Hamburgs irrer Hochzeits-Boom: Darum zahlen wir 100.000 Euro für unsere Feier
In Hamburg wird wieder mehr geheiratet, wie aktuelle Zahlen belegen. Und neben den Ringen für die Ewigkeit nehmen die Leute vor allem eines in die Hand: Geld. Jüngstes Beispiel: Die Reality-TV-Sternchen Mike und Leyla Heiter mit ihrer Prunk-Party Ende August an der Amalfiküste. Doch nicht nur Promi-Hochzeiten sind ein dickes Geschäft: Die MOPO hat mit einem Hamburger Paar gesprochen, das auch im großen Stil heiraten will. Reicht ein einfaches „Ja, ich will“ nicht mehr?
Im Juli 2026 wollen Svea R. (29) aus Horn und Aaron B. (24) aus Eimsbüttel heiraten. Eine Location haben die Zugbegleiterin und der Servermanager schon. Mit 100 Gästen geht es nach Bad Münder am Deister südlich von Hannover, gefeiert wird in einer Villa. Knapp die Hälfte der Gäste wird das ganze Wochenende mit dem Brautpaar an der Location verbringen. Dafür nehmen die Hamburger rund 100.000 Euro in die Hand. Eine Summe, für die man sich ein eigenes Wohnmobil oder 93 Jahre lang die WochenMOPO leisten kann.
Darum gibt das Paar so viel Geld für die Hochzeit aus
„Ich komme aus einer Familie, in der es keine Scheidungen gibt“, erzählt Svea R. Die Ehe als lebenslanges Versprechen wurde in ihrer Familie sehr ernst genommen. Auch sie lebt nach diesem Prinzip und begründet damit die Hochzeitskosten. „Man heiratet nur einmal. Daher sollte es ein Fest sein, bei dem man alle Menschen dabei hat, die einen auf seinem Lebensweg begleitet haben. Es ist der Abschied von einer alten Familie und der Beginn einer neuen“, sagt sie.
In Aaron B. hat die 29-Jährige ihre neue Familie gefunden. Nach zweijähriger Freundschaft kamen die beiden zusammen, verlobten sich nach nur einem Monat im Juni 2025 bei ihrem Stamm-Italiener in Eimsbüttel. Als Hochzeitsplanerin engagierten sie Sophia von Aspern (31). Die gelernte Bauingenieurin wechselte 2023 ihren Beruf und organisiert seitdem Hochzeiten.
Planung startet meist anderthalb Jahre vorher
„Bei meiner eigenen Hochzeit habe ich gemerkt, wie anspruchsvoll es ist, jedes Detail im Blick zu behalten“, erzählt sie. „Selbst kleinste Pannen, wie Gäste, die zu spät zur Trauung kamen, weil wir keinen Zeitpuffer eingeplant hatten, zeigen, wie wertvoll eine professionelle Hand im Hintergrund ist.“
Zwischen 15 und 20 Hochzeiten plant von Aspern pro Jahr. Der Großteil davon findet zwischen Juni und August statt, doch die Planung startet meist anderthalb Jahre vorher. Dass Hochzeiten immer größer und teurer werden, bemerkt auch sie. „Es ist zum Trend geworden, ein ganzes Wochenende zu heiraten“, sagt sie. „Die Branche hat sich verändert. Es passiert seltener, dass Paare nur zum Standesamt und danach ins Restaurant gehen. Heute möchte man den Gästen Wow-Momente geben und selbst einen Once-in-a-lifetime-Moment erleben.“
Hamburger Psychologe über kostspielige Hochzeiten
Das Budget von Svea R. und Aaron B. liegt mit 100.000 Euro deutlich über dem Durchschnitt. Woher kommt die Bereitschaft von Verliebten, so viel Geld auszugeben für ein vergleichbar kurzes Fest? Erstmals seit 2019 heirateten im vergangenen Jahr wieder mehr als 5000 Paare in Hamburg – und zwar genau 5320, wie das Statistikamt Nord der MOPO auf Nachfrage sagte. Dabei bewegt sich Hamburg entgegen des Bundestrends. Dieser verzeichnete in den letzten drei Jahren einen Rückgang. Von 2023 auf 2024 zuletzt um etwas mehr als 10.000 Eheschließungen.
In einer Online-Umfrage des digitalen Hochzeitsplaners „Weddydays“ gaben 87,3 Prozent der Paare an, für ihre Hochzeit mehr als 5000 Euro einzuplanen. Der größte Anteil der Befragten rechnete mit 15.000 bis 20.000 Euro für ihren großen Tag. Zwei Prozent planen mit mehr als 40.000 Euro.
Der Hamburger Psychologe und Paartherapeut Michael Cöllen (81) sieht dieses Phänomen als Symptom eines gesellschaftlichen Umbruchs. Er sagt: „Zunehmende persönliche und politische Verunsicherungen schüren Zukunftsängste um die eigene Existenz. Die Menschen haben das Gefühl, ihren sicheren inneren Halt zu verlieren.“ In glanzvollen Ritualen wie Hochzeiten würden sich die narzisstischen Bestrebungen der modernen Gesellschaft zeigen. „Ein großes, pompöses Hochzeitsfest dient dazu, das eigene Image vor aller Welt aufzuwerten“, so Cöllen.
„Selbst Paare ohne viel Geld gestalten eine Hochzeit, die sie noch Jahre später abbezahlen“, sagt Cöllen weiter. Auf einen Kredit ist unser Hamburger Brautpaar nicht angewiesen, doch rund 25 Prozent der Brautpaare wären laut dem Portal „Kreditvergleich.net“ bereit, einen Kredit für ihre Hochzeit aufzunehmen. Da allerdings keine Verwendungszwecke angegeben werden müssen, ist die genaue Zahl der Hochzeitskredite nicht zu bestimmen, wie ein Sprecher der Deutschen Bank der MOPO sagt.
Verbraucherzentrale warnt vor Hochzeitskrediten
Kerstin Föller, Leiterin der Abteilung Insolvenz, Kredit und Konto der Verbraucherzentrale Hamburg, sieht in solchen Krediten ein Risiko. Sie sagt: „Mit einem solchen Darlehen nimmt man ja immer einen Kredit auf die eigenen zukünftigen Einnahmen auf. Wir raten daher immer dazu, gerade bei solchen Krediten sehr gründlich zu überlegen, ob man seine finanziellen Möglichkeiten wirklich auf Jahre hinaus für ein solches (nur im besten Fall einmaliges) Ereignis belasten will.“
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Weiter erzählt sie: „Außerdem können unserer Erfahrung nach finanziell angespannte Verhältnisse sehr leicht dazu führen, dass es auch insgesamt ein angespanntes Verhältnis gibt. Wir haben in der Schuldnerberatung schon Geschichten gehört, wonach Ehen am Streit ums Geld zerbrochen sind. Unterm Strich würden wir daher eher davon abraten, einen neuen Lebensabschnitt gleich mit Schulden zu beginnen.“
Das Teuerste an Hochzeiten sei mit Abstand die Location, wie Hochzeitsplanerin Sophia von Aspern berichtet. „Wenn man zum Beispiel mit 60 Gästen feiert, kostet die Location häufig schon 12.000 Euro“, sagt sie. Viele Hamburger zieht es deshalb für ihre Feier aufs Land – so auch Svea R. und Aaron B., die ihrem großen Tag bereits voller Vorfreude entgegenblicken. Schließlich kostet die Liebe nichts – nur der Ort, an dem man sie feiert, ein kleines Vermögen.