Hamburger Grundschule gehört zu den besten in Deutschland – das ist das Geheimnis
Unter einem Smartboard hocken etwa 20 Kinder zwischen sechs und neun Jahren mit ihren beiden Klassenlehrerinnen im Stuhlkreis. Die „Adler“ lesen sich abwechselnd selbst geschriebene Geschichten vor, in einem Klassenraum, der mit Sofa und Bücherregalen eher aussieht wie ein Wohnzimmer. Ihre Schule ist zum zweiten Mal unter den 20 besten Deutschlands gelandet. Gegenüber der MOPO verrät Direktorin Regine Seemann ihr Geheimrezept seit 2003.
Auf dem Schulhof spielen Kinder zwischen ihren Lehrern Fangen, sie machen Freiluftpause. Ein typischer Dienstagmorgen in der „Schule an der Burgweide“, die ein besonderes Konzept verfolgt: Etwa 400 Grundschüler zwischen sechs und 12 Jahren lernen jahrgangsübergreifend – und zwar seit 2010 nicht vier, sondern sechs Jahre lang. Damit ist die Schule eine von nur vier sechsjährigen Grundschulen in Hamburg. Nur in Berlin und Brandenburg dauert die Grundschulzeit grundsätzlich sechs Jahre.
Natürlich müssen die Kinder an ihrer Schule auch Rechtschreibung und Bruchrechnung lernen, doch ebenso wichtig seien Selbstständigkeit und Eigenverantwortung, sagt Regine Seemann.Schülerinnen und Schüler können Harfe spielen und gesellschaftliches Engagement lernen und – falls die Konzentration nachlässt – spielen statt rechnen. Im Unterricht entscheiden Kinder selbst, wann sie sich welchem Fach widmen. Sie sollen frei und im eigenen Tempo individuelle Lernziele erreichen – begleitet und unterstützt durch ihre Lehrer.
Seemanns Credo: Jedes Kind auf der Stufe der nächsten Entwicklung individuell fördern und fordern: „Nur weil Kinder die gleiche Klasse besuchen, sind sie nicht alle auf einem Niveau“, so die Pädagogin. Jüngere sollen von Älteren profitieren. Anfangs bräuchten Lehrer viel Mut, den Jungen und Mädchen zu vertrauen: „Doch die Kinder müssen lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, Fehler zu machen und Lösungen zu finden.“
Was die Grundschulen von anderen unterschiedet
„Wir sind eine bunte Schule”, sagt Seemann. Die Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt in Kirchdorf-Süd am Rande von Wilhelmsburg, zwischen Plattenbauten und einem Naturschutzgebiet, aber auch eine ausgedehnte Einzelhaussiedlung gehört zum Einzugsgebiet. Die Schule repräsentiere die Vielfalt der Gesellschaft: An der Burgweide lernen Kinder aus Familien ohne Deutschkenntnisse mit Kindern aus bildungsnahen Familien und Hochbegabte neben Kindern mit Lernschwächen oder Behinderungen. „Bei denen, die unsere Schule verlassen, bin ich mir recht sicher, dass sie nicht rechtsradikal werden”, sagt Seemanns Kollege und Stellvertreter, Moritz Neuenroth.
Sie denken vom Kind aus, erklärt Neuenroth: „Wir passen die Konzepte den Kindern an und nicht die Kinder den Konzepten.” Steigende Anmeldezahlen bestätigen ihren Erfolg: Innerhalb von sechs Jahren ist die Schulgemeinschaft um 150 Kinder gewachsen. Auch unter Lehrern ist ihr Modell beliebt. Doch die Lehrerversorgung der Zukunft ist bedroht: Eine sechsjährige Grundschule ist in der Hamburg Hochschulbildung nicht mitgedacht.
Anfangs hagelte es an der Schule in Wilhelmsburg Kritik
Nach dem Umbruch auf jahrgangsübergreifendes Lernen im Jahr 2013 war Organisation lange ihre größte Herausforderung: Die Übergänge von einer in die andere Lerngruppe mussten geordnet vonstattengehen, außerdem gab es Klassenreisen und Lehrstoff zu organisieren. „Nicht ganz zu Unrecht“ hätten die meisten Schulen Angst, ein neues System einzuführen, meint Seemann.
„Wir wurden als Dorfschule bezeichnet“, erinnert sich Neuenroth. Besonders anfangs gab es Kritik seitens der Eltern: Sie befürchteten, die Leistung gehe durch ein „rückständiges System“ verloren. Andere warfen Lehrern vor, die Verantwortung an ältere Schüler abzugeben und selbst nur „rumzustehen und zuzugucken“.
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Ob die „Schule an der Burgweide“ die Jury bei ihrem Besuch überzeugen kann und sich in Zukunft beste Schule Deutschlands nennen darf, wird Ende Juni entschieden, pünktlich zum 50-jährigen Bestehen der Schule. Seemanns Ziel: Nicht nur den Schulpreis gewinnen, sondern auf das Grundstück nebenan expandieren und die Schulgemeinde vergrößern: 13 statt nur sechs Jahre Unterricht. Sie hofft durch einen Sieg, andere Schulen in Hamburg zu inspirieren und vom Erfolg ihres Modells zu überzeugen. Was mit den 100.000 Euro Preisgeld passieren könnte, darüber sollen dann die Schüler abstimmen.