Geschichten vom Meer

In Belfast zündelt der reichste Mann der Welt

Menschen beobachten in East Belfast ein brennendes Fahrzeug mit dichter Rauchwolke bei einer Demonstration.
Nach einem Messersangriff kam es zu Ausschreitungen in Belfast.

Nach einem Messerangriff ziehen Vermummte durch Belfast und sorgen für Ausnahmezustand, angestachelt von Tesla-Milliardär Elon Musk. Wie gehen wir künftig mit dem Agitator um?

Belfast habe ich als Hafen mühsam unterdrückter Gewalt kennengelernt. Folgen der „Troubles“, des Bürgerkriegs zwischen pro-britischen Protestanten und pro-irischen Katholiken, sind bis heute zu spüren. Die Stadtviertel Falls und Shankill trennt eine meterhohe Mauer, eine „Friedenslinie“ aus Beton, die einen neuen Krieg zwischen Nachbarn verhindern soll.

Belfast ist für mich der Moment, als ein Vermummter aus einem Auto springt, weil ich das Wandgemälde einer paramilitärischen Gruppe fotografiere. Belfast ist der Taxifahrer, der ein Gummigeschoss aus dem Handschuhfach holt und es lachend „britisches Souvenir“ nennt.

Schon lange geht es nicht mehr um den Streit zwischen Konfessionen in diesem kaum versteckten Ausnahmezustand, sondern um die Kontrolle von Drogen und ein Ventil für aufgestaute Wut. In einigen „Estates“, also Sozialbausiedlungen, lebt jedes vierte Kind unterhalb der Armutsgrenze.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Vor Kurzem erschien sein neues Buch „Kapitäne!“

Nun hat es in Belfast wieder gebrannt.

Maskierte ziehen durch Arbeiterviertel in Belfast

Nach einem brutalen Messerangriff, bei dem ein 30-jähriger Asylbewerber aus dem Sudan festgenommen wurde, zogen Maskierte durch die Arbeiterviertel. Sie zündeten Autos und einen Bus an und grölten „Ausländer raus!“ Ein Pfarrer, der Augenzeuge wurde, sagte Reportern, es seien Menschen aus ihren Häusern gezogen worden, „nur wegen ihrer schwarzen Hautfarbe“. Nennen wir es, wie es ist: ein rassistisches Pogrom.

Die Polizei von Nordirland hatte appelliert, das Video der furchtbaren Tat nicht zu verbreiten. Vorbestrafte Rechtsextreme wie Stephen Yaxley-Lennon (besser bekannt als „Tommy Robinson“), ein ehemaliger Hooligan, hielten sich nicht daran. Milliardär Elon Musk, reichster Mensch der Welt und Internet-Hooligan, heizte die Proteste auf seiner Plattform X an.

Wie geht man mit Elon Musk um?

Die Frage, wie mit dem Agitator Musk umzugehen ist, um den gesellschaftlichen Frieden in Europa zu bewahren, ist für mich eine der drängendsten politischen Fragen unserer Zeit. Vor unseren Augen entsteht ein Superbösewicht, ein Ketamin-Kermit, der an einen Schurken aus einer James-Bond-Persiflage erinnert.

Vor einer Woche wurde in Nordirland ein Mörder verurteilt, ein weißer Brite, der seine schwangere Freundin mit Dutzenden Messerstichen abgeschlachtet hatte. Er bekam 31 Jahre Haft. Proteste gab es keine. Auch keine Aufrufe dazu. Elon Musk schwieg.

Mich beschäftigten die Ausschreitungen von Belfast nicht nur, weil ich die harte Stadt mag. Auf der Facebook-Seite unseres kleinen Radiosenders kam es wegen der Meldung der Unruhen zu Angriffen von Rechtsradikalen, die seltsamerweise nicht wollen, dass die Täter von Belfast rechtsradikal genannt werden. Alles „besorgte Bürger“, da sind sie wieder. AfD-Botschaften im Profil, viele deutsche Adler und Hinweise auf einen erhofften „Umsturz“.

Mir scheint, als warteten auch bei uns manche darauf, dass sich ein Ventil für Gewalt öffnet, die noch mühsam unterdrückt wird.

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