Hamburger Supermarkt mit besonderem Konzept: So entspannt war einkaufen noch nie
Für eine Stunde wird es im „Edeka Müller“ ganz still. Keine Musik schallt durch die Lautsprecher, keine Ware wird verräumt, gedimmtes Licht. Und das zweimal die Woche. Die Inhaberin Inga Müller (48) erklärt der MOPO, was es mit dem Konzept auf sich hat – und wie die Kundschaft reagiert.
Donnerstags wird es im „Edeka Müller“ in der Fuhlsbüttler Straße 188 (Barmbek) ab 17 Uhr leise. Die Musik wird ausgeschaltet. Das ist das Zeichen für das Personal, das Verräumen der Waren zu unterbrechen. Nach und nach schieben sie ihre Wagen aus den Regalreihen, die Pieptöne an den Kassen werden auf leise geschaltet, das Licht gedimmt.
Plötzlich sprechen alle Menschen nur noch mit flüsternder Stimme oder stellen die Unterhaltungen ganz ein. Jetzt wird deutlich, wie laut es in einem Supermarkt normalerweise ist. Eine völlige Reizüberflutung – genau das zu reduzieren, ist das Ziel der „Stillen Stunde“. Die findet seit Jahresanfang nicht nur donnerstags, sondern auch jeden Dienstag von 11 bis 12 Uhr statt. „Der Supermarkt soll inklusiver werden“, erklärt die Inhaberin Inga Müller (48), gelernte Kauffrau im Einzelhandel.
Inhaberin: Menschen mit Autismus sollen sich „auch mal einen Joghurt aussuchen“ können
Denn bei der Aktion geht es darum, dass auch Menschen mit Autismus einkaufen können. Häufig können diese nämlich Supermärkte nicht betreten, da die schiere Überflutung an Reizen sie unter Druck setzt. Für viele nicht zum Aushalten. Aber, sagt Inga Müller: „Zu einem freien Leben gehört dazu, sich frei bewegen zu können.“
Inga Müller hat von einer ähnlichen Aktion im Ausland gelesen und sich entschieden, das auch in ihrem Supermarkt einzuführen. Auch in Deutschland gibt es noch mehr Supermärkte, die ähnliche Konzepte austesten. Sie sprach mit einer Bekannten, die ein Kind mit Autismus hat. „Die hat erzählt: Sie möchte einfach mal ihr Kind in den Laden mitnehmen, damit es sich einen Joghurt aussuchen kann. Aber in einem normalen Supermarkt mit Lärm und Reizüberflutung geht das einfach nicht.“
Selbst die Maßnahmen bei Inga Müllers Supermarkt reichen wahrscheinlich noch nicht für alle aus. „Eigentlich müssten wir auch unsere Bildschirme ausschalten, aber da scheitert es bisher noch an der technischen Umsetzung“, sagt Inga Müller der MOPO. „Bisher wird auch das Radio noch per Hand ausgeschaltet, das alles ist durchaus aufwendig.“
Ungeahnte Probleme: Jetzt haben Sehbeeinträchtigte Schwierigkeiten
Die Inklusionsmaßnahme führte bei der Einführung zu ungeahnten Problemen. „Wir haben eine Klingel am Eingang, die auch mit Blindenschrift markiert ist. Wer klingelt, wird während der kompletten Öffnungszeiten von unseren Mitarbeitern durch den Laden geführt, sie helfen dann sehbeeinträchtigten Menschen beim Einkauf.“ Während der „Stillen Stunde“ gab es schon Beschwerden: Da das Licht gedimmt wurde, können manche Menschen dann schlechter sehen. Da muss Inga Müller gezwungenermaßen Prioritäten setzen: „Es ist ja nur für zwei Stunden in der Woche, da müssen die betroffenen Menschen dann leider zu einer anderen Zeit einkaufen.“
Auf Facebook gab es laut Inga Müller am Anfang ein paar Autismus-feindliche Kommentare, insgesamt seien die Rückmeldungen aber gut. Auch für viele Kund:innen ohne Autismus scheint die Stille beim Einkauf eine Wohltat zu sein, so bekommt es Inga Müller mit. Komplett abschaffen will sie die Musik im Laden aber doch nicht. „Die Musik gehört zur Atmosphäre. Auch für die Motivation der Mitarbeiter ist die Hintergrundmusik wichtig.“
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Sie könnte sich vorstellen, die musikfreie Zeit zumindest noch zu verlängern. „Längere Verräumpausen sind aber leider nicht möglich. Die Menschen haben kein Verständnis, wenn wir sie vor leeren Regalen stehen lassen.“