„Hells Angel“ aus Hamburg packt aus: „War nur eine Frage der Zeit, bis jemand stirbt“

Ein Mann mit kurzen Haaren und Hals-Tattoos schaut in die Kamera
Der ehemalige „Hells Angel“ Kassra Zargaran wurde wegen Mordes verurteilt. Heute will er Jugendliche von einer kriminellen Karriere abbringen.

Kassra Zargaran war einer von 13 „Hells Angels“, die 2014 einen Mann in einem Wettbüro ermordeten. Vor Gericht entschied er sich, als Kronzeuge gegen seine „Brüder“ auszusagen. Nach sieben Jahren Isolationshaft will der gebürtige Hamburger andere davon abhalten, dieselben Fehler zu machen wie er.

Ein Wettbüro in Berlin-Reinickendorf am 10. Januar 2014: Ein Mann steht vor dem Verkaufstresen und telefoniert, eine Kamera filmt die Szene. Plötzlich öffnet sich die Tür. 13 Vermummte stürmen in den hinteren Bereich des Ladens, wo Tahir Özbek sitzt. Ein Schuss fällt. Panik bricht aus, Stühle fallen. Fünf weitere Kugeln werden auf Özbek abgefeuert. Das gesamte Manöver dauert gerade einmal 25 Sekunden. 25 Sekunden, die ein 26-jähriges Leben beenden.

Özbek stirbt noch am Tatort. Er hatte sich mit den Falschen angelegt: mit einer der aggressivsten Gruppen der deutschen „Hells Angels“, dem ehemaligen Charter von Kassra Zargaran. Der gebürtige Hamburger war Teil des Todeskommandos. Später wird er vor Gericht auspacken – und seine „Brüder“ mit seinen Aussagen lebenslang ins Gefängnis bringen.

Kassra Zargarans Jugend: „Ich war völlig perspektivlos“

Wenn der 38-Jährige heute von dem Tag erzählt, spricht er ruhig. Ist schonungslos ehrlich – vor allem mit sich selbst. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand stirbt“, sagt er. Elf Jahre sind vergangen. Der bullige Körperbau, die kurz geschorenen Haare und die Hals-Tattoos sind geblieben. Aber Mimik und Blick haben sich verändert. Auch der Blick auf das eigene Leben.

Kassra Zargaran wird 1986 als Sohn eines Iraners und einer Deutsch-Chilenin in Hamburg geboren. Er wächst in Norderstedt auf: Mittelschicht, Arbeiterfamilie, „alles ganz normal“. Irgendwann bekommt er erste Probleme in der Schule, bis er nach einer Prügelei mit einem Lehrer ganz rausfliegt.

„Ich war völlig perspektivlos“, sagt Zargaran. Er dealt, überfällt mit Freunden Kioske und landet schließlich auf dem Kiez, im Rotlichtmilieu. Dort trifft er eine junge Prostituierte, die sich in ihn verliebt und für ihn „anschaffen geht“. Kurz darauf landet er zum ersten Mal im Gefängnis, weil er einen Polizisten mit einem Messer verletzt. Vom Schulkind zum Zuhälter zum Häftling – innerhalb weniger Jahre.

Der Weg aus dem Knast – zu den Berliner Hells Angels

Nach der Haft will er sein Leben komplett ändern, aber sein Weg führt zurück ins Rotlicht. „Ich war immer noch in denselben Strukturen. Da war die Knast-Geschichte schnell vergessen“, gibt er zu. Ein Lude erzählt ihm 2009 von der „Legion 81“ in Kiel, einer Supportergruppe der „Hells Angels“. Er steigt ein.

Als die Kieler Gruppe nach einer Massenschlägerei aufgelöst wird, versucht er es bei den Hamburger „Hells Angels“. „Aber das waren genau die Typen, mit denen ich auf dem Kiez nie etwas zu tun haben wollte“, erzählt er. Er geht nach Berlin und findet bei den „Hells Angels MC Berlin City“ das, was er sich erhofft hatte: Gleichgesinnte. „Ich war schon ein sehr wilder Junge und auch gewalttätig. Genau wie die.“

Männer
Kassra Zargaran mit zwei Rocker-Freunden

Zargaran wird vollwertiges Mitglied. Der Kontakt zu seiner Familie reißt weiter ab. „Es ist alles kaputtgegangen“, sagt er. Seine „Brüder“ werden zur neuen Familie – darunter Mörder und Doppelmörder. „Berlin war ein heißes Pflaster“, erzählt Zargaran. Sein Charter führt Krieg mit verfeindeten Gruppen, darunter den „Bandidos“, denen Tahir Özbek nahestand. Der Wettbüro-Mord ist die letzte Stufe der Eskalation, nach Schlägereien, Messerstechereien und diversen Schwerverletzten. Doch der Polizei gelingt es nach und nach, fast alle Täter zu fassen – auch Kassra Zargaran.

Zargaran packt im Wettbüromord-Prozess aus

Es folgt einer der größten Prozesse Deutschlands: Innerhalb von fünf Jahren werden knapp 400 Zeugen verhört. Zargaran entscheidet sich, als Kronzeuge gegen seine „Brüder“ auszusagen. „Als Verräter habe ich mich nie gesehen“, erklärt er heute. Sein Mitleid galt den Toten und Angehörigen, sagt er, nicht den Menschen, die vor Gericht neben ihm sitzen. Jeder abgeschottet in seiner eigenen Glaskabine – aus Sicherheitsgründen. „Als die gemerkt haben, dass ich das durchziehe, fielen die Masken“, erzählt er. Seine „Brüder“ drohen ihm, loben ein Kopfgeld von 500.000 Euro aus.

Am 300. Verhandlungstag fällt das Urteil: Acht der Angeklagten müssen wegen gemeinschaftlichen Mordes und Anstiftung zum Mord lebenslang in Haft. Zargaran wird wegen seiner Aussagen nur zu zwölf Jahren verurteilt. Aus Sicherheitsgründen sitzt er laut eigenen Angaben sieben Jahre lang in Isolationshaft, bis er vorzeitig entlassen wird.

Das neue Leben: Buch, Podcast und Gewaltprävention

Als er freikommt, hat er nichts mehr: keine „Brüder“, kein Geld – dafür die Chance auf einen Neustart. Jetzt ist er selbstständig und will mit seiner Geschichte aufklären: Er schrieb einen Bestseller („Der Perser“), hat einen eigenen Podcast und einen Verein für Gewaltprävention bei Jugendlichen. Aber auch dieses neue Leben bleibt gefährlich. Der Aufenthaltsort von Zargaran und seiner Familie ist geheim. Niemand weiß besser als er, wie in diesen Strukturen mit Feinden umgegangen wird.

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Trotzdem habe sich im Grunde wenig verändert: „Auch damals musste ich immer damit rechnen, hinter der nächsten Ecke erschossen zu werden“, erklärt er. „Ich lasse mein Leben nicht von Angst bestimmen!“