Gestrandet im Paradies: MOPO-Chefreporter sitzt nach Kriegsausbruch fest
14 Uhr Ortszeit, Samstag. Wir stehen gerade im architektonisch so bemerkenswerten Zentralmarkt von Phnom Penh, als mein Handy brummt. Eilmeldung: USA und Israel haben den Iran angegriffen. Ich erzähle es meinem Reisebegleiter – er ist Reporter beim NDR. Er nimmt die Nachricht ähnlich gelassen auf wie ich. Dass dieser neue Nahost-Krieg Auswirkungen auf unseren Rückflug haben würde? Davon gehen wir nicht aus.
Eine grobe Fehleinschätzung. Ein paar Stunden später gehören wir plötzlich zu den wohl Zigtausenden Reisenden weltweit, deren Flug gecancelt wird.
Bis dahin läuft der letzte Urlaubstag nach Plan. Vormittags besuchen wir das berüchtigte Tuol-Sleng-Genocide-Museum, eine ehemalige Schule, die unter der Schreckensherrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 als Foltergefängnis diente – das Sicherheitsgefängnis S 21. Tausende sind hier festgehalten, gequält, viele ermordet worden. Ein bedrückender Ort.

Danach spazieren wir am Mekong-Ufer entlang, essen mittags in einer Garküche, kehren noch einmal ins Hotel zurück, duschen uns den Schweiß von der Haut. Das Thermometer zeigt 36 Grad im Schatten.
Flughafen Dubai gesperrt: MOPO-Chefreporter Olaf Wunder sitzt in Kambodscha fest
Gegen 18 Uhr startet unser Transfer zum Flughafen. Der Bus quält sich durch den üblichen Stau zum neuen Hauptstadtflughafen, der erst vor zwei Jahren eingeweiht worden ist. Unterwegs fragt mich eine Reisebegleiterin, ob es angesichts iranischer Gegenschläge auf US-Stützpunkte im Nahen Osten wirklich ratsam sei, ausgerechnet über Dubai zu fliegen. Ich mache eine wegwerfende Handbewegung. Wird schon gutgehen, signalisiere ich.
Am Airport fällt mir die außergewöhnlich lange Schlange vor dem Check-in-Schalter unseres Emirates-Flugs nach Dubai auf. Warum geht es so langsam voran? Seltsam auch, dass die Gespräche des Bodenpersonals mit den Passagieren auffällig lange dauern. Dann höre ich, wie eine Italienerin, die vorne bereits fertig ist, ihren Freunden weiter hinten mit besorgter Miene zuruft, der Flughafen Dubai sei gesperrt.
Das Erste, was mir durch den Kopf geht: „Ach du Sch…“.

Sorgen schießen hoch: Wie lange hängen wir jetzt fest? Wo verbringen wir die Nacht? Wer zahlt das alles? Und was sagt der Arbeitgeber? Am Montag muss ich schließlich wieder in die Redaktion …
Passagiere lassen ihren Ärger am Emirates-Personal aus
Gestrandet im Paradies. Keine Chance, den geplanten Flug in die Heimat anzutreten. Dass es so etwas gibt, weiß jeder. Nur passiert so etwas angeblich immer nur den anderen. Jetzt bin ich selbst betroffen. Im Nu ist die Erholung der vergangenen zwei Wochen wie weggeblasen.
An den Emirates-Schaltern ist die Stimmung gereizt. Passagiere lassen ihren Ärger am Personal aus, das auf keine Frage eine Antwort hat. Ich schreibe eine WhatsApp an den Notfallkontakt meines Reiseveranstalters – und werde ungeduldig, als nicht sofort eine Rückmeldung kommt.
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„Bitte geben Sie uns 30 Minuten Zeit“, sagt eine Emirates-Angestellte am Schalter. „Danach kommen Sie bitte wieder, dann können wir Ihnen hoffentlich etwas sagen.“
So viel Geduld hat niemand. Schon 20 Minuten später bildet sich erneut eine Schlange. Was ist jetzt? Wie geht es weiter? Können Sie uns nicht umbuchen – über Vietnam oder Thailand nach Frankfurt? Alle wollen eine Lösung. Und zwar sofort. Verständlich. Nur kann das natürlich nicht funktionieren.
Riesiges Gedränge am Flughafen: Passagiere müssen zurück ins Hotel
Am Ende bietet Emirates für die kommende Nacht lediglich an, dass gleich ein Bus kommt, der uns „zu einem Hotel“ bringt. „Sobald es etwas Neues gibt, bekommen Sie eine Mail“, lautet das Versprechen. Als der viel zu kleine Bus tatsächlich vor dem Airport steht, gibt es ein riesiges Gedränge. Danach kurven wir erneut quälend lange durch Phnom Penh, bis wir vor einem riesigen Betonklotz halten. 80, 90 verhinderte Dubai-Passagiere drängen sich vor der Rezeption. Eine Stunde später stehen wir im Zimmer – und wissen immer noch nicht, wann es nach Hause geht.

Unterdessen kommen die ersten besorgten Anrufe. Meine Freundin ist ganz aufgelöst. „Bist du etwa in Dubai? Ich habe gerade im Fernsehen gesehen, dass der Flughafen mit Raketen beschossen wurde!“ Ich kann sie beruhigen: „Nein, Schatz. Ich bin nicht in Dubai. Ich bin noch in Phnom Penh. Mach dir keine Sorgen.“
„Geht’s dir gut? Bist du in Gefahr?“
Kaum habe ich aufgelegt, klingelt das Handy wieder. „Geht’s dir gut? Bist du in Gefahr?“, will ein Freund wissen. Mehrere Bekannte, die ebenfalls irgendwo auf der Welt auf einem Flughafen festsitzen, schreiben mir. Sie fragen, ob sich bei mir schon eine Lösung abzeichnet – in der Hoffnung, dass es bei ihnen dann auch bald weitergeht.
Erst mal runterkommen. Ich esse zu Abend, trinke auf den Schreck ein, zwei Bier mehr als sonst, falle erschöpft ins Bett. Als ich gegen 3 Uhr nachts aufwache und aufs Handy schaue, ist da die Nachricht des Reiseveranstalters: „Wir haben Flüge für Sie über Bangkok gebucht. Aber erst am Dienstag.“
Zwei Tage mehr Urlaub? Eher nicht. Die Pflicht ruft. Bis nach Südostasien. Heißt: Homeoffice. An sich nichts Besonderes. Und im Vergleich zu den Folgen für die Welt, die die Angriffe auf den Iran haben, auch eher eine Kleinigkeit.
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