Ankerherz

Hackerangriff: „Der Kapitän hat die Kontrolle über das Schiff verloren“

Kreuzfahrtschiff MSC Divina fährt in die Hafenbucht von Mykonos ein.
Sechs Spaßvögel hatten das Kommunikationssystem der „MSC Divina“ gekapert.

Sechs junge Männer kapern das Kommunikationssystem eines Kreuzfahrtschiffs – und lösen einen Großeinsatz aus.

Morgenlicht lag über dem Mittelmeer und das große Kreuzfahrtschiff zog eine weiße Bahn in die See. Noch war nicht viel los an Bord der 333 Meter langen „MSC Divina“; die meisten der knapp 4200 Passagiere schliefen noch. Doch auf zwei Decks drangen Durchsagen aus den Lautsprechern. Reisende und Crewmitglieder, die sie hörten, waren sofort sehr wach.

„Der Kapitän hat die Kontrolle über das Schiff verloren“, sagte eine Stimme. Es treibe manövrierunfähig auf dem Meer.

Um kurz nach 6.30 Uhr gingen Notrufe bei den Behörden ein. Auf der Brücke der „MSC Divina“ muss in diesen Minuten eine Art Ausnahmezustand geherrscht haben. Der Kapitän hatte nicht die Kontrolle über das Schiff verloren – aber jemand, der nicht dazu autorisiert war, hatte die Kontrolle über das bordeigene Kommunikationssystem gewonnen. Wie war das möglich?

Im Hafen von Neapel gingen Grenzpolizisten und Mitglieder der Küstenwache an Bord. Die Täter waren, so meldet es die Tageszeitung „La Repubblica“, schnell ermittelt: Sechs junge Männer, allesamt aus der Stadt am Vesuv, die sich auf der Reise zwei Kabinen geteilt hatten. Ihre Motivation? Zu den Hintergründen ist noch wenig bekannt.

Der Autor

Stefan Kruecken steht vor heller Wand in maritimem Umfeld und trägt dunkle Kappe mit Logo.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizei- reporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriftenwie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Gerade ist sein neues Buch „North Star“ erschienen.

Wie war es sechs Touristen gelungen, in das Computersystem eines modernen Kreuzfahrtschiffs einzudringen? Wie schafften sie es, eine Sicherheitslücke zu finden? Das sind Fragen, die in den nächsten Tagen nicht nur IT-Experten der Reederei beschäftigen, sondern auch zu Systemprüfungen und erhöhtem Blutdruck in anderen Konzernen führen dürften. Ergebnisse der Untersuchung müssen auch mit Panama geteilt werden, dem Flaggenstaat des Schiffes.

Die Vorstellung, dass Hacker die Kontrolle über ein großes Seeschiff erlangen, ist das Albtraumszenario jeder Sicherheitsbehörde. Wie und was könnte einen 400 Meter langen Koloss in voller Fahrt stoppen, der die Elbe Richtung Hamburg heraufläuft?

Auch die Welt der Seefahrt wird von Cyberkriminellen angegriffen. Nach dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine verhundertfachte sich die Zahl digitaler Attacken auf den Hamburger Hafen, teilte die Hamburger Hafenverwaltung (HPA) vor ein paar Monaten auf dpa-Anfrage mit. Auch in Bremerhaven und Wilhelmshaven ist es kaum anders. Details dazu gibt man ungern raus, auch nicht zu den Angreifern, die ihre Herkunft verschleiern.

Vielleicht war es nur ein Streich von sechs gelangweilten Kerlen auf der „MSC Divina“. Falls es ihnen um den Nervenkitzel der Aufmerksamkeit ging: Das wäre gelungen. Die jungen Männer müssen sich demnächst wegen eines Potpourris aus Gesetzesverstößen vor Gericht verantworten.

Kommentare öffnen