„Gespenstische Stille“: Hamburgerin über stundenlangen Horrorflug
Stundenlang kreiste am 26. Januar eine Passagiermaschine der Airline TAP über Norddeutschland: Wegen technischer Probleme konnte sie nicht weiter nach Lissabon fliegen, wegen zu hohen Gewichts aber auch nicht notlanden – es musste zunächst möglichst viel Kerosin verbrannt werden. Eine Hamburgerin (55) schildert die Atmosphäre an Bord, berichtet von einer bereits verfassten Abschiedsnachricht an ihre Familie, von 100 Passagieren, die einen schicksalhaften Moment im Leben teilten, von Tränen, Dankbarkeit und blöden Witzen nach der Notlandung.
Mir fiel schon gleich nach dem Start auf, dass irgendwas nicht stimmte: Wir waren viel zu niedrig, die Maschine kam gar nicht richtig hoch. Ziemlich schnell kam die Ansage, dass wir nach Hamburg zurückkehren müssen. Da gab es schon Unmut bei einigen Passagieren, die in Lissabon auf ein Kreuzfahrtschiff wollten.
Die Maschine war aber zu schwer und musste erst mal Kerosin verbrauchen. Wir würden jetzt eine Weile im Kreis fliegen, hieß es. Viele griffen nach ihren Telefonen, wollten ihre Anschlussflüge checken, Nachrichten schreiben oder telefonieren, aber das WLAN wurde abgestellt. Eine gespenstische Stille breitete sich aus.
Horrorflug: „Große Schicksalsergebenheit“
Zwei Frauen haben geweint, ich habe aus dem Fenster geblickt, sah die Sonne durch die Wolken auftauchen und verschwinden, immer wieder, wir flogen ja Kreise. Erst jetzt, mehr als eine Woche später, traue ich mich, meine Gefühle in den Stunden mal genauer anzusehen. Es war eine große Schicksalsergebenheit. „Wenn es das war, dann hattest du ein gutes Leben“, habe ich etwa gedacht, und: „Du musst deiner Familie noch etwas schreiben.“ Ich habe tatsächlich eine Abschiedsnachricht an meine Familie geschrieben und abgespeichert. Verschicken ging ja nicht.
Niemand sagte uns, was genau eigentlich los ist, wie lange wir noch so kreisen würden – was ich schlimm fand, aber im Nachhinein denke ich: Genau richtig. Es ist auch gut, dass wir nicht mitbekommen haben, was am Boden los war, dass die Hamburger Krankenhäuser sich auf einen Massenanfall von Verletzten vorbereitet haben.
Irgendwann hieß es, wir landen gleich in Hamburg. Die Maschine sackte ab und schoss wieder nach oben, wie im Fahrstuhl. Das Fahrwerk wurde aus- und wieder eingefahren – wir waren durchgestartet. Als wir beim zweiten Versuch durch die Wolken stießen und ich das blinkende Meer von Blaulicht am Flughafen sah, wusste ich: Wir haben offenbar ein sehr ernsthaftes Problem. Ich dachte aber auch: Egal, was jetzt passiert, die da unten holen dich hier raus.
Hamburgerin im Flugzeug: „Ich feier’ die Piloten“
Es folgte eine harte Vollbremsung, alle stützten sich am Vordersitz ab – und applaudierten. Ganz ehrlich: Unser aller Leben lag in den Händen der Piloten, und irgendwie ja auch das Leben unserer Familien. Ich feier’ die wirklich.

An der Gangway wurden wir von Rettern erwartet, die uns anfassten und in die Augen sahen: „Sind Sie okay?“ Ich sagte spontan zu einer Frau: „Gut, dass Sie hier sind.“ Darauf sie: „Nee, gut, dass Sie hier sind!“
Im Bus zum Terminal machten ein paar junge Typen blöde Witze über Abstürze, einfach, um sich der eigenen Lebendigkeit zu versichern. Wir anderen unterhielten uns über oberflächliche Dinge: Wo sind die Klos? Was sollten wir uns auch sagen? Wir hatten ja alle dasselbe erlebt.
Nach Notlandung: Tränen auf dem Flughafen-Klo
In der Toilette im Terminal bin ich in Tränen ausgebrochen, weil ich gerade mit 100 Fremden einen Schicksalsmoment geteilt hatte. Mit Menschen, die ich vermutlich niemals wiedersehen werde.
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Ziemlich schnell kam die Ansage, eine Ersatzmaschine Richtung Lissabon stehe bereit. Fast alle wollten mit. Auf dem Rollfeld stellten wir fest: Es war dieselbe Maschine. Unglaublich. Ich zögerte, aber dann dachte ich: Wenn du da jetzt nicht einsteigst, war’s das, dann wird jeder neue Flug ein Riesenproblem.
Wir sind also los – und in dieses Riesensturmtief über Portugal geraten. Das war fast noch beängstigender als das Kreisen über Niedersachsen. Aber wir haben auch das überstanden. Die Abschiedsnachricht an meine Familie habe ich natürlich nicht abgeschickt, aber ich habe sie noch abgespeichert. Als Erinnerung daran, was wirklich wichtig ist, wenn man glaubt, das Leben könnte gleich vorbei sein. (Aufgezeichnet von Stephanie Lamprecht.)
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