Hamburg
Bramfeld
Hamburger Dragqueen: „Mein Vater hielt mich für krank und schlug mit dem Gürtel zu“
Najib Faizi musste lange dafür kämpfen, um so zu leben, wie er es will. Er ist in Afghanistan aufgewachsen, wo schwule Männer verfolgt und gefoltert werden. Als er sich schminkte, verprügelte ihn sein Vater. Najib flüchtete nach Europa – heute tritt der 24-Jährige als Dragqueen auf und hilft anderen queeren Flüchtlingen. Eine Geschichte über Mut, Narben und Bollywood.
Wenn man in Najib Faizis Wohnung kommt, dann betritt man eine andere Welt. Draußen eine graue Wohnsiedlung in Bramfeld, drinnen eine bunte Schatztruhe. Überall stehen hohe Schuhe und Schminkutensilien, Klamotten hängen wild herum.
Auf dem Fernsehbildschirm flimmern Bollywood-Videos. Najib Faizi serviert grünen Tee mit Honig und setzt sich an seinen Schminktisch am Fenster. Unzählige Tuben und kleine Dosen stehen darauf. Najib schaut in den Spiegel, nimmt einen schwarzen Pinsel in die Hand und tupft pinke Farbe über seine Wimpern. „Ich schminke mir am liebsten die Augen“, sagt er. „Aber das ist auch am schwierigsten. Ich musste lange üben, bis ich es so gut konnte.“
Najib Faizi wollte so aussehen wie die Bollywood-Schauspieler
Und Najib hat sehr lange geübt. Mit neun oder zehn Jahren schminkte er sich das erste Mal. Natürlich heimlich, im erzkonservativen Afghanistan gelten schwule Männer als Schande. Ihnen droht die Todesstrafe. Najib trug Lippenstift und Mascara auf – er wollte so aussehen wie die Schauspieler in den Bollywood-Filmen, die er heimlich schaute. Es sind die Filme, die im Hintergrund auf dem Fernseher zu sehen sind.
Als sein Vater erfuhr, dass sich sein Sohn schminkte, verprügelte er Najib mit einem Gürtel. „Er dachte, dass das eine Krankheit, eine Behinderung ist“, sagt Najib. „Das Wort ,homosexuell‘ gibt es in Afghanistan noch nicht einmal.“
Doch der kleine Najib ließ sich von dem Hass seines Vaters nicht unterkriegen. „Ich habe aus Wut weitergemacht“, sagt er. Die Wunden in seinem Gesicht überschminkte er einfach. Eine Narbe unter Najibs rechtem Auge ist noch heute zu erkennen.
Mit zwölf Jahren floh Najib aus Afghanistan. Seine Schwester verlor er irgendwo in der Türkei, als sie auf zwei unterschiedliche Schlauchboote geschickt wurden. Eineinhalb Jahre lang kämpfte der Junge sich durch Europa. Weil er keine Papiere hatte, landete Najib in Ungarn im Gefängnis, musste in der Zelle auf dem Boden schlafen, wurde geschlagen. Insassen drohten, ihn zu vergewaltigen. Najib erzählt von dieser Zeit ohne mit der Wimper zu zucken.
„Die Flucht hat mich stärker gemacht“
„Die Flucht hat mich stärker gemacht“, sagt er. Es war eine Flucht in die Freiheit, zu sich selbst. Doch seine Vergangenheit bleibt eine Last: „Manchmal träume ich noch von den Schlägen. Dann wache ich plötzlich auf und kriege keine Luft mehr“, sagt er.
Heute arbeitet der 24-Jährige als Pflegefachmann in der Asklepios Klinik in Barmbek. Auch auf der Arbeit ist Najib geschminkt. „Viele Patienten sind geschockt, wenn sie mich zum ersten Mal sehen. Manche lachen auch hinter meinem Rücken“, sagt er. „Aber ich mache weiter, schminke mich, auch wenn ich gar keine Lust dazu habe. Ich will Make-up bei Männern normalisieren.“
Seit 2017 tritt Najib als Dragqueen auf. Deutschlandweit performt er, unter anderem auf Hochzeiten. Videos von seinen Auftritten lädt er im Internet hoch. Nach eigenen Angaben ist er die erste Dragqueen aus Afghanistan, die sich offen im Netz zeigt. Manche Clips werden hunderttausendfach angeklickt. Viele würden ihm schreiben, dass er ihnen Mut macht. Aber auch unzählige Hasskommentare hat er schon bekommen. „Man muss mich ja nicht mögen, aber warum hasst man mich? Das verstehe ich einfach nicht“, sagt Najib.
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Der 24-Jährige arbeitet zwei Mal im Monat ehrenamtlich im Magnus-Hirschfeld-Centrum als Übersetzer. Irgendwann will er eine eigene Organisation für queere, afghanische Flüchtlinge gründen. „Diese Menschen wurden ihr Leben lang unterdrückt. Hier in Deutschland können sie zum ersten Mal so sein, wie sie sind.“
Am Samstag wird Najib beim Hamburger Christopher Street Day für Toleranz und Vielfalt demonstrieren – es wird eine riesige Party, die Veranstalter rechnen mit 250.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. „Das ist ein ganz besonderer Tag im Jahr“, sagt Najib. „Wir sind so viele. Ich werde Videos davon ins Internet stellen, dann sieht das die ganze Welt.“