Gewinner in der Corona-Krise: Was ist aus dem Hamburger Fahrrad-Boom geworden?
Das Fahrrad galt als einer der Gewinner der Corona-Krise: Weil es in den Öffis zu eng war und viele Freizeitaktivitäten nicht möglich waren, stiegen die Hamburger plötzlich massenhaft auf das Rad um – oder versuchten verzweifelt, noch eins im Laden zu bekommen. Ist von dieser Entwicklung noch etwas übrig geblieben? Ja, doch damit steht die Politik jetzt vor neuen Herausforderungen.
Thadenstraße, morgens um 8 Uhr: Zum Berufsverkehr wird es voll in der seit 2022 umgewandelten Fahrradstraße, die Altona mit St. Pauli verbindet. Radfahrer fahren dicht nebeneinander, überholen sich gegenseitig oder bremsen verärgert, wenn letzteres nicht möglich ist. Tatsächlich zeigen auch die Zahlen der ganz in der Nähe installierten Infrarot-Detektoren am Neuen Kamp einen deutlichen Anstieg des Radverkehrs: Fuhren dort in einer Woche Mitte Mai 2023 insgesamt 14.214 Radfahrer entlang, waren es in der gleichen Woche im Jahr 2025 schon 33.302. Ähnlich sieht es bislang auch in den anderen Vergleichswochen dieses Jahres aus.
So haben sich die Radzahlen in Hamburg entwickelt
Die automatischen Zählstellen sind über ganz Hamburg verteilt und erfassen Radfahrer mithilfe von Wärmebildkameras, ohne sie zu identifizieren. Am Saseler Damm haben sie sich demnach in den vergangenen zwei Jahren fast verdoppelt: In einer Mai-Woche 2023 wurden 3425 Radfahrer gezählt, in einer Mai-Woche 2025 waren es 6128. An anderen Orten wie der Hoheluftchaussee, dem Dammtordamm oder der Ehrenbergstraße gingen die Zahlen ebenfalls nach oben. Natürlich sind solche Daten auch immer von äußeren Faktoren, wie dem Wetter, abhängig – ein Trend ist trotzdem erkennbar.
„Der Fahrradverkehr ist auf der Elbinsel deutlich mehr geworden“, sagt auch Tim Fandré, der zusammen mit Hannes Leitner seit 2014 das Fahrradgeschäft Vélo 54 in Wilhelmsburg betreibt. „Das sieht man schon daran, was morgens und nachmittags beim Alten Elbtunnel vor den Fahrstühlen los ist.“
Kommentar: Von der Fahrradstadt ist Hamburg noch immer weit entfernt
2024 habe die Branche allerdings die schlechtesten Umsätze der vergangenen zehn Jahre gemacht. „Während Corona wurden wir regelrecht überrannt, da kamen bis zu 40 Anfragen pro Tag“, erinnert er sich. „Hersteller und Händler haben daran geglaubt, dass sich das auf diesem hohen Niveau einpendelt – das war aber nicht der Fall. Durch das übertriebene Nachproduzieren waren die Lager allerdings bis oben voll, weshalb eine Rabattschlacht begann.“ Viele Leute hätten während Corona einen Fahrradkauf vorgezogen und bräuchten jetzt erstmal kein Neues mehr, andere seien durch die vielen Krisen verunsichert.
„Deshalb mussten einige Fahrradhändler Insolvenz anmelden“, fährt Fandré fort. „Allgemein entwickelt sich der Fahrradmarkt aber noch positiv – nur die Hurra-Jahre von 2021 und 2022 sind vorbei.“ Das bestätigen auch die aktuellen Zahlen des Zweirad-Industrie-Verbandes. Ungebrochen sei wiederum die Nachfrage in der Reparatur-Werkstatt, „da muss man schon mal ein paar Wochen auf einen Termin warten“, sagt Fandré. „Das liegt aber auch daran, dass es in Hamburg einen gewaltigen Fachkräftemangel an Zweiradmechatronikern gibt.“
ADFC kritisiert Breite der Radwege in Hamburg
Gleichzeitig ist für so viel mehr Radfahrer an den meisten Orten in der Hansestadt gar kein Platz – „etwa auch zum sicheren Überholen, damit sich Menschen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten nicht in die Quere kommen“, kritisiert Dirk Lau vom Hamburger Fahrradclub ADFC. Sogar auf den neuen schicken Radweg an der Elbchaussee passe gerade so ein Lastenrad.
Er sieht den Senat und Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) in der Verantwortung, die „Vision Zero“ umzusetzen, das bedeutet null Tote im Straßenverkehr. „Die Realität sieht anders aus“, so Lau. Tjarks‘ Behörde betonte in der Vergangenheit immer wieder das Vorhaben, dort, wo es möglich ist, Kfz-, Rad- und Fußverkehr voneinander zu trennen. Im Jahr 2024 starben insgesamt zehn Radfahrer auf Hamburgs Straßen, einige davon bei den berüchtigten Abbiegeunfällen. Erst am Dienstag verlor ein Radfahrer in Hammerbrook bei einem Unfall sein Bein, als er von einem abbiegenden Lkw mitgeschleift wurde. Beide hatten zuvor Grün gehabt.