Hamburg

Hamburgerin landet vor Toten-Hosen-Konzert im Rollstuhl –  Veranstalter stellt sich quer

Frau sitzt mit Gitarre zwischen zwei Lautsprechern im Wohnzimmer.
Heike David (60) ist Musik- und Tote-Hosen-Fan.

Mit 60 erfüllt sich Heike David ihren Konzerttraum bei den Toten Hosen. Doch eine Krankheit bringt sie in den Rollstuhl – und der Veranstalter hilft ihr nicht.

HNPP heißt die extrem seltene Krankheit, die den Alltag von Heike David aus Kirchwerder seit ihrem 17. Lebensjahr einschränkt, seit einigen Jahren sogar schwer. Ihre Freude am Leben hat sie dennoch nicht verloren – und besonders nicht die Vorfreude auf das Abschiedskonzert der Tour „Trink aus! Wir müssen gehen“ der Toten Hosen in Hamburg am 27. August, für das sie im vergangenen Jahr Karten ergattern konnte. Doch ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich, langes Stehen ist nicht mehr drin. Ihr Wunsch nach einem Platz auf dem Rollstuhlpodest bleibt laut Veranstalter und Band-Management jedoch unerfüllt.

Die MOPO trifft Heike David und ihren Lebensgefährten in ihrer Wohnung im südlichsten Hamburger Stadtteil nahe des Zollenspieker Deichs. Dass sie ein riesiger Fan der Toten Hosen ist, sieht man nicht auf den ersten Blick. Sie war nie der Typ für Band-Shirts oder – um Gottes Willen – Poster. Aber ein paar alte CDs hat sie da und präsentiert sie stolz: Fan ist David seit Veröffentlichung der Single „Hier kommt Alex“, da war sie 22.

Im Rollstuhl gelandet: Heike David wird vom Veranstalter abgewiesen

Sechs Jahre vor der Entdeckung ihrer absoluten Lieblingsband erhielt Heike David eine ernüchternde Diagnose. „Ich musste viele schmerzhafte Tests über mich ergehen lassen“, berichtet die 60-Jährige. Mit der Bezeichnung HNPP konnte sie dann erst einmal nicht viel anfangen – die Krankheit betrifft heute Schätzungen zufolge eine von 20.000 bis 50.000 Personen weltweit, wobei sie oft und lange unerkannt bleibt, weil die Ausprägungen sich unterscheiden. Bei Heike David führt die Nervenkrankheit zu Schmerzen und Erschöpfung. Die Krankheit verläuft in Schüben – und führte seit dem letzten Anfall dazu, dass Heike David nur noch maximal eine Stunde stehen kann. Zu wenig für ein Toten-Hosen-Konzert.

„Steh auf, wenn du am Boden bist“ ist ein Song der Punk-Band, der Heike David bereits in schweren Stunden geholfen hat. „Ich habe meine gute Stelle bei der British American Tobacco nach einem Zusammenbruch im Jahr 2012 verloren“, erzählt die 60-Jährige. Seitdem konnte sie nur noch kleinere Jobs annehmen, bis sie schließlich komplett in die Grundsicherung und Erwerbsminderungsrente rutschte.

Sie ist sich sicher: „Ich hätte auch Anspruch auf ein Sozialticket für das Konzert gehabt. Aber ich hatte technische Probleme beim Ticketkauf und wollte unbedingt auf die Abschiedstour, deshalb habe ich dann ein teures gekauft.“ Seit einigen Wochen weiß David, dass sie beim Konzert auf der Trabrennbahn Bahrenfeld auf den Rollstuhl angewiesen sein wird. „Ich habe mich an den Veranstalter und das Management der Toten Hosen gewandt“, sagt sie. „Da wurde ich aber nur kurz und knapp mit der Begründung abgewiesen, dass nicht genügend Rollstuhlplätze zur Verfügung stehen.“

Veranstalter reagiert: Rollstuhlpodest ausverkauft

Heike David fühlt sich nicht gesehen und hätte sich mehr Empathie gewünscht. Auf MOPO-Anfrage antwortet der Veranstalter FKP Scorpio: „Selbstredend hätten wir Frau David sehr gerne noch einen Rollstuhlplatz auf dem Podest ermöglicht.“ Doch die Fläche sei begrenzt und genau wie das gesamte Konzert seit Langem restlos ausverkauft. Der kurzfristige Wunsch habe sich deshalb nicht mehr erfüllen lassen. „Das tut uns leid, aber diese Entscheidung ist für eine sichere Veranstaltung und die berechtigten Interessen anderer Menschen, die das Podest nutzen, leider unumgänglich“, sagt Sprecher Jonas Rohde.

Auch die für die Tournee beauftragte Initiative „Barrierefrei Feiern“ verweist auf die knappen Kapazitäten. Das Rollstuhlpodest sei Gästen mit entsprechendem Ticket vorbehalten. „Wir verstehen natürlich, dass dieser erhöhte Bereich besonders nachgefragt ist. Wir können jedoch an der Kapazitätenplanung der Spielstätte nichts ändern und haben bereits jeden Zentimeter barrierefreie Fläche sinnvoll ausgeschöpft“, sagt Sprecherin Elnaz Amiraslani.

Keine generelle Absage für Konzertbesucher mit Rollstuhl

Ganz ausgeschlossen sei ein Konzertbesuch mit Rollstuhl deswegen aber nicht. Eine generelle Absage habe es nie gegeben, betont Amiraslani. „Selbstverständlich können Gäste mit medizinisch notwendigen Hilfsmitteln wie Rollstuhl, Rollator oder Krücken den ebenerdigen Bereich des Veranstaltungsgeländes dennoch besuchen.“ Lediglich die vorderen Bühnenbereiche seien aus Sicherheitsgründen und auf Grundlage behördlicher Vorgaben mit solchen Hilfsmitteln nicht zugänglich.

Das Konzert sei zudem von Anfang an als Stehveranstaltung verkauft worden. Sitzplätze gebe es im Gastronomiebereich, außerdem sei ein Awareness-Team für individuelle Anliegen vor Ort. Man bemühe sich, im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten passende Lösungen für Menschen mit Behinderung zu finden. Mit Heike David werde die Initiative nun direkt Kontakt aufnehmen.

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