Hamburgs dreckigstes Quartier?! Sofas im Vorgarten, Vitrinen und Müll auf der Straße

Phönix-Viertel voller Müll: Neben den Tonnen sammeln sich kaputte Flaschen, Fahrradgerippe und Eierpappen.
Müllproblem im Phönix-Viertel: Neben den Tonnen sammeln sich kaputte Flaschen, Fahrradgerippe und Eierpappen.

Von einer „extremen Sperrmüll-Lage“ berichten Senatsvertreter im Umweltausschuss. Die Polizei bezeichnet die tägliche Müllanhäufung sogar schon als „destabilisierendes Phänomen“. In einem Hamburger Viertel muss die Müllabfuhr zweimal täglich mit dem Presswagen anrücken, um illegal entsorgte Sofas, Regale und mehr wegzuschaffen. Sogar vor einer Kita stapelt sich der Unrat, Anwohner sprechen von Ratten, der Müll ist omnipräsent, sogar Tierkadaver wurden schon gefunden. Dabei tut die Stadt schon einiges, um das Problem in den Griff zu bekommen. Doch sie kämpft auf verlorenem Posten.

Direkt neben dem Eingang eines modernen Mietshauses mit schönem Zaun liegt im Vorgarten ein schwarzes Kunstleder-Sofa plus Sessel. Es ist teils schneebedeckt. Auf der anderen Seite der Haustür sammelt sich kleiner Müll, einiges davon in Tüten. Daneben am Straßenrand lehnt eine Wohnzimmer-Vitrine an einem Baum, das Glas liegt zerschlagen am Boden.

Phoenix-Viertel Müll
Phoenix-Viertel: In Vorgärten und auf der Straße liegen Sofas und Schränke.

An jedem beliebigen Tag im Winter wie im Sommer lässt sich bei einem Rundgang durch das Phoenix-Viertel in der Harburger Innenstadt an allen Ecken solcher Sperrmüll finden. Offenbar laden Bewohner des kleinen Quartiers, in dem offiziell nur 9500 Menschen wohnen, diesen einfach am Straßenrand ab, wenn etwas kaputt ist oder sie ein neues Sofa bestellt haben. Auch anderer Müll häuft sich, teils liegen Berge von Flaschen und Verpackungen direkt neben den Tonnen und städtischen Mülleimern. Sogar vor einer Kita türmt sich der Abfall.

Phoenix-Viertel Harburg: Überall Sperrmüll illegal entsorgt

Dabei ist die Müll-Verwahrlosung längst vom Bezirk und auch von der Polizei als großes Problem erkannt worden. In einem Papier des Bezirks ist von einem „sofortigen Handlungsbedarf“ die Rede wegen „der Kriminalität, Vermüllung und der prekären Wohnverhältnisse“ im Gebiet. Das Stadtteilgremium Phoenix-Viertel hat sich bereits mehrfach damit auseinandergesetzt, denn immer mehr Menschen ziehen schon wegen des Mülls weg aus dem Gebiet, was für eine weitere Destabilisierung sorgt.

Müll Phoenix-Viertel: Kleidung, Essensreste und mehr. Wo etwas liegt, kommt noch was dazu.
Müll im Phoenix-Viertel: Kleidung, Essensreste und mehr. Wo etwas liegt, kommt noch was dazu.

Für viele Menschen dort ist der Müll eine große Belastung im Alltag. Eine ältere Frau berichtet der MOPO von Ratten in den Hinterhöfen, die von achtlos weggeworfenen Lebensmittelresten angezogen werden und sich munter vermehren. Gerufene Schädlingsbekämpfer würden auf verlorenem Posten arbeiten. Bei einem Wohnhaus, das mittlerweile wegen Insolvenz unter städtischer Zwangsverwaltung steht, brechen Süchtige immer wieder die Tore zum Innenhof auf, konsumieren dort ihre Drogen und hinterlassen Müll und Exkremente.

Stadtreinigung Hamburg: Phoenix-Viertel ist ein Hotspot

„Das Phoenix-Viertel ist für uns ein Hotspot“, sagt die Sprecherin der Stadtreinigung, Anna-Maria Jeske. Das kostet die Stadt auch richtig viel Geld. „Zehn Mitarbeitende sind dort für die Regelreinigung eingeteilt“, so Jeske. „Sie sind mit zwei Pritschenwagen, einer Großkehrmaschine und zwei Gerätekehrmaschinen unterwegs.“

Extra für das Phoenix-Viertel wurde im Vorjahr sogar noch eine zweite Kehrmaschine beschafft. Und: Die Stadtreinigung hat eine Kümmerin eigens für das Phoenix-Viertel im Einsatz! Auch die Waste Watcher sind dort regelmäßig vor Ort.

Phoenix-Viertel: Bei zwei Sperrmüllaktionstagen konnten Anwohner Müll vorbeibringen.
Im Phoenix-Viertel: Bei zwei Sperrmüllaktionstagen konnten Anwohner kostenlos ihren Müll vorbeibringen.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtreinigung kein einfacher Job. Ständig müssen sie den Müll auf Straßen und in Ecken zusammensuchen, den andere hinterlassen haben. Darunter schwere Lattenroste und Kommoden, Dämmmaterial in Säcken, aber auch viel Ekligeres.

Frauen fühlen sich nicht sicher

„Im Sommer lagen mal tote Lämmer herum, das hat gestunken“, berichtet eine Müllkutscherin. Sie fährt nicht gern ins Problemviertel, viele fühlen sich nicht wirklich sicher und ihnen ist teils mulmig, wie zwei Frauen in einem Bericht des NDR schildern.

Das Quartiersmanagement hat gerade gemeinsam mit Anwohnern zum zweiten Mal einen „Sperrmülltag“ im Phoenix-Viertel organisiert. An diesen Tagen konnten Anwohner ihren Sperrmüll kostenlos zum Hermann-Krüger-Platz bringen, wo die Stadtreinigung ihn abholte. Ein sehr engagierter Bewohner hatte sich intensiv darum bemüht und vieles organisiert. Die Kosten von rund 1000 Euro pro Termin wurden aus dem Topf des Stadtteilgremiums bezahlt.

Die Stadtreinigung hat zehn Mitarbeitende für die Reinigung des Phoenix-Viertels.
Die Stadtreinigung beschäftigt zehn Mitarbeitende allein für die Reinigung des Phoenix-Viertels.

Der Quartiersmanager Lukas Gehring wirbt in der Einladung zum Sperrmülltag aber auch um Verständnis für die Müllsünder: „Wir erleben immer wieder, dass die Entsorgung für manche Haushalte zu hochschwellig ist – etwa wegen fehlender Transportmöglichkeiten oder fehlender Informationen.“

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Wer in Hamburg Sperrmüll loswerden will, der muss ihn entweder selbst zum Recyclinghof bringen, oder die Abfuhr anmelden und bezahlen. Das kostet zwischen 35 und 50 Euro – wer es eilig hat, weil das neue Sofa schon vor der Tür steht, der zahlt noch 95 Euro obendrauf. Das ist viel Geld für Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben.

Oftmals haben sie auch keine Gelegenheit, die Möbel bis zur Abholung in der Wohnung zu lassen oder in einem Keller unterzubringen. Denn laut Bezirk leben im Phoenix-Viertel 20.671 Einwohner je Quadratkilometer – der Hamburger Durchschnitt liegt bei 2.507 Einwohnern pro Quadratkilometer. Andere verdichtete Stadtteile wie Hoheluft-West haben 18.000 Menschen pro Quadratkilometer. Allerdings sind dort die Wohnverhältnisse deutlich besser.

Überdurchschnittlich viele Menschen sind auf staatliche Hilfe angewiesen. Soziale Initiativen berichten schon seit Jahren von einer Verschlechterung der Lebensverhältnisse, die zu Perspektivlosigkeit führt und einer weiteren Destabilisierung der sozialen Strukturenim Quartier.

Von einer „extremen Sperrmüll-Lage“ berichten Senatsvertreter im Umweltausschuss. Die Polizei bezeichnet die tägliche Müllanhäufung sogar schon als „destabilisierendes Phänomen“. In einem Hamburger Viertel muss die Müllabfuhr zweimal täglich mit dem Presswagen anrücken, um illegal entsorgte Sofas, Regale und mehr wegzuschaffen. Sogar vor einer Kita stapelt sich der Unrat, Anwohner sprechen von Ratten, der Müll ist omnipräsent, sogar Tierkadaver wurden schon gefunden. Dabei tut die Stadt schon einiges, um das Problem in den Griff zu bekommen. Doch sie kämpft auf verlorenem Posten.