Gruselige Geschichte: Der Atom-Bunker unterm Hauptbahnhof

Der Bunker unter dem Hauptbahnhof.
So sieht der Bunker unter dem Hauptbahnhof heute aus. Der historische Ort kann besichtigt werden.

Es ist ein Ort, der an schreckliche Zeiten erinnert: der Tiefbunker unter dem Hauptbahnhof. Im Zweiten Weltkrieg schützte er Tausende vor Bomben, in den 1960er Jahren sollte er bei einem Atomangriff 2700 Menschen 14 Tage länger leben lassen – heute vermitteln Führungen die gespenstische Geschichte des schaurigen Bunkers.

Wer von der Westseite des Hamburger Hauptbahnhofs in Richtung Mönckebergstraße geht, durchquert dabei meist einen Fußgängertunnel. Angesichts von Blumenladen, Bäckerei und Mandelbude dürfte kaum einer der täglich zahllosen Passanten an das menschliche Elend denken, das sich vor fast 80 Jahren tief unter seinen Füßen auf drei Etagen ereignet hat.

„Bei dem Gedränge entstand schon mal Massenpanik, die Todesopfer forderte“

Denn während des Zweiten Weltkriegs quetschten sich bei den häufigen Bombenalarmen in der Hafenstadt bis zu 5000 Schutzsuchende in den Tiefbunker, der von 1941 bis 1943 für rund 2000 Menschen errichtet worden war.

„Bei dem Gedränge entstand schon mal Massenpanik, die Todesopfer forderte“, sagt Sandra Latussek. Die 48-Jährige ist eine der Ehrenamtlichen, die für den Verein Hamburger Unterwelten Besucher durch die unübersichtlichen, grauen, kalten und muffigen Räume und Gänge führen. Die befinden sich heute im Besitz des Bezirksamts Hamburg-Mitte, wie das Amt mitteilte.

Der Bunker unter dem Hauptbahnhof: Schutz vor Atombomben für 2700 Menschen

Latussek schrieb ihre Architektur-Diplomarbeit über die spätere Nutzung der 140 Meter langen und 17 Meter breiten Anlage. Im Kalten Krieg, nach Wiederbewaffnung, Mauerbau und Kuba-Krise, sei zwischen 1963 und 1969 daraus ein Atombunker entstanden, berichtet sie. Der sollte im Ernstfall 2700 Bewohnern 14 Tage reine Luft und damit Schutz vor Radioaktivität gewähren. Bis 2007 wurde er vom TÜV gewartet – dann hatte man es eher mit Angst vor einzelnen Terrorakten zu tun.

Der Zugang zum Bunker unter dem Hauptbahnhof.
Der Durchgang zur Mönckebergstraße – dass ein paar Meter tiefer im letzten Jahrhundert Menschen Todesangst hatten, wissen nur die Wenigsten.

Die Gerätschaften sind noch heute an dem seit 2003 unter Denkmalschutz stehenden Ort zu besichtigen. Kammern mit dreistöckigen Pritschen, auf denen jeder präzise acht Stunden zu liegen hatte, Sitzreihen mit Nackenstützen aus Schaumstoff für den Rest des Tages, ein Sanitätsraum – „der kleinste Raum, den wir hier haben – mit Liege, Lampe, Schrank mit Windeln sowie einigen Medikamenten“, zählt Latussek bei einer Führung auf.

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Eine Miniküche mit Fertigkost. Trockentoiletten. ABC-Filter für die Belüftung, ein Generator für Strom und ein Lager für Benzin. Dazu Tausende von Leichensäcken. Vom eigentlichen Weltkriegsbunker sind nur noch die die 3,70 Meter starken Außenmauern übrig. „In den 1940er Jahren war da auch nichts drin. Bei der Enge konnte niemand umfallen – und wer sitzen wollte, konnte höchstens seinen Koffer oder sein Luftschutzgepäck benutzen“, erzählt Latussek.

Hamburg ist von den Nazis zum „Luftschutzort“ erklärt worden

In das unwirtliche Labyrinth kommt man an der Bahnhofsnordseite und an der Südseite durch zwei unscheinbare Klappen hinein. Sie führen zu zwei mit schweren Metalltoren verschlossenen Eingängen in die eine Hälfte des Tiefbunkers. Der besteht insgesamt aus zwei voneinander unabhängig funktionierenden Teilen. Bereits 1934 war Hamburg von der Nazi-Regierung zu einem von insgesamt 90 Luftschutzorten erster Ordnung erklärt worden.

Der Bunker unter dem Hauptbahnhof.
Nichts für schwache Nerven: Der Bunker unter dem Hauptbahnhof erinnert an eine schreckliche Zeit.

Nach den ersten Angriffen auf Berlin 1940 führte das „Führer-Sofortprogramm“ zum Bau von 1300 Bunkern und Schutzräumen in der Hansestadt. Der neben dem Hauptbahnhof, einer der größten, war kaum fertig, als im Sommer 1943 die Feuerwalzen der alliierten Operation „Gomorrha“ wohl 34.000 Menschen das Leben kosteten und eine Million obdachlos machten.

Der Bunker war nach Angaben von Latussek zunächst nicht in der Obhut der Stadt, sondern der ihres Pächters Reichsbahn. „Auch im Krieg sollten die Züge fahren. Daher brauchte die Bahn Orte, um ihren Reisenden Schutz zu gewähren.“ Bei Kriegsende sei dann der Hauptbahnhof zerstört gewesen. Aus dem Tiefbunker machten die Bahnverantwortlichen ihren Angaben zufolge bis 1947 ein Hotel mit Restaurant für Reisende. Bei Ablauf des Pachtvertrags, Anfang der 1960er, gaben sie die Anlage an die Stadt zurück.

Der Bunker unter dem Hauptbahnhof.
Ein schauriger Ort mit bewegter Geschichte: der Bunker unter dem Hauptbahnhof

Die ABC-Sicherheitsmaßnahmen seien in ihren Augen „eine ganz absurde Geschichte gewesen, weil sie vorn und hinten nicht funktioniert hätten“, meint die Architektin. Sie erklärt: „Wir wissen heute, dass es im Zweiten Weltkrieg praktisch für jeden einen Schutzplatz gegeben hätte. Doch bei späterer atomarer Bedrohung hätte man nur 4,7 Prozent der Hamburger einen Raum zur Verfügung gestellt. Und welcher normale Bürger hätte überhaupt gewusst, wo diese ABC-Bunker sind?“

Seit 2007 organisiert Latusseks Verein im Tiefbunker Führungen und Kulturveranstaltungen, damit die Geschichte dieses Ortes nicht vergessen wird. „25.000 Besucher haben wir hier durchgeschleust“, bilanziert die 48-Jährige. Bei den Führungen mit Menschen aller Altersgruppen erlebe sie Zeitzeugen, die zusammenklappen – weil sie die Erinnerung an die schlimmen Erlebnisse in ihrer Kindheit nicht ertragen. „Und wir haben Schulklassen, die sagen: ‚Na, es gab ja nie Krieg bei uns.‘ Hier können sie dann Geschichte anfassen, dafür müssen sie kein Buch aufschlagen.“