Hamburger SPD-Mann: Als „Gastarbeiter“ ließen meine Eltern ihr Leben
Vor 70 Jahren, am 20. Dezember 1955, unterzeichnete die Bundesrepublik Deutschland ihr erstes Anwerbeabkommen für „Gastarbeiter“ – mit Italien. Es folgten ähnliche Verträge mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Portugal und Jugoslawien. Viele blieben. Kazim Abacis (60) Eltern starben infolge ihrer Arbeit in den Kap-Asbest-Werken – er stieg zum Bürgerschaftsabgeordneten auf.
Was ist aus den ehemaligen sogenannten „Gastarbeitern“ geworden? Fünf von ihnen bzw. ihre Nachkommen erzählen aus ihrem Leben. Geschichten, die von Trennung und Aufbruch handeln, von Diskriminierung und Aufstieg, von verlorener Kindheit und neu gefundener Heimat.
Kazim Abaci (60), ehemaliger SPD-Bürgerschaftsabgeordneter, ist eine der populärsten Figuren der Hamburger Stadtpolitik. Er wurde durch die Großdemo „Hamburg steht auf“ im Januar 2024 bekannt, die er mitorganisierte. 180.000 Menschen gingen gegen die AfD auf die Straße.
Abaci, Volkswirt und Gründer des Vereins „Unternehmen ohne Grenzen“, hilft Migranten bei der Existenzgründung und meint: „Indem ich Menschen bei der wirtschaftlichen Eingliederung helfe, kann ich den abstrakten Begriff ,Integration‘ mit Leben füllen.“
Abaci, der selbst Sohn von „Gastarbeitern“ ist, sagt: „Der Wohlstand der Bundesrepublik beruht zu einem nicht geringen Teil auf der Leistung von Migranten. Bis heute hat Hamburg die Leistungen der Migranten nie angemessen gewürdigt. Ich vermisse sehr, dass die Migration auch Thema in deutschen Geschichtsbüchern ist. Wenn wir Rechtsextremismus und Rassenhass bekämpfen wollen, dann müssen wir den jungen Menschen sagen, welche Opfer Einwanderer für dieses Land gebracht haben.“
Abacis Eltern starben infolge ihres Knochenjobs
Dafür sind Abacis Eltern ein beredtes Beispiel: Elif und Veysel Abaci verließen 1969 ihr türkisches Dorf Büyük Örtülu, um als „Gastarbeiter“ in Hamburg zu arbeiten. Für einen Stundenlohn von neun Mark arbeiteten sie in den Kap-Asbest-Werken in Bergedorf, waren den Asbestfasern, von deren Gefährlichkeit sie nichts wussten, weitgehend schutzlos ausgesetzt.
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Als sie 1990 von der Rückkehrprämie der Regierung Helmut Kohl Gebrauch machten und in die Türkei gingen, waren sie noch gesund. Zuerst erkrankte Elif Abaci. Sie starb 1996 an Krebs. 2012 erlag ihr Ehemann Veysel einer Asbestose-Erkrankung.