Hamburger Forscher warnen vor Tsunamis – auch in Nord- und Ostsee
Die meisten verheerenden Tsunamis kennen wir aus dem Bereich des Indischen und des Pazifischen Ozeans. Doch plötzliche Monsterwellen können auch an den norddeutschen Küstenmeeren zur Bedrohung werden.
Hamburger Wissenschaftler haben einen weltweit gültigen Leitfaden für die Tsunami-Vorsorge erstellt. Ein Team um Prof. Dr. Jörn Behrens vom Earth and Society Research Hub (ESRAH) der Universität listet in dem jetzt veröffentlichten Handbuch 25 praktische Hilfen auf, wie sich das Risiko der Monsterwellen für Menschenleben, Infrastruktur und wirtschaftliche Schäden verringern lässt. Und das ist – anders, als wohl viele denken – nicht nur ein Thema für entlegene Küsten, wie Behrens berichtet.
Auch an Nord- und Ostsee gibt es Tsunamis
Weltweit registrieren Experten pro Jahr rund 30 größere Tsunamis mit beträchtlichen Schäden. Bei der größten Katastrophe dieser Art starben 2004 rund um den Indischen Ozean fast 200.000 Menschen. 2011 forderten plötzlich auftretende Riesenwellen, samt dem folgenden Super-GAU des AKW Fukushima, rund 18.000 Menschenleben.
Solche zerstörerischen Überflutungen sind freilich nicht auf den Indischen und Pazifischen Ozean beschränkt. Der Mathematiker und Geowissenschaftler Behrens bestätigt: „Auch an Nord- und Ostsee gibt es Tsunamis.“ In unseren Breiten würden diese nicht durch Erdbeben oder Vulkanausbrüche ausgelöst. Ursache hier sind in den allermeisten Fällen besondere, seltene Wetterlagen. Fachleute sprechen von Meteo-Tsunamis, in Norddeutschland ist dafür ein anderer Begriff verbreitet. Behrens: „Historisch heißen diese Phänomene ‚Seebären‘, was mutmaßlich vom friesischen Wort ‚Bore‘ für Welle kommt.“
Diese Meteo-Tsunamis lassen sich laut dem Experten an den norddeutschen Küstenmeeren mehrmals im Jahr messen. In der Regel seien sie nur wenige Zentimeter bis Dezimeter hoch und verursachen keine größeren Schäden.
Tsunamis heißen an der Nordsee „Seebären“
Allerdings: In der Vergangenheit erreichten Tsunamis auch an Nord- und Ostsee schon gefährliche Dimensionen. So ist ein großer „Seebär“ in der Ostsee aus dem Jahr 1921 dokumentiert. In der Nordsee kam es 1932 zu einem bemerkenswerten Meteo-Tsunami, der sich im Bereich der Doggerbank gebildet hatte. Die Wellen erreichten an den Küsten Höhen von bis zu 1,20 Metern.
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel überschwemmte im Juli 1957 eine Riesenwelle Strände und Deichvorlande im Bereich St. Peter-Ording, die Flutwelle überspülte binnen weniger Minuten die Badesandbank. Strandkörbe wurden mitgerissen, abgestellte Autos soffen ab. In St. Peter wurden drei aufeinanderfolgende Flutwellen beobachtet.
Noch schwerwiegender verlief ein Tsunami im Jahr 1858. Nahezu zeitgleich wurden Helgoland, Sylt und Wangerooge sowie Küstenabschnitte in Dänemark, den Niederlanden, Frankreich und England von einer riesigen Welle getroffen. An der dänischen Nordseeküste erreichte diese bis zu sechs Meter Höhe. Es gibt Hinweise, dass der Ursprung des Tsunamis in der Biskaya oder südlich davon lag und sich die Flutwellen von dort weit nach Norden ausbreiteten.
20 Meter hohe Wellen nach Hangrutsch
Als größter bekannter Tsunami im Norden gilt das Storegga-Ereignis vor etwa 8200 Jahren. In dem Fall war kein meteorologisches Phänomen die Ursache, sondern eine Hangrutschung im Meer vor Norwegen. Es entstanden Riesenwellen mit bis zu 20 Metern Höhe, die in weiten Teilen des Nordatlantiks Überflutungen auslösten, auch im Gebiet der heutigen Nordseeküste Schleswig-Holsteins.
Das generelle Risiko für Tsunamis in Nord- und Ostsee bewertet Experte Behrens zwar als „nicht sehr hoch“, warnt aber im selben Atemzug vor den noch weitgehend rätselhaften Meteo-Tsunamis: „In Ausnahmefällen kann es zu erheblichen Schäden kommen“, zumal „Seebären“ quasi „aus dem Blauen“ entstünden.
Nachholbedarf beim Tsunami-Schutz im Norden
Sind die Küsten in Norddeutschland ausreichend davor geschützt? Der Hamburger Forscher gibt eine differenzierte Antwort. „Teilweise. Es gibt ein deutsches Tsunami-Frühwarnzentrum, das in die Frühwarnketten der Unesco eingebunden ist und das auf Warnungen von regionalen Warnzentren in Frankreich, Portugal und Spanien sowie auf Pegelstationen im Nord- und Ostseeraum aufbaut.“ Für Flutwellen durch Erdbeben und Hangrutschungen sei der Norden damit sehr gut gerüstet.
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Für die Warnung vor Meteo-Tsunamis hingegen wünscht sich der Wissenschaftler weitere Forschungen sowie „die Implementierung von entsprechenden Routinen“. Solche Pläne lägen in seiner Schublade – noch aber fehle es an der Finanzierung für die Umsetzung. (Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de)