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Hamburger Schura-Chef: „Sechs große, neue Moscheen für Hamburg wären schön“

Daniel Abdin bei seinem MOPO-Besuch. Er ist Vorsitzender des Islamischen Zentrums Al-Nour e.V. und der Schura Hamburg und Mitglied des Bezirksintegrationsbeirats Hamburg Mitte.

Daniel Abdin bei seinem MOPO-Besuch. Er ist Vorsitzender des Islamischen Zentrums Al-Nour e.V. und der Schura Hamburg und Mitglied des Bezirksintegrationsbeirats Hamburg Mitte.

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Quandt/ Florian Quandt

Horn -

Er hat gerade in Horn eine ehemalige Kirche in eine Moschee verwandelt: Daniel Abdin ist Vorsitzender der Schura, des Rates der islamischen Gemeinden in Hamburg. Im Interview erklärt er, warum Hamburg mehr große Moscheen braucht, weshalb die Islamisierung des Abendlandes ein Hirngespinst ist und warum Kriminelle auch nach Syrien abgeschoben werden sollten.

MOPO: Sie haben eine ehemalige Kirche in eine Moschee verwandelt. Ist das die von vielen befürchtete Islamisierung?

Abdin: Ich habe nie vorgehabt, eine Kirche in eine Moschee umzuwandeln. Das war eine Notsituation, es muss eine Ausnahme bleiben. Als Freund der Kirche möchte ich, dass die Kirchen Kirchen bleiben. Wir Muslime brauchen aber definitiv sichtbare, transparente Moscheen, wo wir als Teil der Gesellschaft auch sichtbar werden.

Die frühere Kapernaumkirche wurde fünf Jahre lang zur Al-Nour-Moschee umgebaut.

Die frühere Kapernaumkirche wurde fünf Jahre lang zur Al-Nour-Moschee umgebaut.

Foto:

Florian Quandt/

Wie viele große neue Moscheen bräuchte Hamburg denn?

Wir haben in der Schura 37 Moscheegemeinden. Viele davon in Hinterhöfen, Läden, Tiefgaragen. Wenn wir fünf, sechs größere, transparente, sichtbare Moscheen hätten, wäre das schön. Dann wären wir endlich das Hinterhofmoscheen-Image los. Was der Mensch nicht kennt, das fürchtet er. Deshalb haben wir beim Projekt Kapernaumkirche alle von Anfang an einbezogen.

Warum soll das dann trotzdem eine Ausnahme bleiben?

Nach dem Kauf hatte ich zum Teil schlaflose Nächte, ob wir die Gefühle christlicher Mitbürger verletzen. Wir wollen die Menschen miteinander verflechten und nicht provozieren. Jede weitere umgebaute Kirche wäre ein falsches Signal in die Gesellschaft. Populisten hätten Feuer, von der Islamisierung der Kirchen zu reden.

Unbekannte haben Beleidigungen an die Fassade der Moschee geschmiert.

Unbekannte haben Beleidigungen an die Fassade der Moschee geschmiert.

Foto:

RUEGA

Warum genau hatten Sie schlaflose Nächte? Hatten Sie Angst?

Nein, gar nicht. Selbst der Schmieranschlag zuletzt – so etwas beunruhigt mich nicht. Ich bin überzeugt, dass wir in einer gesunden Gesellschaft leben. Natürlich gibt es Radikale, egal welcher Couleur. Aber wir als demokratische und aufgeklärte Gesellschaft sind mehr.

Welche Radikalen meinen Sie jetzt?

Rassisten, Islamophobe, Islamisten. Wenn Menschen mit Muslimen nichts zu tun haben, ihr Wissen nur aus Medien beziehen. Wenn die dann sehen, dass in Syrien, im Irak irgendwelche Leute im Namen des Islam andere Menschen umbringen, das macht ihnen Angst. Aber für die meisten Muslime sind das Mörder und Barbaren keine Muslime. Wir sind Hamburger Muslime, wir sind deutsche Muslime, hier ist unser Land. Dieses Bewusstsein müssen wir weiterentwickeln. Wir sollten auch keine Auslandskonflikte nach Deutschland holen. Muslime, die hier körperlich anwesend sind, aber geistig woanders – das ist falsch und dadurch stagniert die Integration.

Der Erdogan-Besuch hat gerade wieder gezeigt, wie ausländischer Einfluss auf Muslime hier die Gesellschaft spalten kann. Wie lässt sich das verhindern?

Aufklärung! Ich versuche, als Beispiel zu fungieren. Ich bin nicht in Deutschland geboren. Aber: Ich bin deutscher Staatsbürger. Hier ist meine Heimat! Und dieses Gefühl wünsche ich mir für alle Menschen. Dennoch muss in der Gesamtgesellschaft, das Bewusstsein entwickelt werden, dass die Muslime ein Teil dieser Gesellschaft sind. Man darf Religion und Nationalität nicht miteinander vermischen. Nicht jeder Deutsche ist Christ und nicht jeder Muslim ist Ausländer.

Bei ihrer Eröffnung am 26. September war die neue Al-Nour-Moschee gut gefüllt.

Bei ihrer Eröffnung am 26. September war die neue Al-Nour-Moschee gut gefüllt.

Foto:

dpa

Sie haben gesagt, Deutschland sei in guter Verfassung. Dabei tobt gerade eine Diskussion um das Erstarken der Rechtsextremen. Sehen Sie das entspannter?

Definitiv. Vielleicht bin ich auch einfach ein positiv denkender Mensch. Die Schmierereien an unserer Moschee, Chemnitz, Angriffe auf Moscheen und auf muslimisch aussehende Menschen – natürlich gibt es immer Menschen, die ein Feindbild suchen. Aber 98 Prozent der Muslime sind friedlich, die wollen einfach nur gut und in Frieden leben. Dennoch müssen wir alle als Gesamtgesellschaft Hand in Hand daran arbeiten um unsere Demokratie zu beschützen und den Radikalen keinen Millimeter Platz zu überlassen.

Was machen wir mit den übrigen zwei Prozent?

Das Wichtigste ist Bildung. Das ist nicht immer leicht. Rechtsradikale behaupten, dass wir Muslime Extremisten sind. Und die islamistischen Radikalen sagen uns: ihr seid keine Muslime! Wir versuchen, Menschen auf der Suche nach ihre Identität mitzunehmen und aufzuklären. Überzeugte Radikale jeglicher Art, sind nicht unsere Aufgabe sondern die Aufgabe der Sicherheitsbehörden. Unsere Erfahrung ist, dass die meisten muslimischen Jugendlichen, die sich radikalisieren, gar nichts mit Theologie zu tun haben. Meist ist das ein gesellschaftliches Problem, es geht um Identität, viele fühlen sich diskriminiert und ausgegrenzt. Je häufiger die Diskriminierungserfahrungen sind desto mehr entfremden sie sich von der Gesellschaft. Und dann sagen manche: Ab heute bin ich Muslim, lasse meinen Bart wachsen, ziehe eine Burka an und provoziere damit die Gesellschaft. Meine Hoffnung, meine Prognose ist, dass das eine Rebellion ist wie beispielsweise bei den Marxisten und den Leninisten. Trotzdem darf von den Menschen nicht verlangt werden, sich zu assimilieren. Die Gesellschaft sollte von Vielfalt profitieren.

Müssten sich die Muslime nicht auf lange Sicht auch assimilieren, wie es alle anderen Einwanderergruppen gemacht haben?

Das stimmt so doch nicht. Schauen Sie nach Billstedt, da gibt es einen ganzen Komplex für Russlanddeutsche, da wird nur Russisch gesprochen, gibt“s nur russische Geschäfte. Das ist keine Assimilation.

Die Russlanddeutschen sind aber auch erst seit den Neunzigern hier, die Muslime seit den Sechzigern. Niemand redet etwa über größere Spannungen zwischen Italienern oder Griechen und der Mehrheitsgesellschaft.

Es gibt auch mit den muslimischen Gruppen kaum solche sozialen Spannungen. Es geht immer nur um Religion. Viele Muslime praktizieren ihre Religion. Und das ist für die säkulare Gesellschaft no way! So wie wir die Säkularen respektieren, erwarten wir auch, dass man uns respektiert. Jeder soll glauben was er möchte. Aber im Grundgesetz steht, dass jeder ein Recht auf die eigene Entfaltungs-und auf Religionsfreiheit hat. Und wenn wir uns danach richten, dann müssen wir das doch tolerieren. Das Geheimnis der Demokratie ist nicht, dass immer alle der gleichen Meinung sind, sondern dass wir verschiedener Meinung sein können, aber uns mit entsprechenden Respekt begegnen.

Daniel Abdin im Gespräch mit Mathis Neuburger und Kristian Meyer (v.l.)

Daniel Abdin im Gespräch mit Mathis Neuburger und Kristian Meyer (v.l.)

Foto:

Quandt/ Florian Quandt

Amen! Aber noch mal: Ist Assimilation wegen des Glaubens schwieriger?

Muss ich Bratwurst essen, um Deutscher zu sein? Assimilation wäre wirklich: alles abzulegen. Ich bin nicht als Deutscher geboren, aber ich fühle mich als Deutscher. Wenn ich im Libanon bin, wo ich geboren bin, fühle ich mich fremd dort. Aber ich habe trotzdem von dort bestimmte kulturelle Eigenschaften mitgebracht. Warum muss ich mich jetzt z.B. wie Herr Neuburger anziehen?

Keine Sorge, das müssen Sie nicht! Aber haben ihre Kinder noch eine libanesische Identität?

Nein, nein. Die sind gebürtige Hamburger. Und wir sind Bürger dieses Landes. Ich bin im Libanon geboren, meine Mutter ist Jordanierin, ich bin sunnitisch, offen und tolerant erzogen. Meine Frau ist halb Iranerin, halb Armenierin, halb Schiitin, halb armenisch-orthodox. Zu Hause sprechen wir deutsch. Wir bilden eine kleine Hamburger Gesellschaft zu Hause: Multikulturell, multireligiös und multilingual. Es ist traumhaft schön. Und meine Kinder sind Hamburger. Durch und durch.

Die muslimische Gemeinde wächst und – was ja auch ein Zeichen von Integration ist – Muslime wollen mehr mitbestimmen. Was bedeutet das konkret?

Ich hoffe, dass die Muslime, wenn sie sich wirklich als ein Teil dieser Gesellschaft sehen, dass sie in allen Sparten mitreden wollen und können. Man kann einem Menschen ja nicht aufgrund seines Glaubens verbieten sich einzumischen und sowohl politisch als auch gesellschaftlich teilzuhaben. Dass die Kirche Mitglieder verliert, betrachten wir übrigens selbst mit Sorge. Für uns als Gläubige ist die Kirche so wichtig wie die Synagoge. Das hat nicht mit den Muslimen sondern mit der Säkularisierung zu tun. Auch bei uns ist das so. In Hamburg gibt es bestimmt ganz viele säkulare Muslime.

Sonst wären Ihre Moscheen noch voller, ja.

Die These, dass die Muslime das Abendland islamisieren, ist jedenfalls absoluter Quatsch. Wir sind eine Minderheit.

Sie hatten ja vorhin gesagt, Hamburg bräuchte fünf, sechs repräsentative Moscheen. Wo könnten die stehen, gibt es Stadtteile, die Sie im Blick hätten?

Im Moment konzentriert sich alles auf St. Georg. Es wäre nicht schlecht, wenn im ganzen Stadtgebiet verteilt Moscheen stünden. So würde auch der Druck auf St. Georg nachlassen.

Bisher ist es ja so, dass große Moscheen aus dem Ausland finanziert wurden, ihre zum Beispiel aus Kuwait. Warum?

Zunächst, weil wir in Deutschland nicht den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts haben. Das heißt, wir können keine Kirchensteuer/Moscheesteuer einziehen. Wir finanzieren uns über Spenden. Die Finanzierung von 1,1 Millionen Euro war nicht an Bedingungen geknüpft. Nur eine Tafel sollte dort stehen, dass der Staat Kuwait die Moschee unterstützt hat.

Moschee in Horn

Früher Kirche, jetzt Moschee: Am 26. September wurde die offizielle Eröffnung gefeiert.

Foto:

dpa

Jetzt haben Sie die schönste Moschee der Stadt. Sind die anderen Gemeinden neidisch?

Also bisher gab es nur Lob. Ich finde es großartig, dass die Stimmung so gut ist. Die Geschichte zeigt: Bisher wurden Kirchen in Moscheen und umgekehrt Moscheen in Kirchen nur durch Kriege umgewandelt. Und meine ist die erste, die durch friedlichen Dialog umgewandelt wurde. Und das macht mich stolz!

Und die Imame, wo kommen die her?

Die müssen aus der deutschen Gesellschaft kommen, dafür machen wir viel, aber das geht nicht von heute auf morgen.

Wie bewerten Sie Deutschlands Rolle in der Flüchtlingskrise? Deutschland hat eine großartige Rolle gespielt. Natürlich gibt es unter den Geflüchteten auch Scharlatane, nicht integrationswillige, Kriminelle. Aber das gibt es doch überall.

Was sollte man mit denen machen?

Im Ernst: Wer kriminell ist, der gehört abgeschoben!

Auch nach Afghanistan oder nach Syrien?

Auch das. Wir öffnen die Arme für die Menschen und gewähren ihnen jegliche Hilfe. Deshalb würde ich sagen: Wer das Hausrecht hier nicht respektiert, wird nach Hause geschickt. Aber die anderen, die können eine Bereicherung für uns sein.