Hamburger Schneider kämpft jahrelang – jetzt wird sein Handwerk Kulturgut
Fast 900 Jahre Tradition, viel Handarbeit und noch mehr Geduld: Das Herrenschneiderhandwerk ist jetzt offiziell immaterielles Kulturerbe in Deutschland. Ein Hamburger Schneider hat dafür jahrelang gekämpft.
Für Sandro Dühnforth ist es ein großer Moment. Der Hamburger betreibt in St. Georg eine Herrenschneiderei und ist Vorsitzender der Deutschen Vereinigung „Die Herrenschneider“. Jahrelang setzte er sich dafür ein, dass sein Handwerk als Kulturgut anerkannt wird – jetzt hat es tatsächlich geklappt. Die Herrenschneiderei wurde in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Herrenschneider sorgt dafür, dass das Handwerk von der UNESCO aufgenommen wird
In der Begründung der Deutschen UNESCO-Kommission für die Aufnahme, die der MOPO vorliegt, heißt es unter anderem: „Das Herrenschneiderhandwerk positioniert sich klar gegenüber der zunehmenden Vermarktung industrieller Massenware, indem es das Bewusstsein für individuelle Fertigung, tradiertes handwerkliches Können und hohe Qualität stärkt. Mit der Aufnahme wird diese reflektierte und verantwortungsbewusste Haltung gewürdigt.“

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Der Weg dahin war lang. Drei Bewerbungen waren seit 2019 nötig, viele Fragen mussten beantwortet werden. Etwa zur Zukunft des Handwerks und zur Nachwuchsförderung. Oder auch, wie man Frauen den Eintritt in das Handwerk erleichtern kann – obwohl es schon mehr weibliche als männliche Herrenschneider gibt. Die Idee zur Bewerbung kam Dühnforth vor Jahren durch einen Drechsler, dessen Handwerk bereits als Kulturgut anerkannt war. „Da dachte ich mir: Das will ich für die Herrenschneiderei auch“, erzählt er der MOPO.
Schneiderzunft organisierte sich bereits 1152
Dass ihm das Thema so wichtig ist, hat mit der Geschichte seines Berufs zu tun. Die Schneiderzunft organisierte sich bereits 1152 in Hamburg-Harburg. „Unser Beruf ist wie eine Fackel, die seit fast 1000 Jahren weitergegeben wird“, sagt er. Herrenschneider fertigen Anzüge noch in aufwendiger Handarbeit, mit traditionellen Techniken wie der Bügeldressur und der Verarbeitung loser Einlagen – Fähigkeiten, die schwer zu erlernen sind und einen perfekt sitzenden Anzug ausmachen.
Viele Herrenschneider gibt es heute allerdings nicht mehr. Bundesweit schätzt die Zunft nur noch etwa 60 bis 100 Betriebe, in Hamburg „keine Handvoll“. Konkurrenz habe er daher kaum, sagt Dühnforth, der in guten Jahren rund 60 Anzüge fertigt.

Dass die Auftragslage trotzdem gut ist, überrascht ihn nicht. „Je digitaler alles wird, desto größer wird die Sehnsucht nach etwas Echtem und nach persönlichem Austausch“, sagt er. Bei ihm beginne ein Anzugtermin meist erst einmal mit Kaffee und Gesprächen – für viele Kunden sei das wie eine kleine Auszeit vom Alltag.
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Ende März zieht „Dühnforth – Herrenschneider Hamburg“ von der Koppel 66 in die Schmilinskystraße 15 um. Dort wird dann weiter Maß genommen und genäht – jetzt offiziell als anerkanntes Kulturgut.
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