Hamburg
Hamburger Lehrer: Mein Klassenzimmer-Abenteuer in Kuala Lumpur
Thomas Müller ist ein deutscher Lehrer in Kuala Lumpur. Wie sein Alltag zwischen Großstadt und Tropen aussieht – und was hinter den Plüschtigern auf dem Schulhof steckt.
Als Thomas Müller in Kuala Lumpur ins Taxi steigt, fragt der Fahrer ungläubig: „Sind Sie es wirklich?“ Der Name des Fahrgastes steht in der Taxi-App – und löst regelmäßig Verwechslungen aus. Doch dieser Thomas Müller (43) ist kein Fußballstar, sondern ein Lehrer aus Hamburg an der Deutschen Schule Kuala Lumpur. Wie lebt und arbeitet es sich in Malaysia, zwischen Wolkenkratzern, Tropenhitze und Affen? Und warum liegen auf dem Schulhof überall Plüschtiger herum?
Sicherheitsleute bewachen den Eingang zur Deutschen Schule Kuala Lumpur. Es ist optisch wohl der größte Unterschied zu einer Schule in Deutschland. Hinter der Absperrung herrscht fröhliches Gewusel: Kinder lachen und laufen herum, an den Wänden hängen Überbleibsel vergangener Projekte, es gibt einen Hof und Rückzugsorte für die Kinder. Die Schule hat ein eigenes Schwimmbad. Von der Grundschule bis zum Abitur wird hier unterrichtet, nach deutschem Lehrplan. Die Klassen sind klein; in manchen sind es nur acht Schüler. Aktuell sind hier rund 200 Kinder angemeldet.
Hamburger Lehrer in Malaysia: „Es ist ein sehr diverses Land“
Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist die offene Mensa. Fensterscheiben braucht es bei den ganzjährig hohen Temperaturen nicht. Außerdem liegen hier Dorf und Großstadt ganz nah beieinander. Thomas Müller zeigt in Richtung Mont Kiara, einem wohlhabenden Viertel mit etlichen Wolkenkratzern. Zwischen Schule und Mont Kiara liegt ein sogenanntes Kampung, ein traditionelles Dorf. „Das ist ein typisches Phänomen hier in Malaysia. Es ist ein sehr diverses Land“, sagt er.
Thomas Müller ist in seinem vierten Jahr an der Schule, er unterrichtet Sport, Geschichte und Englisch. Er kam kurz nach der Corona-Pandemie nach Malaysia. In Hamburg hat er an Gymnasien in Lohbrügge und in Alsterdorf unterrichtet, bevor er den Schritt ins Ausland wagte – etwas, was ihn schon im Studium interessierte.
Darum ging Thomas Müller nach Malaysia
„Während der Pandemie hatte man viel Zeit zum Nachdenken“, erzählt er. In dieser Zeit ist ihm der Gedanke aus dem Studium wiedergekommen. Er meldete sich bei einem Programm an, das deutsche Lehrkräfte an ausländische Schulen vermittelt. Ein halbes Jahr später bekam er dann das erste Angebot – aus Stockholm. Er entschied sich dagegen. „Die Überlegung war dann, mir ein Jahr frei zu nehmen und mit einem Bus durch Europa zu fahren.“ Alles sei bereits bewilligt gewesen. „Dann kam die E-Mail aus Kuala Lumpur.“
Das habe zunächst exotisch geklungen. Malaysia? Freunde seien wegen der medizinischen Versorgung skeptisch gewesen. „Die ist aber wirklich sehr gut hier“, sagt Müller, mittlerweile aus eigener Erfahrung. „Ich war sofort interessiert, habe mir die Schule auf der Karte angeschaut und es meiner Freundin erzählt.“ Die bewarb sich bei einer Firma in Kuala Lumpur – und wurde direkt genommen. Mittlerweile haben sie geheiratet und leben gemeinsam hier. An seiner neuen Heimat schätzt er vor allem die Menschen, das Essen und die kulturelle Vielfalt.
Müller ist sehr glücklich in Kuala Lumpur, auch wenn er im Vergleich zu Deutschland mehr arbeitet: Der Unterricht und die Veranstaltungen würden sich auf weniger Schultern verteilen. „Das ist nicht schlecht, nur anstrengender. Es ist hier völlig normal, dass man länger in der Schule ist. Gleichzeitig macht es aber auch riesigen Spaß, weil man so viel lernt und Erfahrungen sammelt.“
Deutsche Auslandsschulen als wichtige Brücken nach Deutschland
Zusammen mit seiner Kollegin Eugénie Zander betreut er zudem das Austauschprogramm, das Hamburger Klassen nach Malaysia bringt – und umgekehrt. Der Austausch der 9. und 10. Klassen findet alle zwei Jahre statt. Die Nachfrage sei groß und die Erfahrung für die Jugendlichen unbezahlbar. „Die Klassen tauschen sich untereinander aus und sehen, welche Unterschiede es gibt“, sagt Eugénie Zander. Dazu kämen tolle Ausflüge in den malayischen Dschungel oder umgekehrt zur Sternschanze, an die Elbe und in Museen. Der Renner bei Schülern aus Kuala Lumpur: „Döner! Den lieben sie alle“, sagt Zander.
Viele der deutschen Schüler in Malaysia würden gar nicht den Alltag in Deutschland kennen, so Müller. Doch für die Eltern sei es wichtig, dass ihre Kinder einen deutschen Abschluss machen. Deutsche Auslandsschulen gelten als wichtige Brücken nach Deutschland – viele Absolventen entscheiden sich später für ein Studium oder eine berufliche Laufbahn hierzulande. Schüler aus Deutschland dagegen können bei Interesse im Rahmen eines Gastschülerprogramms die Oberstufe in Malaysia verbringen und dort sogar ihr Abitur machen.
Lehrer als verliehener Beamter im Ausland
Bis zu acht Jahre kann Müller im Ausland bleiben, dann muss er zurück nach Hamburg. Die Auswanderung ist nur temporär, er ist ein verliehener Beamter, sozusagen. Er könnte aber, nachdem er in Deutschland erneut einige Jahre unterrichtet hat, wieder ins Ausland gehen. Ist das eine Option? „Ich würde das niemals ausschließen, weil es eine unglaubliche Erfahrung ist und man Dinge sieht, die einem sonst verborgen geblieben wären. Ich bin super dankbar.“ Ob er nach seiner Rückkehr nach Hamburg etwas vermissen wird? „Vieles, aber vor allem das schöne, warme Wetter.“
Ganz so idyllisch wie sein Leben zwischen Tropen, Schule und Großstadt klingt, ist der Alltag auf dem Schulgelände allerdings nicht immer – zumindest nicht für die „Bewacher“ auf dem Campus. Denn was hat es nun eigentlich mit den Plüschtigern auf sich, die dort verteilt liegen?
Müller lacht: „Die werden wegen der Affen dort platziert. Wegen der vielen Baustellen in der Stadt werden die Tiere aus ihren Habitaten vertrieben. Ab 16 Uhr ist in der Schule nicht mehr so viel los, das nutzen die Tiere, verteilen sich auf dem Fußballplatz und plündern Mülleimer. Die Tiger sollen sie abschrecken.“
Sie sind bereits M+ Abonnement?