Die Leidens­fähigkeit der Schiffsärzte

Kreuzfahrtschiff in der Ferne
Auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ ist das Hantavirus ausgebrochen.

Was die Besatzung und Passagiere der „MV Hondius“ gerade erleben, taugt als Stoff für einen Horrorfilm: Sie sind weit draußen auf dem Ozean, fern jeder Hilfe, auf einem kleinen Kreuzfahrtschiff mit einem tödlichen Virus an Bord. Drei Menschen sind tot, mehrere haben sich infiziert. Unter den Erkrankten soll auch der Schiffsarzt sein.

Welche Verantwortung ein Mediziner auf See trägt, berichtete mir Dr. Horst Schramm, mit dem ich ein Buch über seine Abenteuer auf Luxuskreuzfahrtschiffen schrieb. „Dr. Kreuzfahrt“, so heißt es, hat wenig mit „Traumschiff“-Schmalz aus dem ZDF-Abendprogramm zu tun, sondern bietet echtes Drama: Blinddarm im Sturm auf der Biskaya. Darmverschluss mitten auf dem Pazifik. Seekranke bei Windstärke 15 vor der Küste Islands.

Ein Schiffsarzt erzählt

„Ich war oft auf mich allein gestellt“, sagte mir der alte Doc. „An Land wähle ich im Notfall nach Erstversorgung die 112 – auf See bekomme ich höchstens Unterstützung übers Internet.“ Nahe der Küste könne ein Patient noch per Hubschrauber evakuiert werden, doch je weiter ein Schiff draußen sei, desto schwieriger werde die Betreuung in seiner kleinen Bordklinik.

Stefan Krücken
Stefan Kruecken

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.

Alle aktuellen Folgen dieser Kolumne finden Sie hier.

Die ersten Schiffsärzte der Geschichte fuhren an Bord römischer Galeeren mit, was man auch als Tuning im Maschinenraum interpretieren kann: Sie kümmerten sich um verletzte Ruderer. Endgültig setzte sich die Idee durch, einen Mediziner mitzunehmen, als die Zeit der großen Expeditionsreisen begann.

Die britische Royal Navy galt als besonders fortschrittlich, wobei zu erwähnen ist, dass es vor allem Chirurgen und Barbiere waren, die bei ihrer Tätigkeit von Schiffsköchen unterstützt wurden. Zumindest rekrutierte man keine Landschlachter.

Wenngleich deren Talente gefragt gewesen wären in den großen Seeschlachten. Auf britischen Linienschiffen der napoleonischen Zeit richteten Ärzte sogenannte „Cockpits“ ein – improvisierte Operationsräume tief im Bauch des Schiffs, unterhalb der Wasserlinie. Dort amputierten die Ärzte im Minutentakt Arme und Beine.

Cholera, Typhus und Ruhr an Bord der Auswandererschiffe

Aus den Aufzeichnungen von Schiffsärzten wissen wir heute, welcher Horror sich an Bord der Auswandererschiffe abspielte, die von Europa aus nach Nordamerika segelten: Cholera, Typhus und die Ruhr rafften die Passagiere in den überfüllten und übelst verdreckten Zwischendecks dahin. Mediziner waren vor allem als Leichenbeschauer gefragt, bevor sie die Körper der See übergaben.

Das könnte Sie auch interessieren: Virus-Drama auf Kreuzfahrtschiff: Passagierin in deutscher Klinik

Zu den bekanntesten Schiffsärzten der maritimen Historie gehören die Iren William O’Loughlin und John Edward Simpson, die an Bord der „Titanic“ bis zuletzt versuchten, panische Passagiere zu beruhigen und sie in Rettungsboote zu bekommen. Sie sollen nach Augenzeugenberichten auf Schwimmwesten verzichtet haben.

Leidensfähigkeit gehöre zum Beruf des Schiffsarztes. Die Gabe, im Angesicht jeder Situation resilient zu sein, sagte mir Dr. Schramm. Denn schlimmer? Das gehe nach seiner Erfahrung immer.