Hamburger Blockade-Bauern erklären: Das steckt wirklich hinter dem Protest

Landwirt Joachim Becker aus dem Kreis Harburg ist unzufrieden mit der Politik.
Landwirt Joachim Becker aus dem Kreis Harburg ist unzufrieden mit der Politik.

Untypische Ruhe an diesem eisigen Montag auf der Willy-Brandt-Straße: Die mehrspurige Verkehrsader ist mit Treckern und anderen Fahrzeugen vollgestellt, der Verkehr in der City durch Bauern lahmgelegt. Jetzt stehen sie zusammen oder wärmen sich in ihren Traktoren auf. Die Stimmung ist friedlich, doch hinter der Ruhe steckt ein ernstes Anliegen, denn mit ihrer Blockade wollen sie zeigen: Wir machen nicht mit bei den Sparplänen der Bundesregierung! Aber warum locken diese die Landwirte jetzt derart aus der Reserve? Der MOPO haben sie erklärt, warum sie so sauer sind.

„Die Ampel muss weg” oder „Keine Zukunft ohne Kuh-Zunft” steht auf Plakaten an Treckern. Mehr als 2000 Fahrzeuge sind laut Polizei in die Hamburger Innenstadt gekommen, um gegen die die Sparpläne der Ampel zu protestieren.

Einer der Landwirte: Till Groth. Er baut im Kreis Pinneberg Getreide an und bietet Dienstleistungen für andere Landwirte an. Neben 70 eigenen bewirtschaftet er so weitere 250 Hektar für Kunden. Warum er heute hier ist? „Um friedlich zu demonstrieren“, sagt er.

Bauern-Protest: Das steckt wirklich dahinter

Die Bundesregierung hat die eigentlich geplante Abschaffung der Kfz-Steuerbefreiung für landwirtschaftliche Fahrzeuge zwar gekippt. Sie hält aber daran fest, Steuervergünstigungen von Agrardiesel zu streichen. Doch das ist nicht alles, worum es den Bauern hier geht, erklärt Groth. „Es hat das Fass nur zum Überlaufen gebracht.”

Landwirt Till Groth hat der MOPO erklärt, warum die Sparpläne das Fass für die Landwirte zum Überlaufen bringt.
Landwirt Till Groth hat der MOPO erklärt, warum die Sparpläne das Fass für die Landwirte zum Überlaufen bringt.

Zu wenig Planungssicherheit, aber zu viel Bürokratie und massive Auflagen – Groth hat den Eindruck, die Landwirtschaft werde von Öffentlichkeit und Politik gegängelt. „Es heißt, es werde zu viel Dünger ausgebracht oder wir würden mit Gülle rumsauen.” Dabei würden die vielen Familienbetriebe, die Landwirtschaft betreiben, „ihr Land niemals mit zu viel Dünger oder Gülle misshandeln.“

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In Deutschland gebe es bereits Auflagen und Kontrollen, die Groth befürwortet. Doch nun gerät es für die Landwirte aus dem Gleichgewicht: Mittlerweile müssten sie mehr am Schreibtisch arbeiten als auf dem Feld und Investitionen wie ein neuer Kuhstall würden durch hohe Auflagen und Prüfverfahren zu teuer.

„Wir müssen schon mit den Witterungsbedingungen klarkommen und aufgrund der minimierten Düngung, die uns vorgeschrieben wird, können wir keine Backqualitäten im Weizen herstellen. Wir können unsere Nahrungsmittelindustrie nicht mehr mit Weizen versorgen, um vernünftiges Brot herzustellen.“ So könne das Getreide nur als Futter verkauft werden – bei weniger Erlös, aber gleichem Aufwand.

Bauer erzählt: „Das ist nicht fair!”

Und jetzt auch noch die drohenden Mehrkosten. Für Groths Betrieb hätte die Abschaffung der Kfz-Steuerbefreiung bis zu 10.000 Euro mehr im Jahr bedeutet. Durch eine höhere Dieselsteuer kämen noch einmal bis zu 12.000 Euro hinzu.

Für manche sei das existenzbedrohend. „Die heimische Landwirtschaft stirbt aus“, warnt Groth. Zwar können die Betriebe die Kosten weitergeben, doch sie fürchten, dass sich Verbraucher das nicht leisten können.

Lahmgelegt! Mit mehreren tausend Fahrzeugen blockierten Landwirte am Montag Hamburgs Innenstadt.
Lahmgelegt! Mit mehreren tausend Fahrzeugen blockierten Landwirte am Montag Hamburgs Innenstadt.

Auch Joachim Becker ist unzufrieden. Er betreibt bei Rosengarten im Landkreis Harburg Ackerbau, ein Gewächshaus für Obst und Gemüse und eine Biogas-Anlage. „Das Problem ist das Gesamtpaket”, sagt er der MOPO. „Das besteht zum einen aus finanziellen Einbußen an mehreren Stellen und aus höheren Auflagen, die Geld kosten und Personal binden. Aber Personal ist knapp und wir kommen mit der Arbeit nicht mehr hinterher. Wenn das alles zusammen kommt, kommen wir in finanziell sehr schwere Fahrwasser.”

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Zudem seien viele Verordnungen aus den vergangenen Jahren nicht nachvollziehbar – und es werde mit zweierlei Maß gemessen: „Ich muss zum Beispiel zwölf Euro Mindestlohn für Erntehelfer für meine Erdbeeren zahlen, nur um dann festzustellen, dass Erdbeeren zum halben Preis aus dem Ausland eingeflogen werden. Von uns fordert man die höchsten Standards, die wir erfüllen, aber anschließend kommt geringer standardisierte Ware her, die uns Konkurrenz macht und unsere Existenz zerstört. Das ist nicht fair.”

Im Norden: Was sich Bauern jetzt wünschen

Groth liegt auch der Ruf der Landwirtschaft am Herzen: „Das ist eine friedliche Demo“, betont er. „Es ist problematisch, dass es aus der Politik heißt, die Landwirtschaft fische am rechten Rand. Das geht vielen Leuten massiv auf den Nerv.“ Wenn sich AfD oder andere Kräfte so etwas zunutze machten, „können die Landwirtschaft und die Familienbetriebe da nichts für“.

Mit Plakaten und Treckern haben Bauern am Montag in Hamburg protestiert.
Mit Plakaten und Treckern haben Bauern am Montag in Hamburg protestiert.

Was er sich von der Politik wünscht? „Dass sie beide Punkte zurücknimmt und uns Planungssicherheit gibt“, sagt er. „Wir möchten, dass die Politik zur heimischen Landwirtschaft steht und auch in Zukunft drauf besteht, dass wir hier Lebensmittel produzieren können.“