Hamburgs spektakulärster Schulneubau steht mitten in der Pampa
Kirchwerder kennen die meisten Hamburger wohl nur von sonntäglichen Radtouren auf dem malerischen Deich beim Fährhaus Zollenspieker. Ausgerechnet dort, im Nirgendwo inmitten weiter Felder, ist nun für 67 Millionen Euro der spektakulärste Schulneubau der Stadt entstanden. Und zwar am Teufelsort.
Durch ausgedehnte Felder, entlang an großen gläsernen Gewächshäusern und hübschen Fachwerkbauten führt der schmale Kirchenheerweg zur neuen Stadtteilschule von Kirchwerder. Der 67 Millionen Euro teure Neubau plus Sporthalle und Sportplatz war dringend nötig, weil der alte Standort einen Kilometer entfernt aus allen Nähten platzte. Die zwei je 100 Meter langen Gebäude sollen an die lokale Bau-Tradition der reetgedeckten Langhäuser anknüpfen. Hier ist nun wieder ausreichend Raum für alle rund 1000 Jungen und Mädchen.
Die Stadt investiert dabei viel Geld in eine erstaunlich große Schule für die sehr ländliche Hamburger Randregion. Kirchwerder selbst hat nur knapp 10.000 Einwohner. „Aber wir haben ein riesiges Einzugsgebiet“, sagt Schulleiter Niko Gärtner (50). Von Rothenburgsort rund 20 Kilometer nordwestlich über Bergedorf etwa zehn Kilometer im Norden und die ganzen Vier- und Marschlande im Osten.
Die etwas einsame Lage ist nicht so schlimm, denn die Schule wird nur von wenigen Schülerinnen und Schülern aus der direkten Nachbarschaft zu Fuß oder mit dem Rad besucht. „Die allermeisten sind ja auf den Bus angewiesen, weil die Wege so weit sind“, so Gärtner.
Stadtteilschule Kirchwerder ist nun am Teufelsort
Bezeichnenderweise heißt das Gebiet bei den Kirchdorfern seit Jahrhunderten „Teufelsort“. Die offizielle Adresse ist Kirchenheerweg 85. Auch Schulleiter Gärtner weiß nicht, wo der düstere Name herrührt. „Wir haben jetzt schon die Historiker drangesetzt, das herauszufinden.“
Viele neu gebaute Schulen in Hamburg sind eher nüchterne Zweckbauten – quadratisch, praktisch, gut und vorzugsweise mit Flachdächern. Umso überraschender ist der aufsehenerregende Neubau, an dem zehn Jahre lange geplant wurde. Die dänischen Ziegel, die für die besondere Optik des Daches verantwortlich sind, wurden alle handgefertigt und wiegen pro Stück sechs Kilo.
Wer unten auf dem Schulhof steht, der sieht es nicht und würde es auch kaum vermuten: Oben auf dem technisch hochmodernen und möglichst nachhaltig errichteten Gebäude erzeugen jede Menge Solarzellen Strom. Der Neubau hat einen sehr hohen Standard bei der Energie-Effizienz. Dazu trägt auch ein mit Bio-Methan betriebenes Blockheizkraftwerk bei. Die Dächer werden teilweise noch begrünt.
Wer seine Kinder nach Kirchwerder zur Schule schickt, der schätzt eher ein traditionelles Schulleben. „Wir sind nicht so abenteuerlich pädagogisch unterwegs“, so Schulleiter Gärtner mit einem Augenzwinkern. Zum Konzept gehört etwa, dass in der Oberstufe weiterhin in Klassen unterrichtet wird und nicht im Kurssystem.
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Aber dörflich geht es an der Stadtteilschule trotzdem nicht zu. Mit ihren 1000 Schülerinnen und Schülern ist sie auch nicht klein. Am alten Schulstandort am Kirchwerder Hausdeich gibt es zudem noch die Grundschule mit 200 Kindern. Hier mitten in den Vier- und Marschlanden gehen Kinder aus aller Welt zur Schule – sie kommen teils aus den nicht so weit entfernten Flüchtlingsunterkünften. Schulleiter Niko Gärtner, der in England seine Ausbildung zum Lehrer gemacht hat, sagt: „Unsere Flüchtlingskinder sorgen für den richtigen Mix bei uns. Sonst wären wir eine reine Weißbrot-Schule.“