Hamburgs schlimmster Schmierfink: War OZ in Wirklichkeit ein großer Künstler?
Die ganze Stadt ist übersät mit seinen Sprüh-Zeichen: Smileys, Spiralen, Buchstaben und auch größere Wandbilder. Hunderttausende Graffiti hat der 2014 tödlich verunglückte Sprayer OZ in Hamburg hinterlassen. Für die meisten Bürger war er nur ein Schmierfink. Eine Gruppe von Experten sieht in Walter Josef Fischer jedoch inzwischen einen großen Künstler. Sie sagen: OZ wurde völlig verkannt. Die MOPO sprach mit Lars Klingenberg, Fotograf und Autor, der sich mit OZ auskennt, wie kaum ein anderer.
MOPO: Herr Klingenberg, Hamburg ist noch immer übersät mit Smileys, Spiralen und Buchstaben-Kombis. Was soll daran Kunst sein?
Lars Klingenberg: Man kann Walter Josef Fischer nicht in die klassischen Kategorien Graffiti oder Urban Street Art einordnen. Er hat eine ganz eigene parallele Stilrichtung entwickelt. Es gibt keinen Künstler, der das so gemacht hat. Sein Werk ist in der Naiven Kunst einzuordnen und gleichzeitig hochpolitisch. In erster Linie war Fischer mit seinen Zeichen ein Kämpfer gegen das herrschende System.
Die Smileys sollen eine politische Botschaft sein?
Ja! Genauso wie die Spiralen und die Buchstaben. Jede der tausenden von Spiralen steht für einen während des Holocaust ermordeten Juden. Die häufig anzutreffenden Buchstaben „SR” stehen für „Soziale Revolution“. Etwas drastischer ist „MBS“, was für „Miese Bullenschweine“ steht. Und auch „OZ“ hatte ursprünglich eine andere Bedeutung. Es hieß eigentlich „OLi“ – Ohne Liebe. Andere Sprayer haben das immer als „OZ“ gelesen. Fischer hat das irgendwann einfach übernommen. Er führte einen farbenfrohen Kampf gegen das Betongrau als Akt des Widerstands gegen die Verdrängungsstrategien einer Gesellschaft, die den Faschismus möglich gemacht hatten.
Woher kam diese Wut?
Fischer wurde 1950 als uneheliches Kind geboren und von seiner Mutter in ein katholisches Kinderheim abgeschoben. Die unmenschlichen Zustände in den Heimen in dieser Zeit sind vielfach beschrieben worden. Unter anderem von der Journalistin und späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Für Fischer war diese Zeit eine zentrale Lebenserfahrung, die ihn geprägt hat. Er rächte sich an dem Staat, der ihn so schlecht behandelt hat.
Hat dieser nichtbürgerliche Hintergrund auch etwas damit zu tun, dass er als Künstler verkannt wurde?
Ganz bestimmt. Hinzu kam, dass viele ihn aufgrund seines Auftretens für einen Psychopathen oder Sonderling hielten. Ich kannte ihn. Er war ein sehr eigener Mensch. Aufgrund seiner Lippen-Kiefer-Gaumenspalte hatte er eine eigene Sprache. Seine Aussprache war undeutlich, und er verwendete ganz eigene Ausdrücke. Das kam schon merkwürdig rüber. Das soll jetzt nicht negativ klingen. Er war eben ein Eigenbrötler und das überfordert viele Menschen.
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Sie haben es sich zusammen mit anderen zum Ziel gemacht, das Werk von Walter Josef Fischer zu konservieren. Wie geht das mit Straßenkunst?
2009 hat die Vicious Gallery in Hamburg die erste Ausstellung über ihn veranstaltet. Da war er noch am Leben. Fischer hat nur zugestimmt, weil er hoffte, von den Geldeinnahmen seinen Anwalt bezahlen zu können. Er hat ja insgesamt acht Jahre in Haft verbracht für seine „Sachbeschädigungen“. Dabei war er immer wieder Hass und Hetze ausgesetzt und wurde 1999 von Mitarbeitern der S-Bahn-Wache schwer misshandelt. Im Zuge der Ausstellung habe ich das Buch „Es lebe der Sprühling“ herausgegeben. Zahlreiche Menschen beteiligen sich an dem Projekt, Fischers Werk fotografisch zu dokumentieren. Die Fotos werden auf der Website city-of-oz.hamburg gesammelt, ein Projekt des Gängeviertels und des Graffitiarchivs Berlin. Auch das „Double-H Archive“ des Hamburger Künstlers Mirko Reisser, alias DAIM, hat eine umfangreiche Sammlung. Fischer hat auch Texte geschrieben. Wir machen das, um eine Grundlage für die Wissenschaft zu schaffen. Ein Kunsthistoriker wäre jahrelang beschäftigt, wenn er sich in das Thema vertiefen würde.
Reicht das? Immerhin ist Fischer seit zehn Jahren tot. Die Smileys und Spiralen verschwinden nach und nach aus dem Stadtbild, weil Wände übermalt oder Laternen ausgetauscht werden.
Ja. Genau das passiert. Es ist natürlich schier unmöglich das Werk in seiner Gesamtheit zu konservieren. Diese unfassbare Masse an Zeichen, hunderttausende in der ganzen Stadt, können nicht alle geschützt werden. Von den großflächigen Wandbildern, die Fischer über die Smileys hinaus angefertigt hat, gibt es gerade mal noch 20 – von ursprünglich hunderten. Es wäre toll, wenn auch die Stadt den Wert von Fischers Werk für die Geschichte Hamburgs erkennen und die Bilder unter Denkmalschutz stellen würde. Beim Energiebunker Kebap, der ebenfalls von Fischer besprüht wurde, sind wir dabei, die Malereien zu schützen. Immerhin hat das Museum für Hamburgische Geschichte einen Stromkasten mit OZ-Tag aus der Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“ in seine Sammlung genommen. Toll wäre es, wenn ein Museum mal eine Retrospektive machen würde. OZ – das ist ein hochkomplexes, vielfältiges und einzigartiges Thema.
Am Donnerstag, 28. November, findet eine Veranstaltung zu Ehren von Walter Josef Fischer alias Oz im „WAI Woods Art Institute“ (Golfstraße 5, 21465 Wentorf) statt. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zur aktuellen Ausstellung „DAIM Retrospective – 35 Years of Graffiti Art“ gibt es einen Vortrag zu Walter Josef Fischer, einen Kurzfilm und eine Gesprächsrunde. Beginn 19 Uhr. Eintritt: 12 Euro (inkl. Besuch der WAI Galleries). Anmeldung unter: anmeldung@woodsartinstitute.com