater eigentlich so viel Geld verdiene, begann Jan zu überlegen. Er wollte seinem Sohn nicht sagen müssen, was er tatsächlich macht. „Ich will damit nicht sagen, dass du ein schlechter Vater bist, wenn du im Milieu arbeitest“, betont er. Für ihn selbst aber war klar: So wollte er nicht weitermachen. Er suchte sich wieder einen Job in der Fitnessbranche – und stieg aus.
Jan war erleichtert, sein Doppelleben aufgeben zu können. Jahrelang hatte er seiner Familie verschwiegen, dass er im Rotlichtmilieu tätig ist. Seine Mutter weiß inzwischen von seiner Vergangenheit. Sein Vater erfuhr es nie. Er war Banker, konservativ, schwer krank, als Jan ausstieg. „Er hätte das nicht verarbeiten können“, sagt der Hüne. Schon der Schritt in die Fitnessbranche hatte den Vater einst schockiert. „Das ist doch kein Beruf“, habe er gesagt.
Wenn er heute über die Jahre im Rotlichtmilieu nachdenkt, hat Jan Zweifel. „Natürlich ist das eine Form von Ausbeutung“, sagt er. Diese Art der Ausbeutung finde auch in ganz anderen Bereichen statt, „nur verkauft derjenige in dem Moment nicht seinen Körper. Das ist der feine Unterschied dabei.“ Er habe darüber oft nachgedacht – und vieles wieder weggeschoben. „Vielleicht will man sich darüber aber auch nicht reflektieren, weil man nicht weiß, was man da aufbricht. Das ist wahrscheinlich ein Kästchen, das ich geschlossen halte.“ Zwar verurteile er das nicht, aber er habe gar keinen Bock mehr auf den Job, auf den Livestyle. „Ich habe mich verändert. Besonders mein Frauenbild. Wenn ich eine Frau kennenlerne, scanne ich sie nicht ab, ob da Potenzial hinter ist.“
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Heute schätzt Jan die Planbarkeit. Zu wissen, was am Monatsende auf dem Konto ist. Feierabend zu haben. Ruhe. Zeit mit seinem Mitbewohner, Hund Mucho, zu verbringen. Er trainiert drei Mal pro Woche, geht schwimmen, arbeitet oft sechs, manchmal sieben Tage im Fitnessstudio. Freitags steht er als Türsteher vor Clubs auf dem Kiez, samstags führt er Touristen als Kult Kieztour-Guide über St. Pauli. „Das ist ein toller Ort zum Arbeiten“, sagt er. Aber privat sei er fast nie auf dem Kiez.
Zu den Kult Kieztouren kam er zufällig. Er arbeitete als Wirtschafter in einem Bordell, an dem die Touren vorbeiführten. So lernte er Kult-Koberer Fabian Zahrt kennen. Ein paar Worte, ein kurzer Austausch – es passte. Jan stieg bei der Olivia-Jones-Familie ein, zunächst als Türsteher, später als Tourbegleiter, zuständig für Stimmung und Sicherheit. Seit knapp einem Jahr führt er eigene Touren. Er zeigt Orte, an denen er gearbeitet hat, erzählt Anekdoten. So wie an diesem Abend. Vor der „Olivia Jones Bar“ endet die Tour. Die Gruppe klatscht, bedankt sich, zieht weiter. Jan bleibt noch einen Moment stehen. Mit einem Nicken sagt er: „Der Kiez ist für mich ein Ort, der einen großen Platz in meinem Herzen hat“. Sein Zuhause ist jedoch längst woanders.
Steckbrief Jan Schütt (45)
Spitzname und Bedeutung Ich werde gerne mal der Lange genannt.
Beruf/ erlernte Berufe Leiter eines Fitness-Studios, Kult Kieztour-Guide und Türsteher, gelernt habe ich Sport- und Fitnesskaufmann und Physiotherapeut
St. Pauli ist für mich… ein Ort, der einen ganz großen Platz in meinem Herzen hat.
Mich nervt es tierisch, wenn… ich nicht meinen Willen bekomme.
Ich träume davon… dass mein Sohn ein wunderschönes, erfülltes Leben hat.
Wenn mir einer blöd kommt… versuche ich zu deeskalieren. In Form von Kommunikation. Ich habe einfach keinen Bock mehr auf Stress und will meine Ruhe haben.
Zum Abschalten… gucke ich American Football und kuschle mit meinem Hund.
Als Kind… bin ich schon gegen den Strom geschwommen. Ich war nie angepasst und habe das gemacht, was alle machen.
Meine Eltern… haben mir eine großartige Kindheit geschenkt. Ich bin sehr dankbar dafür.
Vom Typ her bin ich… mittlerweile sozialkompatibel.