„Hamburger Kessel“: 200 Mark Entschädigung für 14 Stunden in Polizeigewalt

Hamburger Kassel
Am 8. Juni 1986 kesselte die Polizei Anti-AKW-Demonstranten auf dem Heiligengeistfeld am U-Bahnhof Feldstraße ein.

Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) nannte den 8. Juni 1986 den „schwärzesten Tag meiner Amtszeit“. Sein Nachfolger Henning Voscherau (SPD) sprach sogar von „staatlicher Geiselnahme“ und der „Spiegel“ bezeichnete die Einkesselung von fast 900 Atomkraftgegnern als „beispiellos in der westdeutschen Demonstrationsgeschichte“. Die Rede ist vom „Hamburger Kessel“. Am Montag jährt sich dieses Staatsversagen zum 40. Mal. Anlass, zurückzublicken und sich auch kritisch mit der Haltung der MOPO von damals zu beschäftigen.

Das Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine war in die Luft geflogen und das AKW Brokdorf in der Wilstermarsch, gar nicht weit von Hamburg, sollte ans Netz gehen. Das war die Situation vor 40 Jahren. Der Protest gegen AKWs in Deutschland wurde massiv.

Polizisten demolierten Autos von Hamburger Demonstranten

Am Samstag, den 7. Juni 1986, zogen Zehntausende Atomkraftgegner Richtung Brokdorf, um gegen die Inbetriebnahme zu protestieren. Das Gebiet war von Polizeieinheiten aus ganz Deutschland weiträumig abgeriegelt. Bei Kleve im Kreis Dithmarschen versuchte der „Hamburger Konvoi“ aus Demonstrationsfahrzeugen, eine Polizeiabsperrung zu durchbrechen. Die linke Szene sprach später davon, dass es eine „Falle“ gewesen sei. Denn im Nu waren Spezialeinheiten des Bundesgrenzschutzes und Mobile Einsatzkommandos der Polizei vor Ort. Mit Schlagstöcken demolierten sie die Autos des Konvois, zerschlugen Scheiben an Bussen und zerstachen Reifen. Der Konvoi kehrte nach Hamburg zurück, und die Empörung der Protestierenden war groß.

Man traf sich in der „Werkstatt 3“ in Ottensen. Unter den AKW-Gegnern waren laut „Taz“ auch Beamte des Staatsschutzes. Diese meldeten der Polizeiführung und Innensenator Rolf Lange (SPD), dass sich am Sonntag, den 8. Juni, Tausende Protestler zu einer gewalttätigen Demo versammeln wollten, um sich für die Attacke der Polizei bei Kleve zu rächen. Im Rathaus und im Polizeipräsidium schrillten die Alarmglocken.

Und tatsächlich flogen am darauffolgenden Sonntagmittag bei einer „Spontandemo“ am Heiligengeistfeld Steine, es wurden Barrikaden gebaut und angezündet. Rund 1000 Polizisten standen in Bereitschaft, um zu verhindern, dass die Protestierenden die Innenstadt erreichen. Doch die Hundertschaften waren zu schwerfällig, sodass sich die etwa 100 bis 200 Gewalttäter unter den Demonstranten ins Schanzenviertel zurückziehen konnten, wo sie die Polizei mit „Nadelstichen“ weiter beschäftigten.

„Hamburger Kessel“: 1000 Demonstranten wurden stundenlang eingekesselt

Am U-Bahnhof Feldstraße blieben etwa 1000 Demonstranten zurück, von denen aber keinerlei Gefahr ausging. Diese Menschen wurden eingekesselt, bekamen kein Wasser und durften über Stunden nicht zur Toilette. Die Polizeiführung löste die Einkesselung jedoch nicht auf, sondern ließ die Demonstranten nacheinander auf 20 Polizeiwachen in Hamburg bringen, um dort ihre Personalien aufzunehmen. Das dauerte fast 14 Stunden!

Polizisten am Pferdemarkt
Eine entscheidende Szene: Militante Demonstranten flüchten Richtung Neuer Pferdemarkt, entgehen so der Einkesselung.

Und nun kommen die MOPO und der Autor dieser Zeilen ins Spiel.

Als junger Polizeireporter war ich damals vor Ort und fotografierte zunächst die Krawalle. Als die Gewalttäter in Richtung Schulterblatt verschwanden, machte ich auch ein paar Bilder des „Kessels“. Dann stellte ich mich zu den Kollegen von „Bild“ und „Abendblatt“, die sich zusammen mit den Polizeiführern auf einer Anhöhe des Bunkers Feldstraße befanden. Wir plauderten und machten Witze über die „langweilige“ Situation.

Gegen 15 Uhr fuhr ich in die Redaktion und lieferte meine Bilder ab. Den Bericht schrieb dann ein Kollege aus der Politikredaktion.

Der Innensenator dankte der Polizei für den angeblich „mutigen Einsatz“

Er hatte die Pressekonferenz des Innensenators Rolf Lange im Rathaus besucht. Der SPD-Politiker dankte der Polizei für den „mutigen Einsatz“ und behauptete, die Beamten hätten „eine Schneise der Gewalt durch die Stadt“ verhindert. Mehr noch, er behauptete, die Demonstranten seien „Anarchisten, Autonome, aus dem RAF-Umfeld und der Hafenstraße“. Nur der als „Rotfunk“ gescholtene NDR und die „Taz“ teilten diese Auffassung nicht.

Die MOPO titelte am 9. Juni 1986: „Brokdorf – Mitten in Hamburg ging die Schlacht weiter“. Das war nicht ganz falsch, ging aber am Thema vorbei.

Was war in unserer Redaktion schiefgelaufen? Die MOPO war von 1949 bis 1980 im Eigentum der SPD. Auch 1986 war der Einfluss der Sozialdemokraten auf die MOPO noch stark. Intern gab es eine „Graue Eminenz“ mit direktem Draht ins Rathaus. Der leitende Kollege sorgte dezent, aber meist erfolgreich dafür, dass die Sichtweise des SPD-Senats prägend in die Berichterstattung unserer Zeitung einfloss. Später wurde ich durch diesen Kollegen öfter zu Gesprächen mit sozialdemokratischen Innensenatoren „gebeten“, damit ich weniger kritisch über die innere Sicherheit berichten sollte. Meist konnte ich mich dieser „Indoktrination“ aber widersetzen. Und zum Glück sind diese Zeiten lange vorbei.

MOPO-Reporter über „Hamburger Kessel“: Ich habe die kritische Situation nicht erfasst

Bis heute nagt es an mir, dass ich die kritische Situation des „Kessels“ nicht erfasst habe. Als ich den Einsatzort gegen 15 Uhr verließ, ging ich davon aus, dass der Kessel bald aufgelöst werden würde. Erst spätabends erfuhr ich über den Polizeifunk, dass immer noch Menschen eingepfercht waren. Gegen 21 Uhr wurde mir schlagartig klar: Da ist eine Riesenpanne passiert. Doch da war die aktuelle Ausgabe bereits im Druck.

Lange und Dohnanyi
Innensenator Rolf Lange und Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (r., beide SPD) nach dem Skandal in der Bürgerschaft.

Schließlich kamen immer mehr Einzelheiten des Skandals ans Licht und die MOPO berichtete zunehmend kritischer. Acht Wochen später musste Innensenator Rolf Lange (SPD) seinen Hut nehmen.

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Vier Polizeidirektoren erhielten wegen 861-facher Freiheitsberaubung gerichtliche „Verwarnungen“ und die Richter stellten fest, dass das stundenlange Festhalten der Protestierenden rechtswidrig war. Jeder der Eingeschlossenen, der klagte, erhielt später 200 Mark Entschädigung. Der Richter sagte: „Machen Sie sich davon einen schönen Tag.“