Hamburger Serienausreißer: Wenn Kinder immer wieder verschwinden
Mehr als zwei Wochen lang war sie verschwunden, niemand wusste, wo Aaliyah Jolie F. sich aufhielt. Am 29. Dezember veröffentlichte die Polizei eine Vermisstenanzeige. Silvester feierte die 13-Jährige aus Wilhelmsburg ohne ihre Familie, auch über ihren Geburtstag im Spätsommer wurde sie vermisst. Es ist das neunte Mal, dass in den vergangenen zwei Jahren öffentlich nach dem Mädchen gesucht wurde.
Aaliyah sehe deutlich älter aus, heißt es in der Vermisstenmeldung, sie könne als 19-Jährige durchgehen. Aber das ist sie nicht. Sie ist erst 13, ein Kind, das nicht einfach tagelang verschwinden dürfte.
Wie kann das immer wieder passieren – trotz Polizei, Jugendamt und öffentlicher Fahndungen?
Kinder werden nur in ganz bestimmten Fällen aus der Familie geholt
Kinder werden nur aus ihren Familien geholt und gegen den Willen der Eltern untergebracht, wenn sie akut gefährdet sind, etwa bei Verdacht auf Missbrauch, körperliche Gewalt oder Vernachlässigung. Nur weil ein Kind mehrfach wegläuft, kann es der Familie nicht einfach weggenommen werden. Aus gutem Grund, wie Martin Rietz sagt, Jugend- und Sozialdezernatsleiter im Bezirk Hamburg-Mitte. Der Beziehungsabbruch zu den Eltern sei ein immenser Einschnitt, der Kinder ein Leben lang prägt. Das Leben in einer geschlossenen Jugendeinrichtung sei für eine 13-Jährige wie Aaliyah Jolie „faktisch Knast“.
Die familiären Probleme seien mit einer Unterbringung keinesfalls gelöst, auch das Serienausreißer-Problem nicht: Auf der einen Seite gibt es Aaliyah, die von ihrer Familie abhaut. Auf der anderen Seite gerade eine andere Hamburger Dauerausreißerin, die aus einer Unterbringung zurück zu ihrer Familie läuft, weiß Rietz.
Das Gefühl von: „Ich muss hier raus“
Alles beginnt laut Rietz typischerweise mit dem einfachen Gefühl von: „Ich muss hier raus!“ In der Pubertät komme es häufiger zu solchen Kurzschlussreaktionen – im Zwiespalt zwischen Abhängigkeit und Selbstständigkeit.
Wenn Kinder zum ersten Mal weg sind und öffentlich nach ihnen gesucht wird, erleben sie, wie viele Menschen sich plötzlich kümmern. „Die Kinder bekommen maximale Aufmerksamkeit“, sagt Rietz.
Aaliyah Jolie war schon mehrfach tagelang verschwunden. Teils wurde sie mehr als 200 Kilometer von zu Hause entfernt gefunden, in Berlin oder Bremerhaven. „Die Jugendlichen können sich überall verstecken“, erklärt Rietz, bei anderen Familienangehörigen, Freunden oder an öffentlichen Orten.
Serienausreißer wie Aaliyah sind die Ausnahmen
Solche Serienausreißer seien indes die Ausnahme – weniger als ein Prozent der Fälle. Häufig müsste es gar nicht erst so weit kommen, wenn die Hemmschwelle niedriger wäre, sich ans Jugendamt zu wenden: „Viele denken, wir nehmen nur Kinder weg“, sagt Friedhelm von Czettritz und Neuhaus von der Jugend- und Familienhilfe. „Dabei sind mehr als 80 Prozent unserer Maßnahmen freiwillige Unterstützungen.“
Früher habe es ein viel größeres soziales Netzwerk aus Großeltern, Geschwistern oder Nachbarn gegeben, das in Konfliktsituationen vermitteln konnte. Heute sind Eltern immer öfter auf sich allein gestellt. „Diese Lücke professionell aufzufangen, ist schwierig“, so von Czettritz und Neuhaus.
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Aaliyah Jolie wurde am Donnerstag nach langer Suche gefunden. Einsatzkräfte der Bundespolizei trafen sie wohlbehalten in einem Zug in Schleswig-Holstein an und nahmen sie daraufhin in Gewahrsam. Zum neunten Mal landet sie wieder dort, wo sie offenbar nicht bleiben will: zu Hause, bei ihrer Familie.