Hamburger Promis über Streitkultur: „Aus jedem Mist wird ein Kulturkampf“
Ob nun Veggie-Wurst, Radweg-Ausbau oder Tempo 30 – viele Debatten laufen heute gleich ab: Empörungswelle, Vorwürfe, verhärtete Fronten. Ein echter, inhaltlicher Austausch bleibt dabei auf der Strecke. Können wir überhaupt noch miteinander reden, ohne dass es sofort knallt? Die MOPO hat bekannte Hamburgerinnen und Hamburger befragt, die wissen, wie sich Streit anfühlt: Menschen, die für ihre Überzeugungen in der Öffentlichkeit einstehen, Anerkennung ernten, aber auch Angriffe aushalten müssen. Sie haben sich Gedanken gemacht. Woran krankt der Austausch? Und was könnte ihn retten? Ihre Antworten zeigen, wie es um den Ton in unserer Stadt heute wirklich steht.
Wer ich bin und was ich mache: Stefan Kruecken, Verleger. Ich äußere mich in Kolumnen und Reportagen, aber auch in den sozialen Medien (Facebook, Instagram) zu allem, was mit dem Meer zu tun hat – und zur AfD, die ich für eine Bedrohung Deutschlands halte. Ihre Hetze gefährdet den gesellschaftlichen Frieden, ihr Diktatoren-Gekuschel unsere Sicherheit und ihre aggressive Dummheit unseren Wohlstand.
Das Problem: Wir verlieren in den Debatten den Fokus darauf, worum es im Wesentlichen geht – die Verteidigung unserer Demokratie. Nebenschauplätze werden zur Hauptsache und aus jedem Mist ein Kulturkampf. Debatten werden schriller und polemischer – auch dies ist eine Folge der AfD.
Wir brauchen: Mehr Fakten, mehr Sachlichkeit, weniger Dauerwallung. Wenn alle schreien, hört niemand mehr irgendwas. Leute wie der Moderator Peter Hahne oder der Publizist Richard David Precht haben Empörung als Geschäftsmodell erkannt: steile Thesen aufstellen, Gegenreaktion beschwören und danach behaupten, man dürfe nichts mehr sagen. Auch das nervt mich.
„Es geht viel zu häufig nur darum, den anderen herabzuwürdigen“
Wer ich bin und was ich mache: Katharina Fegebank (Grüne). Als Zweite Bürgermeisterin bin ich zu allen Themen unterwegs, die Hamburg und die Menschen, die hier leben, bewegen. Insbesondere treibt mich die Frage um, wie wir in Deutschland Frieden und Freiheit erhalten, Zusammenhalt stärken und Extremismus in jeder Form bekämpfen. Als Umweltsenatorin kämpfe ich für mehr Grün und weniger Beton in Hamburg und bin in Sachen Klima- und Umweltschutz sehr aktiv.
Das Problem: Ich erlebe einen sehr großen Unterschied zwischen persönlichem Kontakt im echten Leben und der Auseinandersetzung in den virtuellen Welten. Persönlich ist der überwältigende Teil der Menschen sehr nett und hat Lust zu diskutieren. Virtuell wird kaum diskutiert, es geht viel zu häufig nur darum, den anderen herabzuwürdigen und ihm wahlweise seine Intelligenz, Integrität oder auch Dazugehörigkeit abzusprechen.
Wir brauchen: Wir sollten nicht nur senden, sondern auch mal zuhören. Da sollten wir bei uns Politikern anfangen, denn das ist nicht immer unsere Stärke. Wir brauchen Respekt vor anderen Meinungen und müssen diese auch aushalten, wenn wir sie nicht teilen. Der Austausch der Meinungen und Argumente macht eine Demokratie aus. Wir brauchen aber auch Respekt vor anderen Menschen. Immer gilt: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
„Von Angesicht zu Angesicht ist der Ton weniger aggressiv“
Wer ich bin und was ich mache: Andreas Dressel (SPD). Ich bin Hamburger Finanzsenator. Jede Senatorin und jeder Senator bewegt sehr viele verschiedene Themen. Für mich sticht das Thema Grundsteuer mit Blick auf den Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern besonders hervor. Dazu gab es unzählige Veranstaltungen, Diskussionsrunden, auch digital. Als Bezirkssenator bin ich viel in den Stadtteilen unterwegs, da begegnet einem das pralle bezirkliche Leben und ich stehe gern Rede und Antwort.
Das Problem: Mein Eindruck ist schon, dass der Umgangston im direkten Gespräch von Angesicht zu Angesicht häufig nicht so aggressiv und rau ist wie auf den relativ anonymen sogenannten „sozialen Medien“. Im digitalen Raum verlieren wir allzu oft Maß und Mitte. Das ist ein Thema, was uns alle umtreibt und umtreiben muss.
Wir brauchen: Ich denke, der Schlüssel zum Erfolg ist der Kontakt zueinander, also persönlicher Austausch und Dialog. Wichtig dabei sind natürlich Räume, in denen man sich persönlich begegnen kann, und die Bereitschaft, zuzuhören und den anderen verstehen zu wollen.
„Die Klima-Debatte entfernt sich zunehmend von den Fakten“
Wer ich bin und was ich mache: Klima-Aktivistin Annika Rittmann. Ich setze mich seit 2019 für Klimagerechtigkeit ein. Für mich bedeutet das, auf Demos, in der Politik und (sozialen) Medien Wissen über die Klimakrise und mögliche Lösungen zu vermitteln und eine gerechte und transparente Politik einzufordern, die Menschen einbindet.
Das Problem: Die Debatte entfernt sich zunehmend von den Fakten. Anstatt Lösungen anzubieten, werden auch von demokratischer Seite immer öfter absurde und teils erfundene Szenarien genutzt, um Angst vor Veränderung zu schüren. Das befeuert Politikverdrossenheit und Frust.
Wir brauchen: Wir sollten „false balancing“ hinter uns lassen und Menschen Raum geben, die faktenbasiert und differenziert argumentieren. Nur so können wir positive Geschichten erzählen und gemeinsam angemessene, konstruktive Lösungen für die komplexen Herausforderungen finden.
„Ich wünsche mir Bereitschaft zuzuhören, ohne sofort zu urteilen“
Wer ich bin und was ich mache: Patrick Gensing. Als Sprecher des FC St. Pauli darf ich mich mit Profifußball, Amateursport, Vereinsleben und gesellschaftlicher Verantwortung des Sports beschäftigen; als Journalist analysiere ich kommunikative Dissonanzen und politische Verwerfungen wie Rechtsextremismus, jede Form des Antisemitismus oder LGBTQI*-Feindlichkeit.
Das Problem: Durch die großen Plattformen, die Jagd nach immer mehr Reichweite und die Strategie, Politik und Journalismus „snackable“ zu verhackstücken, wirbeln nur noch Info-Fetzen durcheinander. Wir brauchen mehr Mut zur Komplexität: Gesellschaften sind nie eindeutig, sondern voller Widersprüche – und das ist gut so.
Wir brauchen: Ich wünsche mir Bereitschaft zuzuhören, ohne sofort zu urteilen. Und ich erwarte von Politiker:innen und Medien, sich nicht von vermeintlichen Stimmungen treiben zu lassen, sondern fundierte Haltungen zu entwickeln, handwerkliche Regeln zu beachten und ihrer Verantwortung so gerecht zu werden.
„Extreme emotionalisieren, machen Likes und Spenden“
Wer ich bin und was ich mache: Stevie Schmiedel. Ich bin Autorin, Schriftstellerin, Aktivistin, Feministin, Gründerin von Pinkstinks. Wir „Woken“ müssen dringend mal Fünfe gerade sein lassen, wenn wir bis zur Bundestagswahl 2029 die AfD reduzieren wollen: Deshalb habe ich wokidoki.de gegründet. Wir machen progressive Kampagnen für den Mainstream, nicht für die linke Blase.
Das Problem: Viele linke Initiativen bauen starke Feindbilder auf: Extreme emotionalisieren, machen Likes und Spenden. Aber wir kommen ohne Kompromisse in diesem Land nicht voran. Im Feminismus gehen wir sogar seit Jahren rückwärts. Wut macht Geld, aber keinen Fortschritt.
Wir brauchen: Feministische Kampagnen, die dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Kitaplätze, Frauenkarrieren, Frauengesundheit: Wir müssen wieder an die großen Themen ran, die alle betreffen, und Gendersprache und Co. zurückstellen. Eins nach dem anderen. Und: Kompromisse machen.
„Viele schweigen lieber“
Wer ich bin und was ich mache: Christoph Ploß (CDU). Ich setze mich für verschiedene Themen der politischen Mitte ein, z. B. die Bekämpfung illegaler Migration, Vereinfachungen für den Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte, eine bessere Infrastruktur, mehr Investitionen in den Hamburger Hafen und kein Steuergeld für linke NGOs.
Das Problem: Derzeit herrscht bei vielen Debatten ein Meinungsklima, in dem die Menschen Konsequenzen befürchten, nur weil sie ihre Auffassung äußern. Deshalb schweigen sie lieber. Das trägt nicht zum gegenseitigen Verständnis bei – und ist letztlich auch schlecht für unsere Demokratie.
Wir brauchen: Unterschiedliche Meinungen müssen wechselseitig stärker respektiert und wertgeschätzt werden. Wir brauchen in Deutschland keine „Cancel-Culture“, sondern Meinungsvielfalt – insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und an Universitäten.
„Debatten kippen in Empörung und Vereinfachung“
Wer ich bin und was ich mache: Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard. Ich engagiere mich für gesellschaftliche Öffnung, internationale Perspektiven und die Kraft der Kunst in Krisenzeiten. Auf Kampnagel verhandeln wir diese Themen auf unseren Bühnen, in Festivals, Talks und in Kooperation mit vielfältigen Communitys.
Das Problem: Debatten kippen heute schnell in Empörung und Vereinfachung. Komplexe Themen werden zu Schlagworten, Unterschiede zu Fronten. So verlieren wir den Raum für Austausch, Zweifel und gemeinsame Lösungen.
Wir brauchen: Orte, an denen Vielfalt als Stärke zählt und Zuhören wieder möglich wird. Kunst kann solche Räume öffnen: für Empathie, neue Erzählungen und ein demokratisches Miteinander, das alle einlädt und beteiligt.
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„In den sozialen Medien kann man brisante Themen kaum noch ansprechen“
Wer ich bin und was ich mache: Frederik Braun. Mein Bruder und ich sind Gründer des Miniatur Wunderlandes. Wir gehen immer mit offenen Augen durch die Welt. Es gibt viele Themen, aber im Moment liegt mir der Umgang mit Smartphones bei Kindern und Jugendlichen sehr am Herzen.
Das Problem: Gerade in den sozialen Medien kann man brisante Themen kaum noch ansprechen, ohne mit wütenden Gegenstimmen zu rechnen. Man braucht schon gute Nerven, wenn man in der Anonymität des Webs Menschen eine andere Idee anbieten möchte. Wie es besser sein könnte?
Wir brauchen: Mehr zuhören, nachdenken und vor allem in die Position und Situation des anderen hineinversetzen, warum er das denkt oder sagt. Erst dann antworten und das mit Respekt auf Augenhöhe.